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Blick auf die Ersatzbank von Eintracht Frankfurt, hier beim Pokalspiel beim FC St. Pauli.  

Fußball-Bundesliga

Das Heer der Reservisten

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An jedem Spieltag werden bis zu 252 Spieler gebraucht – doch noch größer ist die Zahl derer, die nicht zum Einsatz kommen oder es gar nicht in den Kader schaffen: Was bedeutet es, draußen bleiben zu müssen?

Kürzlich, eine Stunde vor dem Topspiel, kommt der Mann mit den Zetteln, die noch warm vom Kopierer sind. Die Journalisten lassen ab vom Buffet, sie wissen, jetzt gibt es die Aufstellungen. Gierig greifen sie danach, die Augen scannen die Liste der Bayern-Spieler, die in der Startelf stehen werden. Ein paar Sekunden braucht man, um ein taktisches Schema zu entwerfen, denn die Namen werden in der Reihung der Rückennummern untereinandergeschrieben. Es sind viele prominente Namen, doch wer fehlt? Der Blick geht hinüber in die rechte Spalte: zu den Ersatzspielern. Ja, und da steht: „13, Thomas Müller“.

Das Spiel hat noch nicht begonnen, aber schon eine Geschichte: Müller spielt nicht. Der Weltmeister, die Identifikationsfigur, links liegen gelassen von seinem Trainer.

Gleiches Spiel in Dortmund. Nur dass man dort nach „10, Mario Götze“ schaut. Wo ist er gelistet? Ist er überhaupt gelistet? Ist Götze Ersatzspieler, dann stellen sich die Fotografen vor der BVB-Bank auf, und die Kameralinsen fressen sich in seine Miene, sie forschen nach Frust oder Trotz.

Würde Thomas Müller beim FC Bayern regelmäßig spielen, hieße das, „dass ihr schreiben würdet, warum Philippe Coutinho auf die Bank muss“, hat Uli Hoeneß völlig zurecht kürzlich angemerkt. „Sie“, sagt er zu den Reportern, „rennen nicht zu dem, der drei Tore geschossen hat, sondern zu dem, der auf der Tribüne gesessen ist.“ Schon Pep Guardiola war in seiner Bayern-Zeit verschreckt, „dass mehr über die Spieler berichtet wird, die nicht spielen, als über die, die spielen“ – aus Barcelona kannte er diese mediale Haltung nicht. Lucien Favre geht es in Dortmund ebenso: Erklärungen, warum Götze nicht spielt, formuliert er möglichst wertungsfrei und beruft sich auf die vielen Optionen, die der Kader ihm bietet.

Zumindest in der Berichterstattung rund um die beiden großen Vereine spielen Personalien eine gewichtige Rolle, ob nun beim direkten Duell wie am 9. November oder bei fast jedem anderen Kick. Wer die Story vom unzufriedenen Star suchte, wurde schon oft bestens bedient. Bei Franck Ribery und Arjen Robben konnte schon eine Auswechslung für Verstimmung sorgen – auch in ihrer letzten Bayern-Saison, die klar als Ehrenrunde definiert war. Robben erklärte kurz nach seinem Karriereende im Talk „Sky 90“, dass er eigentlich immer 90 Minuten spielen wollte. Uli Hoeneß sah „die größte Gefahr nicht darin, dass wir zu wenig gute Spieler haben, sondern zu viele“.

Doch ist das nicht auch das Gedankengut in weiter unten stehenden Klubs? Auch beim FC Augsburg, der um den Klassenerhalt kämpfen muss, werden solche Diskussionen geführt. Als der FCA vor ein paar Wochen ein überraschendes 2:2 gegen den FC Bayern schaffte, der isländische Nationalspieler Alfred Finnbogason als Joker den späten Ausgleich schoss und beseelt hätte sein können, sprach er anschließend lieber über seine Situation, die er als unbefriedigend empfand: „Wenn man jahrelang Stammspieler war, erwartet man, dass man in der Mannschaft bleibt, auch wenn es einige Zeit nicht so läuft.“ Der durch die Blume angesprochene Trainer Martin Schmidt sagt, er wisse, „dass Spieler unzufrieden sind“.

