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Das Prinzip "Kalle und Uli" hat Bayern München zwar groß gemacht, ist als Konzept für die Zukunft aber zu klein.

Bayern München

Heldenhaft und hilflos

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Selten hat man Uli Hoeneß dabei erlebt, eine Niederlage der Bayern derart honigsüß zu interpretieren wie die gegen den BVB. Dabei ist der Bayern-Kader überaltert und reformbedürftig. Unser Kommentar.

Es ist nur ein Verdacht: Hat sich Uli Hoeneß am Sonntagmorgen in der örtlichen Grundschule in seinem Heimatort Bad Wiessee noch in aller Eile mit Kreide eingedeckt und diese noch im Klassenzimmer gar komplett vertilgt, ehe er per Fernruf ins Studio zu Sky-Moderator Jörg Wontorra geschaltet wurde? Wir können an dieser Stelle nur eine Indizienkette knüpfen. Selten hat man den allgewaltigen Bayern-Präsidenten dabei erwischt, eine Niederlage seines bevorzugten Fußballklubs derart honigsüß zu interpretieren wie jene vom Samstagabend in Dortmund. Die Mannschaft habe „gezeigt, dass sie in einem sehr guten Zustand ist“, behauptete der Patron er sei „mehr als zufrieden“ mit der Vorstellung.

Das war kühn formuliert vor dem Hintergrund, dass der Branchenführer außer Dienst von einer wilden westfälischen Horde schließlich hilflos überrannt wurde, nachdem er deren Tatendrang eine halbe Stunde lang mit morphiumhaltigen Dosen eines heldenhaft konsequenten Dauerpressings ruhiggestellt hatte. Aber 30 starke Minuten reichen halt nur in der E-Jugend oder eine knappe Halbzeit bei den Alten Herren. Den Bayern ging die Puste aus.

In der öffentlichen Wahrnehmung ist in den vergangenen Wochen viel am Trainer Niko Kovac festgemacht worden, dessen Akzeptanz bei den fußballspielenden Mitarbeitern offenbar größer sein könnte, als sie in der Tat ist. In Dortmund wurde allerdings sehenswert in 97 Minuten gepresst, dass Kovac aktuell in München keinesfalls ein Konsortium jener selben Weltklassespielern anleitet, das seinen Vorgängern noch zur Verfügung stand.

Manuel Neuer hätte den Strafstoß, der zum 1:1 führte, in seinen allerbesten Tagen keinesfalls verursacht, sondern den langen Pass durch kluge Antizipation zeitig geklärt, Jerome Boateng und Mats Hummels sind nicht mehr jene Instanzen, die Gefahr im Keim ersticken, Thomas Müller spielt schon lange keinen Fußball mehr wie ein internationaler Held, sondern wie ein herkömmlicher Bundesligaprofi, Franck Ribery verliert mehr bedeutende Zweikämpfe, als er zu gewinnen pflegt, Robert Lewandowski trifft zwar noch recht verlässlich, fällt aber ebenso verlässlich dabei auf, wie er an Gegenspielern abprallt und unnötige Energie in der erfolglosen Beschwerdeführung beim Schiedsrichter aufbringt. Junge Männer wie Serge Gnabry und Leon Goretzka müssen noch stabiler beweisen, als sie dies am Samstagabend in Dortmund lediglich in einzelnen Szenen zu tun vermochten, dass sie mehr als bloß Versprechungen für die Zukunft sein können.

So stellt sich der FC Bayern derzeit als ein Ensemble dar, dessen Erfahrung von zunehmenden Alterserscheinungen gebremst wird und dessen Jugend noch nicht die Reife besitzt, um einen Überfallfußball wie jenen des BVB zu bändigen. Uli Hoeneß hat deshalb am Sonntagmorgen eingeräumt, dass sie gemeinsam beabsichtigen, zur neuen Saison das „Mannschaftsgesicht ziemlich zu verändern“. Dabei sollten sie dringlich auch über das Gesicht der Sportlichen Leitung nachdenken. Hasan „Brazzo“ Salihamidzic fällt öffentlich bislang nur durch Zetern in der Coachingzone und Beleidigtsein bei moderat kritischen Nachfragen auf. 

Die Dortmunder sind nach der konjunkturellen Delle strategisch und personell zwei Schritte weiter, indem sie dem Sportchef Michael Zorc den ebenso intelligenten wie team- und medienerfahrenen Sebastian Kehl zur Seite stellten und Matthias Sammer zur ständigen Beratung gewinnen konnten. 

Die Bayern sollten sich daran orientieren: Das Prinzip „Kalle und Uli“ hat sie zwar groß gemacht, ist als Konzept für die Zukunft aber zu klein.

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