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Wer ist wer? Zumindest Marcel Schmelzer ist zu erkennen, die anderen BVB-Profis haben sich ganz dick eingepackt.

Heißer Tee über weiße Schuhe

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Die Minustemperaturen mindern den Wohlfühlfaktor, nicht aber die Leistung im Fußball.

Die Bilder bietet derzeit fast jedes Training eines Bundesligisten: bis zur Unkenntlichkeit vermummte Spieler, die neben Handschuhen und Mützen auch Halswärmer tragen, die sich bis weit ins Gesicht ziehen lassen. Wer ist eigentlich noch wer? Eine länger anhaltende Kältewelle könnte den ersten Teil der Rückrunde überziehen wie der Frost die Windschutzscheiben parkender Autos. Jetzt, wo auch zweite und dritte Liga wieder starten. Und zwangsläufig stellt sich die Frage: Ist das noch gesund?

Die medizinische Kommission beim Deutschen Fußball-Bund (DFB) bleibt ausgesprochen cool. Deren Leiter Tim Meyer, Mannschaftsarzt der Nationalelf, stellte schon früher klar: „Es gab mal Überlegungen, dass ab einer Temperatur von minus 15 Grad oder bei minus zehn Grad und viel Wind über eine Absage des Spiels nachgedacht werden sollte.“ Bis heute gibt es aber keine fixe Regelung. Es liegt weiterhin allein im Ermessensspielraum des Schiedsrichters, ein Spiel wegen möglicher Gesundheitsgefährdung nicht anzupfeifen. Generell gilt für Meyer: „Die Auswirkungen der Kälte auf das Fußballspiel sind mit Sicherheit nicht so dramatisch, wie es das Ausmaß der öffentlichen Diskussion nahelegt.“

Rudi Völler, Geschäftsführer von Bayer Leverkusen, lästerte einmal: „Von 34 Spieltagen frierst du doch gefühlt an 20.“ Aber seit wann geht es bei der Spielplangestaltung nach dem Wohlbefinden der Stadionzuschauer? Der Ball soll vor allem wegen der Fernsehkundschaft ganzjährig rollen. Seitdem Rasenheizungen bis in die dritthöchste Spielklasse flächendeckend vorgeschrieben sind, kommt es kaum zu Spielabsagen. Dazu kommt der Klimawandel mit im Regel milden Wintern. Erzählungen vom Spielbetrieb bei Eis und Schnee wirken wie aus einer anderen Epoche.

Die angekündigte Kälteperiode sei kein Grund zur Panikmache, sagt jetzt Dr. Sascha Härtel, Leistungsdiagnostiker bei der TSG Hoffenheim. Der Körper ist bei klirrender Kälte anfälliger für Infekte, aber: „Kälte an sich löst noch keine Krankheiten aus. Es ist zwar unangenehm, aber machbar.“ Seine Empfehlung: „Man sollte sich akkurat auf den Sport vorbereiten, langsam aufwärmen und nicht zu schnell in den intensiven Bereich gehen.“ Torhüter sollten sich zudem hinterfragen, „ob sie wirklich bei minus zehn Grad in einer kurzen Hose spielen wollen“ (Härtel). Die heutige Funktionsbekleidung störe eigentlich kaum mehr und schränke auch die Bewegung nicht ein. Ganz im Gegensatz zu den Woll- und Baumwollprodukten der 70-er und 80-er Jahre, die erst zum Schwitzen und dann zum Jucken auf der Haut führten.

Der promovierte Sportwissenschaftler hatte als Leiter der Leistungsdiagnostik am Institut für Sport und Sportwissenschaft der Universität Karlsruhe oft mit Wintersportlern zu tun und weiß: „Physiologisch stellt die Kälte bis zu einer Grenze von zehn bis 15 Grad Minus kein Problem dar.“ Temperatursturz ist nicht gleich Leistungseinbruch. Härtel sieht die nächste Zeit für den Fußballer-Alltag bis runter in den Amateurbereich eher ein „orthopädisches Problem, wenn die Plätze gefroren sind.“

Der Profibereich ist vor skurrilen Begebenheiten gleichwohl nicht gefeit, wenn der Winter Einzug hält. Am 16. Dezember vergangenen Jahres kam es im Zweitliga-Heimspiel von Erzgebirge Aue gegen den SV Darmstadt 98 (2:2) zu einer Szene, dass sich ein Einwechselspieler von Aue tatsächlich heißen Tee über die weißen Schuhe schüttete. Für Klaus Pöttgen, von 2011 bis 2016 Mannschaftsarzt der Lilien, leitet sich daraus ein aktuelles Problem ab: kalte Füße der Ersatzspieler. „Die heutigen Schuhe bestehen aus so dünnem und leichtem Material, dass sie kaum mehr Schutz bieten.“ Pöttgen hat in Darmstadt den Reservisten zur Prophylaxe zu Wärmesäcken oder Neoprensocken geraten. Jan Rosenthal trug sogar anfangs Turnschuhe in Moon Boots, wenn ihm ein Bankplatz zugeteilt wurde. Zudem wärmen auch Kompressionsstrümpfe, wie sie Arjen Robben ohnehin regelmäßig trägt. Der Bayern-Star greift im Wissen um seine anfällige Muskulatur nicht erst bei arktischer Witterung zu Strumpfhosen, Funktionsunterwäsche und Handschuhen. Doch solch vorbildhaftes Verhalten beobachtet Pöttgen nicht durchgängig. „Oft fehlt es an Professionalität. Leider ist Fußball immer noch eine Macho-Sportart.“

Dass sich die Kicker bei Minusgraden im Training warm einpacken, dient in erster Linie dem Wohlbefinden. Dass sich manche Profis im Spiel dann zwar Handschuhe, aber dazu ein kurzärmeliges Trikot anziehen, ergibt keinen Sinn. „Entweder oder“, kritisiert Pöttgen den offensichtlichen Widerspruch bei diesem Outfit.

Härtel erklärt: „Das ist eine Eigenart einiger Fußballer – und gibt es wohl in keiner anderen Sportart. Sicher eher eine Modegeschichte. Die Spieler sollten langärmelige Trikots mit oder ohne Handschuhe tragen. Die eigenwillige Kombination hat mal Bastian Schweinsteiger populär gemacht, hat aber mit zweckmäßiger Winterkleidung nichts zu tun.“

Nachgeahmt wird diese Winterkollektion am kommenden Wochenende garantiert.

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