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Hansi Flick - mehr als ein Menschenfänger

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Von: Jan Christian Müller

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Vor schwieriger Mission: Hansi Flick. Foto: Imago Images
Vor schwieriger Mission: Hansi Flick. Foto: Imago Images © Imago

Was den Bundestrainer Hansi Flick ausmacht, was seine Frau über ihn sagt und was ihn beim FC Bayern am Ende besonders gestört hat. Eine Spurensuche.

An einem feuchten Montagmittag im August 2021 stapft Hansi Flick in einer weißen Regenjacke und schwarzem Käppi durch die Pfützen des Fußballplatzes in Stuttgart-Degerloch. Er läuft überraschend auf die am Spielfeldrand harrenden Medienleute zu. Der neue Bundestrainer sucht eine Nähe, die in dieser Form so kein Reporter vorher kannte. Er erklärt, dass künftig stets eine Trainingseinheit pro Woche geöffnet sein wird und die Journalistenschar somit nicht immer schon nach einer Viertelstunde des Platzes verwiesen wird. Er erläutert die geplanten Trainingsinhalte der ersten Übungseinheit unter seiner Führung und lehnt es schließlich freundlich, aber bestimmt ab, für die Fotografen mit einem Ball in der Hand zu posieren. „Nix, den nehm ich an den Fuß. Ich bin ja kein Torwart.“ Da wissen alle: Hansi Flick kann freundlich und entgegenkommend sein, wenn er will. Und deutlich ablehnend, wenn er nicht will: Das ist dann der Hans-Dieter im Hansi.

Wer ist dieser Mann, der Deutschland in diesem Winter zur Fußball-Weltmeisterschaft coachen will?

Es gibt dafür reichlich Lektüre zum Nachschlagen. Gleich drei Bücher, in denen Hans-Dieter Flick die Hauptrolle spielt, sind binnen eines Jahres veröffentlicht worden. Zwei hochdekorierte Reporter von Tageszeitungen haben den Bundestrainer aufwendig porträtiert. Christoph Kneer von der „Süddeutschen Zeitung“ beschreibt in „Die Hansi Flick Story – Geschichte eines Fußballwunders“, erschienen im Mai 2021, auf virtuose Art und Weise den Weg vom Interimscoach bei Bayern München zum Cheftrainer eines Meisters und Champions League-Siegers, der obendrauf noch den Weltpokal holt. Günter Klein vom „Münchner Merkur“ geht in seinem kaum minder lesenswerten „Hansi Flick: Die Biografie. Leben und Karriere des Bundestrainers und Champions League-Gewinners“, veröffentlicht einen Monat vor Kneers Werk, weiter zurück in der Vita eines Menschen, dessen Karriere in dieser Form nicht zu erwarten gewesen ist.

Inzwischen hat sich Flick dem Autoren Jonathan Sierck, der zuvor Ratgeber vom Format „Über die Kunst, du selbst zu sein“ oder „Wie kannst du dich noch besser konzentrieren“ geschrieben hatte, erstaunlich weit geöffnet. Herausgekommen ist die Biografie „Hansi Flick – im Moment“, das persönlichste Buch des Bundestrainers, der anderthalb Jahre zuvor im Gespräch mit Klein noch geglaubt hatte, er sei nicht reif dafür, dass ein ganzes Buch über ihn geschrieben wird. Offenbar hat sich auch im Selbstbild des 57-Jährigen einiges geändert. Hansi Flick findet sich jetzt wichtig genug, der Welt in Ich-Form zu erzählen, was er tut, um erfolgreich und glücklich zu sein.

Von seinem Vorgänger Joachim Löw gab es das auch nach anderthalb Jahrzehnten als erster Mann im deutschen Fußball nicht. In der einzigen ernstzunehmenden Biografie über Löw, erschienen im November 2018, muss sich „Stern“-Reporter Mathias Schneider mühevoll über ehemalige Weggefährten dem Ex-Bundestrainer nähern, der ihm persönliche Einblicke nur in homöopathischen Dosen gewährt. Etwas an Löw bleibt geheimnisvoll. Bei Flick, geboren in Heidelberg und ganz in der Nähe im kleinen Dorf Mückenloch aufgewachsen, ist das anders.