Finnbogason und Augsburg stehen exemplarisch für die Verhältnisse in der Bundesliga. Sie wird von Fernsehgeld überschwemmt, die Vereine investieren es in ihre Kader. Die großen Klubs kommen an Qualität ran, die kleineren gehen oft über die Quantität. Sie verpflichten Spieler vom internationalen Markt – häufig in der Hoffnung, sie irgendwann gewinnbringend zu veräußern. Doch sie müssen auch zwölf deutsche Spieler haben – weswegen die Kader anwachsen, sodass man fast drei Teams aus ihm bilden könnte. Da die Verpflichtung, eine zweite Mannschaft zu betreiben, aufgehoben wurde und nicht jeder Bundesligist eine Reserve in der Regionalliga hat, verlieren sich Spieler im Profikader zwischen den Positionen 21 bis 34. Mit kaum einer Chance, in der Bundesliga eingesetzt zu werden. Zumal es nicht unüblich ist, dass etabliertere Spieler den Passus aus dem DFL-Mustervertrag, für eine zweite Mannschaft zur Verfügung zu stehen, streichen lassen.

Alfred Finnbogason ist Mittelstürmer. Bei der WM hat er für Island ein Tor gegen Argentinien geschossen. Doch im Augsburger Kader stehen fünf weitere Mittelstürmer. Zwei gestandene (Florian Niederlechner, Julian Schieber), der venezolanische Nationalspieler Sergio Cordova und zwei 19-jährige Talente (Seong-Hoon, Malone). Normal spielt man mit einem Stoßstürmer, in manchen Systemen mit zwei.

Ein Fußballer will spielen, das ist sein Anspruch an sich selbst. Er hat es mit einem Bundesligavertrag weit gebracht, hat Hunderttausende von Konkurrenten hinter sich gelassen. Warum soll die Geschichte im Nirwana des Kaders enden?

Bundesliga: Trainer Achim Beierlorzer der Mainzer Favorit

Und der Fußballprofi hat verständliche wirtschaftliche Interessen. Seit den Football-Leaks-Veröffentlichungen weiß man, dass das Einkommen mit dem Erfolg steigt. Das Beispiel, das das Nachrichtenmagazin „Spiegel“ 2017 veröffentlichte: Lewis Holtby, der Ex-Nationalspieler, der damals beim Hamburger SV unter Vertrag stand, er konnte sein Monatsgrundgehalt von 291 666 Euro durch Prämien von 15 000 Euro pro Punkt veredeln; ein Sieg war also 45 000 Euro extra wert. Da ist es klar, dass Holtby noch lieber auf dem Platz stehen oder wenigstens beizeiten eingewechselt werden würde. Er musste mehr als 20 Minuten mitwirken, um Anspruch auf die Prämie zu haben. Ein Trainer, der einen Spieler mit einem solchen Vertrag erst in der 72. Minute aufs Feld schickt, kann sich einer gewissen Verärgerung gewiss sein.

Selbstredend finden sich in vielen Verträgen auch Boni für Tore, für Vorlagen, und in vielen Fällen verlängert sich ein lukratives Arbeitsverhältnis bei einer entsprechenden Anzahl von Einsätzen. Es gehört nicht viel Fantasie dazu, sich den Verdrängungskampf in einem 30-plus-Spielerkader vorzustellen. Und die Enttäuschungen, die ein Trainer zu moderieren hat. Der Augsburger Coach Martin Schmidt, früher in Mainz und Wolfsburg tätig, sagt, man müsse den Spielern das Gefühl geben, „dass sie sich im Training jede Woche neu empfehlen können“. Thomas Tuchel war in seiner Mainzer Zeit dafür bekannt, dass er zu jedem Spiel eine andere Elf aufbot, „weil er die Trainingseindrücke extrem hat einfließen lassen“, so der damalige Mainzer Manager Christian Heidel.

Seit dieser Saison hat die Bundesliga für eine leichte Entkrampfung der Lage in den überdimensionierten Kadern gesorgt. Zum Spiel dürfen 20 Akteure statt der bisherigen 18 nominiert werden. Man folgt dem bei WM und EM üblichen Modell, bei dem keiner mehr auf die Tribüne muss.

Bundestrainer Joachim Löw hat bei der WM 2014 die Rolle der Ersatzspieler mit geschickter Argumentation aufgewertet. Grundsätzlich seien auch die wertvoll, die keine Minute zum Einsatz kommen, weil sie für das Niveau im Training sorgen und die Spannung hochhalten. Der Frankfurter Erik Durm zum Beispiel, ohne Einsatzminute dennoch Weltmeister 2014, hält den Titel in Brasilien für „den schönsten Moment meiner Karriere“. Und die, die Löw schließlich einwechselte, hätten eine Rolle, wie es sie noch nie gab: „Sie sind Spezialkräfte.“ Der Bundestrainer verwies auf die klimatischen Bedingungen in Brasilien, die zu bewältigenden Reisedistanzen „in einem Land mit spürbarer Urgewalt“. Trotz aller Umschmeichelung, die Reservisten auch im Vereinsalltag erfahren: Ersprießlich findet es keiner, wenn auf ihn nicht gesetzt wird. Aber: Man beklagt es nicht, solange man in der Branche ist.

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