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Hansi Flick fährt und bleibt doch

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Von: Jan Christian Müller

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Abfahrt aus der Tiefgarage: der alte und neue Bundestrainer Hansi Flick.
Abfahrt aus der Tiefgarage: der alte und neue Bundestrainer Hansi Flick. © dpa

DFB-Präsident Bernd Neuendorf spricht dem Bundestrainer das vorgeblich vollste Vertrauen aus - aber gemeinsam vor den Medien präsentieren sich beide komischerweise nicht.

Ganz in der Nähe des hübschen Plätzchens, wo sich die deutsche Fußball-Nationalmannschaft derzeit eigentlich noch aufhalten wollte, im hohen Norden des Scheichtums Katars, hat es am Mittwoch Blitz und Donner gegeben. Zum ersten Mal seit Monaten ging über der Wüste wieder Gewitterhagel mit zentimeterdicken Körnern nieder.

Auch wenn in der Mitte Deutschlands zur selben Zeit sogar zwischendurch mal die Sonne schien: Die pechschwarze Wolke liegt 4500 Kilometer Luftlinie entfernt von Katar gewissermaßen symbolisch über der neuen Heimat des Deutschen Fußball-Bundes, dem 150-Millionen-Euro-Koloss DFB-Campus an der Frankfurter Kennedyallee. Gar kein Zweifel: Lieber hätte man das echte Sturmtief im hübschen Zulal Wellness Resort am Persischen Golf nach einem Sieg im Achtelfinale gegen Marokko erlebt, dann ganz bestimmt auch wieder in Anwesenheit der reizenden Gattinnen.

Stattdessen harrte eine stattliche Zahl an Reportern im dann doch bald einsetzenden Regen vor dem Kempinski Hotel Gravenbruch, gleich gegenüber des Autokinos, vor den Toren Frankfurts aus. Drinnen hockten Hansi Flick, Bernd Neuendorf und Hans-Joachim Watzke zur Elefantenrunde, und als Flick die Tiefgarage um 17 Uhr nach zweieinhalbstündigem Beisammensein weit vor dem Präsidenten und dem Ligaboss mit mürrischer Miene am Steuer seines SUV verließ, sah der 57-Jährige verdächtig nach einem Ex-Bundestrainer aus. Es dauerte dann noch fast anderthalb Stunden, ehe der DFB schriftlich bekanntgab: Es geht weiter mit Flick. Es habe nämlich ein „freundliches und konstruktives Gespräch“ gegeben, Neuendorf äußerte in der Pressemitteilung, man habe „volles Vertrauen in Hansi Flick“, Flick sagte andersherum, er habe „Vertrauen in den heute verabredeten, gemeinsamen Weg mit Bernd Neuendorf und Aki Watzke“. Hmm.

Was die Nachfolge von Geschäftsführer Oliver Bierhoff angeht, ließ man ausrichten, zunächst „über die künftige Struktur dieses Aufgabenbereichs zu beraten, um anschließend eine Personalentscheidung zu treffen“.

Kaum vorstellbar, dass ein derart hoher Frauenanteil, wie er von Flick und dessen ehemaligen Vorgesetzten Bierhoff in der schönen Strandherberge in Katar genehmigt worden war, auch von, sagen wir, Matthias Sammer im Verbund mit Fredi Bobic goutiert worden wäre. Vermutlich hätten diese beiden im Emirat auch eher nach einer Sportschule Ausschau gehalten als ausgerechnet nach einer Unterkunft mit dem Hinweisschild „Wellness Resort“.

Die beiden in Fußballfragen als notorische Nervensägen bekannten Fachmänner gehören nicht unbedingt zu den volksnahen Identifikationsfiguren, nach denen das Fußballvolk sich sehnt (dafür käme allenfalls Jürgen Klopp als Bundestrainer, Manager, Zeugwart und Präsident in Personalunion in Frage). Aber Sammer und Bobic, die beiden Europameister von 1996, könnten eventuell diejenigen sein, welche die Bierhoffisierung des DFB wieder ein bisschen zurückschrauben. Sämtliche Namen sind indes derzeit nicht mehr als Spekulationen, so hört man aus dem Inneren der Branche.

Das bestätigt der in der Deutschen Fußball-Liga (DFL) als Mitglied der Kommission Fußball auf allen Ebenen eng verdrahtete Fredi Bobic am Mittwochmorgen in einem Mediengespräch in Berlin ausdrücklich: Bevor der Verband über Namen spreche, müsse der DFB erst einmal das „Profil eines Sportmanagers“ entwerfen, so der 51-jährige Ex-Nationalspieler, „der DFB muss sich klar werden: Was wollen wir, wo wollen wir hin? Der, der es letztlich macht, will wissen, worum es eigentlich geht.“ Genauso sieht es ja nun auch der Verband selbst. Insoweit ist man sich schon mal einig, Bobic verabschiedete sich erst einmal in den USA-Urlaub, nicht ohne zuvor noch einen großen Türspalt offen zu halten: „Hypothetisch kannst du dir immer vieles vorstellen und im Fußball nie was ausschließen.“ Aha.

Abseits der nun geklärten Zukunft des Bundestrainers geht es aber in Wahrheit nicht nur um die bedeutende Frage, ob die Nationalspieler und der Nachwuchs fußballfachlich anders angepackt werden sollten. Sondern strategisch auch darum, wie sich der DFB mit seiner Elitetruppe auch atmosphärisch wieder ein bisschen in die Herzen des Landes spielen könnte. Denn die Nationalmannschaft hat es auf nahezu beispiellose Art und Weise hingekriegt, binnen acht Jahren vom in Rio und Berlin gefeierten Weltmeister zur Abbruchbirne in eigener Sache zu mutieren. Die Entfremdung ist in erster Linie mit den Leistungen auf dem Platz einhergegangen. Aber auch der Rahmen stimmt schon lange nicht mehr. Es erscheint dringend angeraten, mehr Nähe zuzulassen.

Bierhoff hatte das nach der Hybris von 2018 mehrfach postuliert, umgesetzt wurde es aber noch nicht einmal halbherzig. Die Imagewerte sind laut einer am Mittwoch brandheiß veröffentlichten Studie der Uni Würzburg tiefer im Keller denn je.

Andererseits erscheint der Frust der Spieler über deren öffentliche Wahrnehmung als vielkritisierte sportpolitische Botschafter Deutschlands aber auch nachvollziehbar. Sie sind zum WM-Start ohne ausreichende Unterstützung des Verbands in eine unlösbare Sandwich-Situation zwischen den Erwartungen einer kritischen deutschen Öffentlichkeit und den Anforderungen an volle Konzentration auf ihren Hochleistungssport geraten, die sie am Ende nicht lösen konnten.

Es gibt sehr viel aufzuarbeiten im deutschen Spitzenfußball. Denn kaum war die neue Verabredung mit Flick heraus, verschickten das im selben Hotel versammelte Ligapräsidium die Trennung von der bisherigen Chefin Donata Hopfen. Tenor intern: Lieber ein Ende mit Schrecken. In der Pressemitteilung wurde indes kräftig Süßholz geraspelt. Watzke lässt sich so zitieren, dass man unbedingt drüber lachen muss: Hopfen habe „großartigen Einsatz“ gezeigt und „wichtige Impulse“ gesetzt. Und: Man habe „vertrauensvoll zusammengearbeitet“. Im Fall Flick ist das mit dem Vertrauen im Sinne einer gedeihlichen gemeinsamen Zukunft hoffentlich ehrlicher gemeint. (Jan Christian Müller)

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