Sein Vater förderte ihn mit harter Hand. Nach einer Niederlage bei einem Hallenturnier musste der elfjährige Hansi mitten im verschneiten Wald aus dem Auto aussteigen und kilometerlang allein nach Hause laufen. Flick beschreibt das in seiner aktuellen Biografie dennoch liebevoll. Seine Eltern hätten „so viel für uns zurückgesteckt, dass ich ihnen nur dankbar sein kann“, auch wenn er nicht immer Geborgenheit erlebt habe. Mit 18 lernte er seine Frau Silke kennen, die damals erst 15 war und die er als „Liebe meines Lebens“ bezeichnet. „Wir vertrauen uns blind.“ Sie habe ihn, den eigentlich scheuen Menschen, gelehrt, „was hinter der Binsenweisheit steht: Wenn ich offen bin, öffnen sich auch andere mir gegenüber.“ Sie sagt über ihn: „Hansis große Gabe ist definitiv seine Sensibilität. Er will wirklich, dass es allen gutgeht.“

Ähnlich sieht es der dreifache WM-Teilnehmer Sami Khedira im Gespräch mit der Frankfurter Rundschau: „Hansi gibt einer Mannschaft eine ganz spezielle Note, eine sehr menschliche Note. Er spürt sehr viele Entwicklungen“, so der Ex-Nationalspieler, aber das sei längst nicht alles: „Wir reden ja auch immer über Hansi den Menschenfänger. Was viele vergessen: Er ist auch taktisch ein richtig, richtig guter Trainer.“ Etwas beeindruckt Khedira besonders: „Hansi weiß, was die Mannschaft kann. Und er weiß, was sie nicht kann. Und als Trainer ist es meiner Meinung nach die größte Stärke, wenn man weiß, wie man dem eigenen Nicht-Können begegnet.“

Dabei hilft Flick sicher, dass er beileibe nicht nur die Sonnenseiten des Lebens kennengelernt hat. Seine aktive Karriere war wegen eines Knieleidens schon mit 28 vorbei, als Sportinvalide eröffnete er im heimischen Bammental ein Sportgeschäft, das nicht immer nur prächtig lief, als Trainer erlebte er mit der Beurlaubung bei der TSG Hoffenheim 2005 eine große Enttäuschung, als Sport-Geschäftsführer zwölf Jahre später an selber Stelle eine noch größere. Es passt nicht zwischen ihm, Trainer Julian Nagelsmann und Sportchef Alex Rosen. „Bevor es auseinanderging, hatte ich immer das Gefühl: Ich komme hier nicht in meine Kraft und kenne mich in dieser Form selbst nicht.“ Flick beendete die unfruchtbare Liaison vorzeitig.

Und wurde – nachdem er zuvor auch als Sportdirektor beim DFB nicht recht froh geworden war – wieder Trainer. Zunächst Assistent von Niko Kovac bei Bayern München, nach dessen Demission zunächst Interimscoach, der derart überzeugend arbeitete, dass er bald zum Cheftrainer befördert wurde. Der damalige Bayern-Boss Kalle Rummenigge erinnert sich: „Er hat den Menschen zugehört, sich Zeit für sie genommen. Er wollte von den Spielern wissen, was sie selbst ändern würden, und er hat eng mit ihnen kooperiert.“

Hansi Flick kommt sicher entgegen, dass er kein Mensch ist, der das Scheinwerferlicht liebt oder politische Spielchen spielt. Wenn ihm etwas nicht passt, sieht man es ihm an. Dann kann er unleidlich werden. Hasan Salihamidzic, als Sportvorstand seinerzeit Vorgesetzter des Trainers, hat das zu spüren bekommen. In seinem neuen Buch schreibt Flick: „Um meine Stärke auszuspielen und mich voll auf meinen Job konzentrieren zu können, brauche ich ein Miteinander, in dem ich mich wohlfühle und Vertrauen spüre. Wenn das nicht gegeben ist, verliere ich zu viel Energie, und das tut mir und dem großen Ganzen nicht gut.“ Deshalb verließ er den FC Bayern. Seine Interpretation lässt auch für den ehemaligen Arbeitgeber keine Fragen offen: Es sei für ihn „schwer nachvollziehbar“, wenn „innerhalb von Organisationen gegeneinander gearbeitet wird und aus politischem Kalkül die eigenen Interessen vor die gemeinsamen Ziele gerückt werden. Immer, wenn so etwas der Fall ist, muss ich einen Schlussstrich ziehen und sagen: Es geht so nicht weiter.“

Das Ende beim FC Bayern eröffnete Flick die Möglichkeit, komplikationslos Bundestrainer zu werden. Die Sehnsucht nach einem Schub nach der Ära Joachim Löw war im ganzen Land derart groß, dass er während der anfänglichen Siegesserie gegen Zwergenstaaten medial ein wenig zu hochgelobt wurde. Hansi Flick hat sich ein neues Trainerteam gebastelt, das Scouting intensiviert, ist selbst viel fleißig unterwegs gewesen im Vorfeld der WM. Er ist kein riesengroßer Rhetoriker, wie das etwa Jürgen Klopp, Thomas Tuchel oder Julian Nagelsmann sind, aber er besitzt die Fähigkeit, in einer bescheidenen Form der Autorität viel mehr im Griff zu haben, als man ihm zutraut.

So will er es auch in Katar angehen: Die Mannschaft soll mehr schaffen, als ihr zugetraut wird.

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