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Dieter Hecking: Normalerweise eher ruhig.

Bundesliga-Kommentar

Hecking & Co im medialen Fleischwolf

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Selbst ausgebuffte Bundesliga-Trainer können aufwallende Emotionen bisweilen nicht zügeln. Ein Kommentar.

Die Anforderungen an einen Fußballlehrer in der Bundesliga sind selbst für uns nahezu allwissenden Sportreporter unvorstellbar hoch. Man müsste die Tretmühle dieses kräfte- und nervenzehrenden Jobs selbst erlebt haben, um konkret nachvollziehen zu können, welchen Fliehkräften Trainer unter dem immensen Erfolgsdruck ausgesetzt ist. Selbst ausgebuffte Profis können aufwallende Emotionen bisweilen nicht zügeln. Die Anforderungen an komplexe Klubsstrukturen, internationale Spielerkader und die moderne Medienwelt sind extrem. Ihnen stets gelassen gerecht zu werden, ist auch vor dem Hintergrund einer üppigen Bezahlung (volkstümlich: Schmerzensgeld) praktisch unmöglich. Dem einen (hier: Huub Stevens: „Hör auf! Ich antworte dir nicht mehr! Weg! Du bist lächerlich!“) ist der Bereich der Öffentlichkeitsarbeit gar noch ein bisschen unmöglicher. Der routinierte Knurrer lebt es geradezu genüsslich aus, regelmäßig zum Beißer zu werden. Ein bisschen Folklore darf sein.

Mönchengladbachs Dieter Hecking außergewöhnlich Dünnhäutig

Der Mönchengladbacher Chefcoach Dieter Hecking dagegen ist berühmt für seine ausgewogene Kommentierung selbst außergewöhnlichster sportlichen Ereignisse. Dass einer wie der fünffache Familienvater, der einst in der Ausbildung zum Polizeimeister in diversen Deeskalationsstrategien geschult wurde, beleidigt ein Pay-TV-Interview abbricht („Das ist Journalismus, der mir nicht gefällt“) und sich trollt, gehört in seinem Fall zu den Ausnahmetatbeständen. Auch die medienerfahrenen Trainer Niko Kovac („Das ist nicht in Ordnung, was hier abgeht“) und Pal Dardai („Das ist wahrscheinlich sogenannter geplanter Mord“) haben am Wochenende genervt durchblicken lassen, dass sie sich fundamental unverstanden fühlen.

Auch wenn die Fälle im Detail nicht miteinander vergleichbar sind, so zeigt sich doch, dass Tempo und Härte, in denen der Profifußball öffentlich durch den Fleischwolf gedreht wird, die Protagonisten zusehends an den Rand ihrer mentalen Kräfte bringt – und regelmäßig darüber hinaus. Kleinste verbale Aussetzer führen nahezu in Echtzeit dazu, dass sie wie Geisterfahrer auf die Datenautobahnen geschickt werden. So baut sich auf den ohnehin vorhandenen sportlichen Dauerdruck noch ein medialer Druck auf, den Toptrainer zunehmend mithilfe von persönlichen Beratern zu kanalisieren versuchen. Das müssen nicht zwingend Mentaltrainer sein, aber doch Leute, die nah genug am eigenen Mann sind und weit genug weg von deren Arbeitgeber, um ihrem Mandanten bei einer ehrlichen und kritischen Spiegelung seiner Arbeit behilflich zu sein und ihm auch mal aus einer Schaffenskrise zu helfen.

Ohne diese professionelle Unterstützung wäre es für viele Fußballlehrer ein schier aussichtsloses Unterfangen, die persönliche Lebensqualität zumindest in einem Mindestmaß des Erträglichen zu gestalten. Der Rückzugsort Familie allein oder ein bestenfalls recht vertrauensvolles Verhältnis zum Sportchef (der einen irgendwann dann doch rauswirft) reichen dazu nicht mehr.

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