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Drin? Oder? Linie! Das berühmte Wembley-Tor, der Ball, damals noch aus Leder, springt auf die Linie. 

Nachruf Hans Tilkowski

Der Kronzeuge von Wembley: Trauer um Hans Tilkowski

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Hans Tilkowski war weit mehr als nur der Keeper, der beim sagenumwobenen Wembley-Tor 1966 im deutschen Tor stand. Erinnerungen an einen außergewöhnlichen Keeper und Menschen.

Vor ein paar Jahren ist der legendäre Torwart Hans Tilkowski, der am Sonntag im Alter von 84 Jahren in Dortmund nach langer Krankheit gestorben ist, wie so oft gefragt worden, warum er den Ball nicht gehalten habe. Es war klar, welcher Ball gemeint war, der Schuss von Geoff Hurst, seinerzeit 1966 im WM-Endspiel gegen England. 

Hans Tilkowski ist unzählige Male auf dieses Tor angesprochen worden, es war das vorentscheidende 3:2 in der Verlängerung im alten Wembley-Stadion. Und es ist das berühmteste Nichttor in der sehr langen Geschichte des Fußballs, „Wembley-Tor“ heißen seit 54 Jahren jene Treffer, bei denen der Ball von der Unterkante der Latte auf die Torlinie prallt und eben nicht mit vollem Umfang hinter die Linie. Also, Hans Tilkowski, warum haben Sie den Ball nicht gehalten?

Hans Tilkowski: Botschafter der guten Tat

Der Mann, im Endspiel ganz torwarttraditionell im schwarzen Outfit mit schwarzer Schiebermütze gegen die tief stehende Sonne, schaute dann den Fragesteller treuherzig an und entgegnete: „Ich habe ihn ja gehalten.“ Und dann sprudelte es im FR-Interview nur so aus ihm heraus: „Nachdem Hurst aus der Drehung geschossen hatte, ich stand so zwei, drei Meter vor dem Tor, habe ich den Ball mit den Fingerspitzen berührt. Im Fallen konnte ich über meine linke Schulter blicken, und da habe ich gesehen, dass der Ball auf der Linie aufschlug und nicht dahinter.“ Das Tor wurde dennoch gegeben - nachdem sich der Schweizer Schiedsrichter Gottfried Dienst mit seinem sowjetischen Linienrichter Tofik Bachramow, der kein Wort englisch oder deutsch sprach, auf „Goal“ verständigt hatten. Das „Jahrhundert-Tor“ war geboren.

Es war aber kein Tor.

Gleichwohl trug dieser Treffer viel zum Legendenstatus des gebürtigen Dortmunders bei. Hätte es damals schon den Videobeweis gewesen, ein Großteil kultur- und fußballhistorischer Abhandlungen hätte es nie gegeben. Und England wäre vielleicht nie Weltmeister geworden. Auch beim „Wunder von Glasgow“, bei dem die Dortmunder im Mai 1966 dank eines 2:1 über den hoch favorisierten FC Liverpool (und eines sensationellen und echten Tores von Stan Libuda) als erstes deutsches Team einen Europapokal gewannen, stand der gelernter Schlosser unter der Latte. Zudem wurde Hans Tilkowski, der neben dem Engländer Gordon Banks und dem Russen Lew Jaschin zu den weltbesten Keepern seiner Zeit zählte, ein Jahr vor dem WM-Finale als erster Torwart in Deutschland zum „Fußballer des Jahres“ gewählt.

Hans Tilkowski wechselte zum Ende seiner Karriere zu Eintracht Frankfurt

Seine Fußballerkarriere begann der Sohn eines Bergmanns aus dem Ruhrpott beim Dortmunder Vorortklub SV Husen - als Rechtsaußen. 1955 unterschrieb er bei Westfalia Herne seinen ersten Profivertrag, 219 Mal stand er für den damals erstklassigen Oberligisten im Kasten, ehe er zu Borussia Dortmund wechselte, wo er seine erfolgreichste Zeit erlebte. Fünf Jahre spielte er beim BVB, verpasste als Zweiter einmal knapp die Deutsche Meisterschaft, und wechselte zum Ende seiner Karriere 1967 zu Eintracht Frankfurt. Drei Jahre hütete er in Frankfurt das Tor, 39 Mal in der DFB-Auswahl.

Dem Fußball blieb Tilkowski danach als Trainer erhalten. Von 1970 bis Anfang 1982 coachte er Werder Bremen, 1860 München, 1. FC Nürnberg, 1. FC Saarbrücken und AEK Athen.

Nach seiner Karriere engagierte sich Tilkowski, der drei erwachsene Kinder hinterlässt, für Schwerkranke und Arme. Weit über eine Million Euro sammelte er als „Botschafter der guten Tat“ bei Veranstaltungen für Mukoviszidose- und Multiple-Sklerose-Kranke, die Krebshilfe, brasilianische Straßenkinder, für Krankenhausaufenthalte von Kindern aus Kriegsgebieten. Er wurde mit dem Bundesverdienstkreuz Erster Klasse ausgezeichnet, in Herne ist eine Schule nach ihm benannt worden. DFB-Präsident Fritz Keller würdigte den Torwart: „Für mich gehört er zu den größten Persönlichkeiten des deutschen Fußballs.“

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