Bitte deaktivieren Sie Ihren Ad-Blocker

Für die Finanzierung unseres journalistischen Angebots sind wir auf die Anzeigen unserer Werbepartner angewiesen.

Klicken Sie oben rechts in Ihren Browser auf den Button Ihres Ad-Blockers und deaktivieren Sie die Werbeblockierung für FR.de. Danach lesen Sie FR.de gratis mit Werbung.

Lesen Sie wie gewohnt mit aktiviertem Ad-Blocker auf FR.de
  • Zum Start nur 0,99€ monatlich
  • Zugang zu allen Berichten und Artikeln
  • Ihr Beitrag für unabhängigen Journalismus
  • Jederzeit kündbar

Sie haben das Produkt bereits gekauft und sehen dieses Banner trotzdem? Bitte aktualisieren Sie die Seite oder loggen sich aus und wieder ein.

Italienische Schule in Ungarn: Marco Rossi. Foto: AFP
+
Italienische Schule in Ungarn: Marco Rossi.

Gegner der DFB-Elf

EM 2021: Deutscher Gegner Ungarn - Herr Rossi sucht das Glück

  • Frank Hellmann
    VonFrank Hellmann
    schließen

Der emotionale italienische Trainer spielt eine Schlüsselrolle bei den Ungarn. Und er hat eine Vergangenheit bei Eintracht Frankfurt.

Was sich im Örtchen Telki Medienzentrum der ungarischen Nationalmannschaft nennt, ist im Grunde eine umgebaute Scheune mitsamt überdachtem Terrassenbereich. Gleich neben dem Eingang hängt eine Nationalflagge an der Wand – und davor steht ein Abbild von Marco Rossi. Der ungarische Nationaltrainer grüßt als grinsender Pappkamerad, hält einen Spieler im Arm ohne Kopf: Besucher posieren für ein Erinnerungsfoto, auf dem einen der Nationalcoach umarmt. Es ist ein gutes Sinnbild für das, was mit der Amtsübernahme des Italieners bei den Magyaren passiert ist. Da hat einer vieles zusammengeführt.

„Als ich im Juni 2018 nach Telki kam“, erinnert sich der 56-Jährige, „wurde ich von einer Atmosphäre wie bei einer Beerdigung begrüßt.“ Sein Vorgänger, der Belgier Georges Leekens, hatte die vom deutschen Trainergespann Bernd Storck und Andreas Möller durch die EM-Teilnahme 2016 ausgelöste Euphorie nicht nutzen können. Ungarn hatte zwar EM-Spiele 2020 in Budapest garantiert, drohte aber die Qualifikation nicht zu schaffen. Rossi ist bald in die Rolle des Erlösers geschlüpft. Oder war er mehr der Einpeitscher? Oder doch der Reformer? Vermutlich alles in einem. Seine Erfolgsquote mit 15 Siegen in 31 Länderspielen ist das eine, die überaus achtbaren Leistungen gegen Portugal und Frankreich das andere.

Da sorgte einer für Offenheit und Lockerheit, arbeitete mit Strenge und Fürsorge. Und brachte einen taktischen Plan mit, der für diese an den hohen Maßstäben des Weltfußballs gemessen eher limitierte Auswahl passen würde. Auch gegen Deutschland werden die Ungarn gewiss nicht die Flucht nach vorn antreten, sondern in ihrem 5-3-2-System erstmal sicher stehen. Ansonsten geht viel über die Motivation, wobei der Coach vor Anpfiff die feurigen Reden seinem Kapitän Adam Szalai in der Landessprache überlässt – Rossi redet Englisch mit seinen Akteuren. Dass er jetzt dem Weltmeistertrainer Joachim Löw die Hand schütteln darf, empfindet er als ein Geschenk des Himmels. „Bisher habe ich eine EM immer nur am Fernseher gesehen.“

Guter Trainer, guter Typ

Als Spieler war er nicht mal gut genug für den damaligen Zweitligisten Eintracht Frankfurt, wo der Abwehrspieler in der Saison 1996/97 keine tiefen Spuren hinterließ. Die Zeit unter einem „sehr sympathischen Trainer Dragoslav Stepanovic“, wie Rossi einmal verriet, will er trotzdem nicht missen: „Ich hätte damals einen Dreijahresvertrag in Frankfurt unterschreiben können, obwohl ich 32 Jahre alt war, bin dann aber nach Italien zurückgekehrt.“

Dort trainierte er zunächst unterklassige Vereine, ehe 2012 George F. Hemingway anrief, ein guter Bekannter und Besitzer von Honved Budapest. Rossi sagte auch wegen seiner Familiengeschichte zu, die mit der im WM-Finale 1954 gegen Deutschland gescheiterten Legende Ferenc Puskas verknüpft ist: „Mein Großvater Luigi war ein großer Fan der ‚Goldenen Elf‘ Ungarns, die nach dem Krieg den Weltfußball dominierte. Er hat mir jeden Tag, wenn er mich zum Training fuhr, von dieser Mannschaft erzählt.“ Und siehe da: Herr Rossi sollte sein Glück in Ungarn finden: Nachdem er Honved Budapest 2017 zur Meisterschaft führte, verpflichtete ihn der Verband.

Seitdem coacht ein echter Gentleman die Puskas-Erben. Bestens gekleidet, höflich und auskunftsfreudig selbst in virtuellen Pressekonferenzen – ganz im Gegensatz zu vielen Kollegen. In der Coaching Zone ist der Glatzkopf ständig in Aktion. Willi Orban, sein Abwehrchef von RB Leipzig, beschreibt seinen Trainer als „typisch italienisch: sehr emotional, er ist sehr laut und legt viel Wert auf Taktik; dass wir immer eine hohe Disziplin an den Tag legen.“ Gleichwohl habe der Fußballlehrer ein offenes Ohr für das, was seine Spieler über die Herangehensweise denken. Kurzum: „Einfach ein guter Typ und neben dem Platz ein guter Mensch.“

Peter Gulacsi, der Torwart von RB Leipzig, erkennt einen „Toptrainer mit großem Herz, menschlich absolut überragend. Er versteht uns Spieler sehr gut und setzt auf defensive Stabilität - die italienische Schule.“ Ob damit die Deutschen zu knacken sind? Aber dass es überhaupt die theoretische Chance gibt, den dreifachen Europameister aus dem Turnier zu werfen, macht viele Fußballfans in Ungarn unglaublich stolz. Selbst die teuren Modegeschäfte in Budapest haben Schaufensterpuppen mit dem ungarischen Nationaltrikot auf die Straße gestellt. Man könnte ihnen den Pappkamerad von Marco Rossi aus Telki rüberschaffen, dann würden sie sogar umarmt. (Frank Hellmann)

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare