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Leere Ränge auf der Südtribüne.

Borussia Dortmund

Hass und Verrohung

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Auf der Südtribüne von Borussia Dortmund haben Ultras die Regie übernommen. BVB-Boss Hans-Joachim Watzke will nicht leugnen, lenkt aber vom Thema ab.

Vielleicht kann man mit einem Gedankenspiel in dieses verfluchte Match einigermaßen reinkommen. Also: Was wäre passiert, wenn – ja, wenn der Schiedsrichter das Spiel nicht angepfiffen hätte? Nicht dieses Spiel Borussia Dortmund gegen RB Leipzig am 4. Februar 2017, vor 81 500 Menschen, vor allem aber mit Blick auf mehrere menschenverachtende Transparente auf der Dortmunder Südtribüne. Wie konnte da ein Schiedsrichter noch ein Unparteiischer sein?

Wenn Fans vor Spielbeginn Feuerwerkskörper zünden – kein Anpfiff durch den Schiri. Das ist Gesetz der Fußballliga. Warum aber wurde es hingenommen, dass auf einem Transparent Leipzigs Sportchef aufgefordert wurde, sich zu erhängen. Eine Form der Menschenrechtsverletzung. Weil das Stadion offenbar ein Ort ist, an dem nur sportliche Verletzungen zählen, erfolgte der Anpfiff.

Den Gedanken weiter durchgespielt: Was wäre gewesen, wenn sich Dortmunds Stadionsprecher Norbert Dickel entschieden hätte: So nicht! Wenn Dickel, eine Ikone im verrücktesten Tollhaus der Republik, einfach mal ins Mikro gebrüllt hätte: So nicht, Jungs! Stand doch auf einem Banner: „Alle Bullen sind Schweine.“ Versagten der Instanz Dickel die normalen Moralmaßstäbe?

Diese beiden, in gewisser Weise spielentscheidenden Fragen wurden am Samstagabend, im „Aktuellen Sportstudio“ des ZDF ausgeblendet. Der Moderator der Sendung, Sven Voss, stellte sie seinem Gast, dem Geschäftsführer von Borussia Dortmund, Hans-Joachim Watzke erst gar nicht.

Das große Lächeln

Es beginnt damit, dass Voss sagt: „Das aktuelle Sportstudio heute mit dem 50 000. Tor der Bundesliga, dafür ohne 25 000 Zuschauer in Dortmund“. Anschließend kündigt das ZDF eine „historische Leerstunde“ an. Voss: Denn die legendäre Südtribüne musste heute wegen wiederholten Fehlverhaltens leer bleiben. Voss spricht von „geschmacklosen“ Plakaten. Voss: Wie hat sich das angefühlt, ohne die Südtribüne? Watzke: „Das war schon eine Zäsur“, aber sobald Anstoß ist, „hast du das ausgeblendet.“

„Ausgeblendet“. Was Watzke so beiläufig anbringt, wird das Gespräch mit Watzke bestimmen. Voss zeigt sein Lächeln, Watzke zeigt sein Lächeln. Es beginnt mit einem Geplänkel. Wie beurteilt Watzke die obszöne Reaktion des Bayern-Trainers Carlo Ancelotti, die Reaktion darauf, dass er von Zuschauern in Berlin bespuckt wurde? Watzke schafft beides, er antwortet auf sehr populistische Weise erstaunlich differenziert. Das Gespräch verhärtet erst, als es um die sportlichen Perspektiven des BVB und das Verhältnis zum Trainer Thomas Tuchel geht. Aber das Gespräch enthärtet sich, und das ist seltsam, als es um das Gewaltproblem des Klubs Borussia Dortmund geht.

Dazu muss man wissen: Der Verein ließ beim Spiel gegen Leipzig nicht nur auf der Südtribüne grässliche (Voss: „geschmacklose“) Transparente zu, sondern die Stadt erlebte grässliche Szenen, Leipzig-Anhänger einen Spießrutenlauf, darunter auch Frauen und Kinder, die hinter Stromkästen Deckung suchen mussten.

Hat Watzke, so ist in den letzten vierzehn Tagen immer wieder gefragt worden, diese Atmosphäre womöglich verbal angestiftet, weil er gesagt hat: Bei RB Leipzig werde „Fußball gespielt, um eine Getränkedose zu performen.“ Man hat Watzke wegen dieser pointierten Äußerung zum Marketingmodell des Red-Bull-Alleinherrschers, der eine offene Vereinsstruktur autokratisch verhindert, verantwortlich gemacht für die Hassausbrüche auf den Rängen in Dortmund, für die Exzesse rund um das Stadion.

