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Heiter bis wolkig

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Von: Jan Christian Müller

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Immer diese Radfahrer, Thomas Müller, Julian Brandt, Kai Havertz. Foto: dpa
Immer diese Radfahrer, Thomas Müller, Julian Brandt, Kai Havertz. Foto: dpa © dpa

Die deutsche Nationalmannschaft trachtet unbedingt nach Siegen in Ungarn und gegen Italien - wiewohl Bundestrainer Hansi Flick das stramme Pensum rügt.

Ein Hauch von Abschiedsstimmung wehte am Freitagmittag lauwarm über den Campus in Herzogenaurach. Die besten deutschen Fußballspieler verließen das Frankenland Richtung Budapest zum Spiel der Nations League am Samstag (20.45 Uhr/RTL) gegen Ungarn, und noch ehe Bundestrainer Hansi Flick und seine Führungskraft Thomas Müller drinnen die letzte Pressekonferenz vor Ort bestritten, werkelten draußen Handwerker schon an den Aufstellern, die den Weg zum Medienzentrum wiesen. Die waren vorher schwarz und sind jetzt rot. In ein paar Tagen zieht die Frauen-Nationalmannschaft in das kleine Villendorf ein, aus dem die Männer gerade ausgezogen sind.

Thomas Müller versichert mit dem gewohnten Schalk im Blick, sie hätten ihre Bude ordentlich aufgeräumt. „Die Frauen können sich auf sachliche Zimmer freuen, die dazu animieren, sie zu verlassen und viel gemeinsam zu machen.“ Bei den Männern stand in den vergangenen zehn Tagen Säckchenwerfen und Darts im Mittelpunkt der Freizeitaktivitäten. Und es wurde selbstverständlich konzentriert trainiert. Derart konzentriert, dass die Medien keine einzige Einheit länger als eine Viertelstunde verfolgen durften.

Das nahezu perfekte Wetter, das die Mannschaft im Juni 2022 begleitet hat, passt zur heiteren Stimmung, auch wenn Trainer und Team ein Besuch der nahen Bergkirchweih, dem rauschenden Volksfest in Erlangen, aus nachvollziehbaren Gründen verwehrt bleiben musste. Gut Ding will trotzdem Laune haben, diesen Eindruck hinterlässt jedenfalls Müller, der aber auch klarstellt, dass er die Saisonverlängerung nur dann als angenehm interpretieren wird, wenn die abschließenden Spiele in Ungarn und nächsten Dienstag in Mönchengladbach gegen Italien erfolgreich bewältigt werden: „Es ist dringend nötig, dass wir die angepeilten sechs Punkte holen.“

Das sieht Oliver Bierhoff ganz genauso. Er schätzt die Situation gerade „sehr positiv“ ein. Das war nicht immer so. Der mittlerweile 54-Jährige mit dem trotz fortgeschrittenen Alters noch immer studentischen Antlitz bastelte seinen Diplom-Betriebswirt einst per Studium an der Fern-Uni Hagen. Mitunter freilich könnte man meinen, beim Manager der deutschen Fußball-Nationalmannschaft handele es sich um einen ausgewiesenen Diplom-Meteorologen. Im nicht nur witterungsbedingt düsteren November 2020, als die Pandemie die Welt in Agonie stürzte und auch die Atmosphäre im und um das DFB-Team nährte, beschrieb Bierhoff unheilvoll das Bild der „dunklen Wolke“ über der Mannschaft. Ein paar Tage später erlebte das seinerzeit von einem zusehends kraftloseren Joachim Löw gecoachte Team den Tiefpunkt in der 15 Jahre währenden Amtszeit des Bundestrainers: ein 0:6 in Sevilla gegen Spanien. Bierhoffs bedeutungsschweren Worte waren zu einer Art sich selbst erfüllender Prophezeiung geworden.

Die Aufräumarbeiten begannen dann erst mit einem halben Jahr Verspätung. Der Nimbus des Weltmeistertrainers und der Respekt vor seiner Lebensleistung hatte Löw schon nach dem desolaten WM-Aus 2018 vor einer vorzeitigen Vertragsauflösung bewahrt. Die führte er dann selbst im Frühjahr 2021 für die Zeit nach der EM 2021 herbei. Es sollte ein Befreiungsschlag werden, der jedoch enttäuschend im frühen Achtelfinal-Aus mündete. Löw letzter Arbeitstag fand in Herzogenaurach statt, wo der DFB-Kader seinerzeit sein EM-Quartier aufgeschlagen hatte.

Genau dort also, wo sie sich im Frühsommer 2022 anlässlich der vier Spiele in der Nations League wieder getroffen haben. Ein knappes Jahr nach dem Löw-Aus sitzt Bierhoff nur sieben, acht Meter entfernt von jenem dunklen Raum, in dem sich der Ex-Bundestrainer seinerzeit pandemiebedingt ohne Publikum für immer vom DFB verabschiedete.

Die schwarze Wolke, sagt Bierhoff, „ist nicht mehr da“. Und dann wird der Fußballfachmann tatsächlich rhetorisch zum Wetterfrosch: „Wenn es nur himmelblau wäre, hätten wir Italien und England jeweils 2:0 geschlagen. Vielleicht wäre es dann aber auch zu sonnig. Es sind schon noch ein paar Wolken da.“ Nur dünne Schleierwolken selbstverständlich, keine mit Gewitterpotenzial. Jedoch: „Wir müssen aufmerksam sein, weil es immer wieder regnen kann.“

Gut-Wetter-Mann Hansi Flick ist ja jetzt da, und das Coronavirus sorgt nicht mehr für vom Bundestrainer angeführte gramgebeugte Gestalten im DFB-Camp und im ganzen Land. Aufhellung, wohin man auch schaut. Flick ist gut gebräunt von den vielen schönen Tagen an der Sonne. Nach zwei 1:1-Unentschieden gegen Italien und England steht ihm der Sinn nun vor allem nach Siegen.

Flick ist ein bisschen hin- und hergerissen. Einerseits weiß er, dass seine Mannschaft „fürs Selbstverständnis und Selbstbewusstsein“ Erfolge braucht. Er wird deshalb darauf verzichten, den zuletzt wieder hochgelobten Kapitän Manuel Neuer gegen den zuvor kaum minder hochgelobten Frankfurter Kevin Trapp zu tauschen, und auch die anderen Leute aus der zweiten Reihe - Männer wie Anton Stach, Jonathan Tah, Julian Brandt, Lukas Nmecha oder Karim Adeyemi - sollten nicht unbedingt mit einem Einsatz rechnen, denn, so der Bundestrainer: „Es tut gut, wenn man ein bisschen eingespielt ist.“

Andererseits sieht Flick auch ein, dass vier Spiele der Nations League, mal eben so hinten an die Saison geklebt, eigentlich zu viel sind: „Man sollte hinterfragen, wie man den Spielern mehr Pausen geben kann“, rügt er, „da sind diejenigen gefordert, die bei Fifa und Uefa in den Gremien sitzen.“ Das war dann aber auch die einzige dunkle Wolke, die sich aufbaute. Ganz weit hinten am Horizont.

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