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Dass Jogis Frisur wie ein Helm aussieht, ist bestimmt nur dem Zufall geschuldet.

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Joachim Löw versteht den modernen Fußball wieder

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Mit jungen Leuten kann der gemächlich aufs Rentenalter zusteuernde Joachim Löw umgehen. Unser Kommentar.

Joachim Löw hat zuletzt mindestens moderat ausgeteilt und im Gegenzug etwas weniger moderat einstecken müssen. Dass der Südbadener über ausreichende Nehmerqualitäten und Verdrängungsmechanismen verfügt, um Krisen in dem ihm typischen verschleppten Tempo zu meistern, hat er in seiner 13 Jahre währenden Bundestrainertätigkeit mehrfach nachgewiesen. Und auch wenn den 59-Jährigen sein Fußballsachverstand bisweilen im Stich ließ, hat er sich, ohne dabei in allzu viel Eile zu verfallen, stets noch zeitig an die Moderne angepasst.

Dass dabei auch radikale Entscheidungen zur Unzeit mitten in der Hochsaison herauskommen wie bei der fristlosen Kündigung von drei Führungspersönlichkeiten, nimmt Löw dabei in Kauf. Seine Frisur sieht derweil noch mehr als je zuvor aus wie ein Helm. Ganz so, als biete sie Schutz vor der beherrschbaren Unbill dort draußen. Aber das ist bestimmt nur dem Zufall und seiner Eitelkeit geschuldet, auf die niemand ernsthaft böse sein kann. So ist er halt, der Jogi.

Joachim Löw hat seine Jungs mit dem richtigen Ton gepackt

Er ist dennoch zuletzt einer ganzen Menge Menschen irgendwie auf die Nerven gegangen. Auch einigen im eigenen Verband, die ihn eigentlich mögen, weil er ohne List und Tücke agiert, aber eben manchmal auch unvorhersehbar eigen. Dann haben sie alle miteinander viel Arbeit mit ihrem Bundestrainer, der das gar nicht recht verstehen mag in seinem Eile-mit-Weile-Selbstverständnis.

Die WM hat allen voran Löw gründlich verbockt und damit auch die Autorität eines Weltmeistertrainers eingebüßt. Aber es hat den Anschein, als hätte er, noch verstärkt durch den Abstieg aus der ersten Liga der Nations League, dennoch die Kabine nicht verloren. Jedenfalls nicht die Kabine, die jetzt noch vor Ort sein darf. Ohne Hummels, Müller, Boateng.

Mit jungen Leuten kann der gemächlich aufs Rentenalter zusteuernde Löw umgehen. 2010 konnte er das bei der Weltmeisterschaft in Südafrika, 2017 beim Confederations Cup in Russland auch, und auch jetzt, im Nachbeben der krisenhaften Entwicklung, könnte das wieder so sein. Löw hat seine Jungs in der Vorbereitung auf den Clash vom Sonntag jedenfalls mit dem richtigen Ton gepackt, sonst wäre diese reife Gemeinschaftsleistung in „Wir-zeigen’s-Euch-Manier“ nicht möglich gewesen. Außerdem hat er klug ausgewechselt, beide Joker Gündogan und Reus stachen in der unmittelbaren Vorbereitung zum Siegtor.

Das facettenreiche 3:2 in den Niederlanden war auch deshalb monströs, weil es dem Bundestrainer bis mindestens zum Rückspiel im September in Hamburg seine liebe Ruhe schenkt. Ein Erfolg der Bayern neulich gegen Liverpool und eine Niederlage des DFB-Teams am Sonntag in Amsterdam hätten das Bundestrainerleben selbst im Refugium Freiburg unangenehm unruhig gestaltet. Es kam genau andersherum. Löw ist klug genug, deshalb auf jeglichen Anflug von Genugtuung gegenüber seinen zahlreichen Kritikern zu verzichten. Darin ist er ein Meister. Und den modernen Fußball versteht er jetzt auch wieder. Alles zu seiner Zeit.

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