Voss fragt: Haben Sie eine „Mitschuld“? Watzke: „Ich weiß, dass das sehr modern ist in Deutschland, wenn man sagt, ich habe eine Mitschuld und ich leide auch sehr darunter.“ Im Anschluss an diese ätzende Ironie, und irgendwie fällt auch das Wort „Gutmenschen“, widerlegt Watzke Unterstellungen. Und er hat Recht: Natürlich ist es legitim, das Leipziger Fußballmodell als Marketingmodell zu kritisieren. Es ist auch für den Vertreter eines börsennotierten Vereins wie Borussia Dortmund nicht niederträchtig, auch wenn es nicht ganz aufrichtig ist. Der Konkurrent der durchkommerzialisierten Klubgründung RB Leipzig beruft sich auf sein Recht auf klare Worte. Watzke hält mal eben auseinander: hier der demokratische Streit, dort, wie so oft im Internet auch, Diskreditierung und Diffamierung. Das, betont er, sei noch nie sein Ding gewesen.

Watzke ist ungemein präsent, Voss wirkt verkrampft und konfus. In nicht einmal zehn Minuten, und das hängt vor allem mit der sprunghaften Gesprächsführung zusammen, spricht der Sportstudio-Gast das Problem der „Verrohung“ in unserer Gesellschaft an, empfiehlt er als Sanktionierung von Gewalttätern deren „soziale Ächtung“, deren Bloßstellung in ihrer Familie oder am Arbeitsplatz. Irgendwann in dem Hoppla-hopp-Frage-Antwort-Spiel gibt der Fußballmann sinngemäß zu bedenken, dass ein Fußballverein nur an den Wochenenden Sozialarbeit leisten könne. Darüber ließe sich reden, doch das Thema bleibt ausgeblendet.

Am Freitag ging Watzke mit einem anderen Statement in die Offensive, das in der Sportschau am Samstag wiederholt wurde: „Es kann nicht sein, dass man jetzt auf den Fußball zeigt. Wir haben in der deutschen Gesellschaft so viele Probleme mit Radikalisierung und Gewalt, da sollte man nicht versuchen, abzulenken und das nur dem Fußball zuzuschieben.“ Das ist, einerseits, was die „deutsche Gesellschaft“ angeht, natürlich richtig. Wie andererseits, was den BVB betrifft, ein Ablenkungsmanöver. Während der TV-Zuschauer auch darüber Samstagnacht nachdenkt, hat Watzke inzwischen folgendes klargestellt: dass der Verein mittlerweile 61 Tatverdächtigte identifiziert hat, die mit Hilfe hochauflösender Stadionkamera-Bilder ermittelt werden konnten.

Mindestens vier extrem asoziale Szenen auf der Südtribüne

Es wird nicht abgewiegelt, aber doch gezielt ausgeblendet, so hat man den Eindruck. Zumal als Fan des Vereins (und der Autor dieser Geschichte ist ein Anhänger seit der Saison 1965/66) möchte man schon wissen, warum die BVB-Kampagnen gegen den Rechtsextremismus erst vor fünf, sechs Jahren einsetzten? Dem Klub wird von Kritikern bestätigt, dass man sich dem Problem gestellt habe – aber erst auf Druck der Öffentlichkeit.

Der Dortmunder Olaf Sundermeyer ist ein nicht ganz unbekannter BVB-Fan, ein nicht ganz unbekannter Kenner der Szene der Ultras und politischen Extremisten. Es gibt mindestens vier extrem asoziale Szenen auf der Südtribüne Dortmund. Zwischen ihnen werden, weil auch Linksextremisten mitmischen, Rivalitäten ausgelebt – es geht um Macht und Prestige. Weil Sundermeyer obendrein durch das Fernsehen bekannt geworden ist, hätte man Watzke vielleicht mit Sundermeyers Erkenntnis konfrontieren können, dass der BVB-Ordnungsdienst von unmissverständlichen Neonazis unterwandert wurde. Oder mit der Erkenntnis, dass die Übergänge zwischen den Hooligans und harten Neonazis fließend sind.

Fließend sind stets auch die Überleitungen im Sportstudio, von der ersten Fragerunde zum nächsten Spielbericht. Bevor diesmal umgeschaltet wird, wird nicht zum ersten Mal an diesem Sportstudio-Abend geklatscht. Klatschen gehört nun mal dazu in dem Unterhaltungsgeschäft, das weiß der Sportstudio-Zuschauer. Und das weiß auch der Fan von Borussia Dortmund, dem vollkommen bewusst ist, wie viel er dem Geschäftsführer Watzke zu verdanken hat, wahrhaftig Sternstunden, mit zwei Meisterschaften, mit Pokalsieg und Champions League-Finale. Kein Team hat in den vergangenen sechs, sieben Jahren einen immer wieder so rauschhaften, einen derartig heiklen Hochrisiko-Fußball gespielt, am Samstag einmal mehr, beim, olé, olé, olé, 3:0 gegen den VFL Wolfsburg, in einem ausverkauften Stadion, in dem die Südtribüne grau blieb.

Und doch möchte sich der BVB-Fan nicht bei den Sportstudio-Claqueuren aufhalten. So wechselt auch der Sportstudio-Beobachter den Schauplatz. Erinnert er sich doch auf zwei Vorfälle im Vorfeld, zwei Auftritte im Fußball-Leitmedium Fernsehen während der vergangenen zwei Wochen. So meinte ein ARD-Fußballkommentator vor dem DFB-Pokalspiel des BVB gegen Hertha BSC am 8. Februar, man hätte Watzke gerne „vernommen“. Der ARD-Kommentator in der Rolle des Anklägers im Namen einer nicht legitimierten ARD-Exekutive. Oder die ZDF-Sport-Reportage am 12. Februar. Der Sportmoderator Rudi Cerne, anstellig auch bei der ZDF-Exekutive „Aktenzeichen XY“, hatte beim Thema Gewalt einen eher blutlosen Auftritt. Sein Gesprächspartner, der Ex-Trainer Holger Stanislawski, diagnostizierte messerscharf, dass Borussia Dortmund ein echtes Problem habe.

Hätte man zu diesem Zeitpunkt allerdings mal rasch rübergeswitcht nach Hamburg, dorthin, wo Stanislawski mal Trainer war, hätte man sehen können, wie Ultras des FC St. Pauli beim Heimspiel gegen Dynamo Dresden das Transparent hochhielten: „Schon Eure Groszeltern haben für Dresden gebrannt. Gegen den doitschen Opfermythos“.

Wie der Gewalt beikommen?

Auch das dürfte Watzke wohl meinen, wenn er von einem Problem in der „deutschen Gesellschaft“ spricht. Als BVB-Geschäftsführer kann er darauf hinweisen, dass der Verein allein neun hauptamtliche Fanbetreuer beschäftige, so viele wie kein anderer Bundesligaklub. Doch wie der Gewalt beikommen? Als wenn es im Sportstudio um diese Frage wirklich noch ginge. War die Frage je so geplant? Die Frage, warum regelmäßig zum Beispiel Bierbecher fliegen? Weil das noch harmlos ist? Gemessen an den mit Urin gefüllten Bechern. Warum gehört zum Gewaltakt die Schmähung, und zur Schmähung ein Wiederaufleben primitiver Rituale? Wie muss man an diesem Abend eigentlich Spucken bewerten? Wie also der Gewalt beikommen? Der BVB sagt: durch Strafmaßnahmen wie Stadionverbote, Vereinsausschlussverfahren, Dauerkarten-Kündigungen sowie zivilrechtliche Regress- und Schadensersatzansprüche. Im Sportstudio kündigt Watkze eine dreistellige Zahl von Strafmaßnahmen an. Nein, es wird nicht abgewiegelt.

Aber doch das, was im Fußballjargon das Umfeld genannt wird, ausgeblendet. Neben Ultras wie den „Jubos“, den „Desperados“ oder „The Unity“ ist vor allem die Vereinigung „0231 Riots“ gemeingefährlich. Sie rekrutiert sich aus Kampfsportklubs sowie der Dortmunder Türsteherszene – ihre muskelgestählten Körper sind ihnen wie Waffen, gezielt verbreiten sie Angst. Diese Ultras beschränken sich nicht nur auf die Besetzung des öffentlichen Raums, in der Vergangenheit haben sie Widersacher bereits zu Hause heimgesucht.

Dieser Mob bedroht seine Opfer nicht mit bösen Spielen im Internet. Er geht für seine Kriegsspiele auch nicht in den Wald oder auf die Heide, sondern tritt an zum Straßenkampf. Was gespielt wird, ist offensichtlich, es geht um Machtspiele. Und weil Borussia Dortmund ein besonders mächtiger Gegner ist, tritt der Mob an und zu, um eine gesittete Öffentlichkeit erstarren zu lassen.

Dabei gehen die Extremisten vor als Bilderproduzenten. Als solche agieren sie auf einer Skala des Schreckens, die auch der internationale Terrorismus bespielt. Im Wettbewerb der Ultras ist der Hooligan an den fußballfreien Tagen ein Schläfer und der Neonazi gefällt sich als ein Partisan, um Strategiespiele der Menschenverachtung durchziehen.

Das Fußballspiel, in seiner reinen Form, beruht auf Glaube. Das Fußballspiel in seiner perversen Form auf Gewalt. Allerdings wäre es töricht zu glauben, es gäbe Fußball in Reinkultur. An Reinkultur glauben nur Fanatiker. Gerade das könnte der Fußball, der ja letztendlich eine gewaltige Zivilisierungseinrichtung ist, lehren.

Viele Fragen wurden ausgeblendet

Zurück ins Sportstudio, wo inzwischen die berühmten Uhrzeiger auf kurz vor 12 stehen. Hans-Joachim Watzke macht noch einmal deutlich: Borussia Dortmund – gutes Dortmund. Zugleich darf man ihm abnehmen, dass er sehr genau weiß, dass die „Gelbe Wand“, trotz seiner professionellen Performance, beschädigt worden ist. Man könnte sagen, dass die „Gelbe Wand“ mit hässlichen Parolen besprüht und beschmiert worden ist – immerhin die stimmungsvollste Tribüne der Republik.

Wer jemals auf ihr, der „Süd“ unter 24 500 Zuschauern gestanden hat, will sich nicht vorstellen, dass es sich um eine Wand der Schande handelt. War sie doch stets, bei aller Raubeinigkeit, bei aller Verbissenheit, bei allem bedrohlichen Gewoge immer auch eine Wimmelwelt des Dortmunder Mutterwitzes – nicht zuletzt der Empathie: „You’ll never walk alone“.

Das ist eine Hymne, die auf jeden Fall ein erregender Gefühlsausbruch ist, aber auch, im Gegensatz zu den schändlichen Schreckensgesängen, dem Triumphgeheul sonst, ein erschütternder Mitgefühlsausbruch. Darüber sollte man dennoch nicht vergessen, dass viele Fragen auch an diesem Sportstudio-Abend ausgeblendet worden sind. So ist auch eine weitere gar nicht erst gestellt worden: Was wäre gewesen, wenn einer der Juristen im BVB-Vorstand sich erhoben und über Lautsprecher vom Hausrecht des Vereins Gebrauch gemacht hätte? Wenn er also dazu aufgefordert hätte, die menschenverachtenden Transparente zu entfernen? War BVB-Präsident Reinhard Rauball nicht mal Justizminister des Landes Nordrhein-Westfalen?

Ist man vor der verbalen Gewalt zurückgewichen, um eine weitere Eskalation zu verhindern? Oder, Fußball ist ein Taktikspiel, wollten die BVB-Verantwortlichen die aufgeladene Atmosphäre nutzen? Ging es ihnen nicht etwa darum, einen Putsch auf der „Süd“ zu verhindern, sondern vielmehr darum, nicht den Pusch der „Gelben Wand“ aufs Spiel setzen, beim Fight gegen den Emporkömmling Leipzig?

Trotz des 1:0 Siegs für den BVB wurde das Spiel zur gesellschaftlich größten Niederlage der Vereinsgeschichte. Sie hat auch damit zu tun, dass ein Satz, von einem Wunderspieler des BVB, dem Adi Preißler in den 50er Jahren formuliert, nicht beherzigt wurde. Denn immer wenn es ernst wurde, ist der BVB mit Preißlers Motto gut gefahren. Es gilt nicht nur auf dem Spielfeld, sondern auch für das soziale Umfeld.

Entscheidend ist auf’m Platz.

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