Kampf auf Biegen und Brechen: Der Heidenheimer Sebastian Griesbeck (r.) attackiert Yuya Osako. 
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Kampf auf Biegen und Brechen: Der Heidenheimer Sebastian Griesbeck (r.) attackiert Yuya Osako. 

Relegation

1. FC Heidenheim gegen Werder Bremen: Mehr als ebenbürtig

  • Frank Hellmann
    vonFrank Hellmann
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Nach der Nullnummer bei Werder Bremen ist der 1. FC Heidenheim in der Relegation bereits der gefühlte Sieger.

Holger Sanwald konnte wenig dafür, dass die Abstandsregeln in Corona-Zeiten auf der Südtribüne des Bremer Weserstadions ähnlich verwischten wie auf dem Rasen die Qualitätsmerkmale zwischen einem Erst- und Zweitligisten. Immer mehr Journalisten umlagerten am späten Donnerstagabend den Vereinschef des 1. FC Heidenheim 1846, der nach der Nullnummer im Relegationshinspiel beim SV Werder der gefühlte Sieger war. „Das 0:0 ist ein sehr gutes Ergebnis, aber auch ein gefährliches. Das ist jetzt eine große Chance für uns“, fasste Sanwald mit stolzgeschwellter Brust zusammen, ohne einen Anflug von Überheblichkeit auszustrahlen.

Sein im sechsten Jahr der Zweiten Bundesliga angehöriger Klub kann ein seit 56 Jahren der Bundesliga zugehöriges Gründungsmitglied in den Abgrund stürzen. Der Außenseiter aus dem 15 000-Einwohner-Städtchen an der Brenz hatte bis in die vorderen Sitzreihen dagegengehalten. Denn die Bremer Entourage mit der penetrant auf einem Metallkoffer hämmernden Laura Kersting, die im Hauptberuf eigentlich Physiotherapeutin ist, staunte nicht schlecht, dass Heidenheimer Vereinsangehörige mit Trompete, Rassel und Kuhglocken ähnlichen Lärm entfachten. In die Würdigung der Meisterleistung seines Trainers Frank Schmidt schloss Sanwald explizit dessen listigen Wunsch ein, auch akustisch auf Augenhöhe zu agieren.

Hinterher verriet die gute Stimmung beim Auslaufen, wie sehr ganz Heidenheim den Showdown am Montag (20.30 Uhr/Dazn und Amazon Prime) auf der Schwäbischen Ostalb herbeisehnt. Marc Schnatterer, die Vereinslegende, freut sich auf eine „Finale dahoam“. Der Zweitliga-Dritte hatte bei Blitz, Donner und Regen so gefestigt ausgesehen, dass ein Favorit für das Rückspiel partout nicht mehr auszumachen ist. „Wenn wir wieder eine solche Leistung bringen, wird es schwer“, ätzte Werders Trainer Florian Kohfeldt. Ohne Umschweife gestand der 37-Jährige ein, „katastrophal gespielt“ zu haben. Ohne Tempo, ohne Idee. Für ein Entscheidungsspiel von solcher Tragweite wirkte es gefährlich behäbig. „Der einzige Vorteil ist, dass es 0:0 zur Halbzeit steht. Was mir mit Mut macht, ist, dass wir in der Lage sind, eine andere Leistung zu bringen. Wir müssen ein Auswärtstor schießen“, verlangte Kohfeldt. Mit einem 1:1 wäre Werder im Rückspiel am rettenden Ufer.

„Kein schnelles Fazit“ wollte Kollege Schmidt ziehen. Der 46-Jährige freute sich mit seinem leicht gebeugten Kopf, dass „ein Rädchen ins andere gegriffen“ habe. Stabil und diszipliniert „von der ersten bis zur letzten Sekunde“. Wer gedacht hätte, sein Team käme unter die Räder, nur weil Werder vergangenes Wochenende mal locker den 1. FC Köln (6:1) geschlagen hatte, während Heidenheim bei Arminia Bielefeld (0:3) baden ging, sah sich getäuscht. Schmidt: „Wenn wir eins können, ist es hinfallen und wieder aufstehen.“ Die Lernfähigkeit seiner Mannen scheint phänomenal: Kein Vergleich zum chancenlosen Pokalauftritt (1:4) an selber Stelle vor einem Dreivierteljahr.

Ganz Bremen beschleicht nunmehr das ungute Gefühl, dass es vielleicht doch besser gewesen wäre, gegen den HSV anzutreten. Denn der FCH führt all das im Repertoire, was dem reichlich unrund zusammengebastelten Kader nicht behagt: hohe Körperlichkeit, enorme Präsenz, taktische Intelligenz. Und so räumte Kohfeldt, was selten genug vorkommt, freimütig ein, dass ihn sein Gegenüber überrascht habe. Weder Spieler noch Trainer hätten eine Lösung gefunden. „Ich kann gar nicht bewerten, ob unser Plan nicht funktioniert hat, weil wir gar nicht in ihn reingekommen sind.“ Verloren gegangen sei er bereits nach ein, zwei Minuten. „Wir müssen mit mehr Geschwindigkeit und mit mehr Emotionen spielen.“

Disput mit Füllkrug

Der wortgewaltige Disput mit seinem wirkungslosen Mittelstürmer Niclas Füllkrug, von beiden danach heruntergespielt, belegte, dass über die Herangehensweise inklusive der Auswechslungen Redebedarf bestand. Kohfeldt kündigte einige Veränderungen an, die an zentralen Stellen unabwendbar sind: Mittelfeldchef Kevin Vogt kehrt zwar zurück, dafür fehlt Abwehrchef Niklas Moisander nach seiner Gelb-Roten Karte. Dass die Grün-Weißen im Harakiri-Stil beinahe den Gegentreffer durch Timo Beermanns Kopfball in der Nachspielzeit geschluckt hätten, gefiel dem Fußballlehrer ganz und gar nicht. Gelingen Kohfeldts Korrekturen übers Wochenende nicht, dann kommt es doch schneller als gedacht zu den von vielen Werder-Fans herbeigesehnten Duellen gegen Hamburg – in Liga zwei. Und die Bundesliga würde Holger Sanwalds Lebenswerk als Mitglied Nummer 57 begrüßen.

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