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Kämpfte auf der Mitgliederversammlung für seine Sache - aber erfolglos: Martin Kind.

Hannover 96

Ein Kind im Weg

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Den erfolgreichen Hörgeräteunternehmer Martin Kind scheint das richtige Gespür für den Profifußball seit längerem verlassen zu haben.

Ich habe ein Kind im Ohr!“ An diesen Spruch mit dem Fingerzeig auf die Ohrmuschel erinnern sich heute noch viele. Die Werbekampagne mit dem Sänger Adel Tawil und Schauspieler Michael Degen schlug vor einem halben Jahrzehnt voll ein, um die Hörgerätekette bekannt zu machen. Ausgerechnet der Firmeninhaber war damals allerdings erst dagegen. „Ich war skeptisch. Nie hätte ich mir vorstellen können, welch unglaubliche Aufmerksamkeit das erregt“, sagte Martin Kind dem „Handelsblatt“. Aber da hatte er noch für externen Rat häufiger ein offenes Ohr. Ohnehin wirkte seine Erscheinung anders als heute: Der Unternehmer war glattrasiert, seine Erscheinung freundlich, verbindlich, zusammen mit seinem dominanten Wesen und einem kräftigen Händedruck wirkte alles recht stimmig.

Gerne auch lud Kind in dieser Zeit in sein Hotel in Großburgwedel, in dem er in seiner Funktion als Präsident von Hannover 96 beim Neujahrsempfang über die gewachsene Bedeutung seiner Fußballmarke redete. Denn das was gerade Eintracht Frankfurt ist, war auch Hannover 96 mal: letzter deutscher Vertreter in der Europa League. 2012 setzte erst der spätere Sieger Atletico Madrid im Viertelfinale das Stoppschild. Auch die Saison danach spielten die Niedersachsen international. Verein und Stadt genossen die Festspiele. Aber im Rückblick wirkt das fast unwirklich, denn es droht der zweite Abstieg binnen drei Jahren. Diese Saison wird vermutlich als Tiefpunkt in die Annalen eingehen. Sportlich und stimmungstechnisch.

Kind verkörpert als mächtigster Mann im Klub seit zwei Jahrzehnten eine Konstante. Noch immer sind ihm 74 Lebensjahre nicht zwangsläufig anzusehen, aber er hat sich verändert. Wie bei vielen Männern sprießen auch bei ihm die Bartstoppeln, aber das grau-weiße Gestrüpp passt nicht wirklich zu einem Typen wie ihm, der so geradlinig vorgeht. Sein Ruhestand scheint noch weiter entfernt als der Klassenerhalt seines Herzensvereins.

Der gerade abgelöste Vereinspräsident steuert, nachdem er sich auf der Mitgliederversammlung am Wochenende gleich noch abfinden musste, dass der fünfköpfige Aufsichtsrat ausschließlich mit seinen Gegnern besetzt sein wird, nichts zur Beruhigung bei. Im Gegenteil: Vor dem Kellerduell gegen den ebenfalls taumelnden Krisenklub FC Schalke 04 (Sonntag 15.30 Uhr) hat er die nächste Baustelle aufgemacht, indem er Trainer Thomas Doll in der „Bild“-Zeitung keine Beschäftigung bis Saisonende zugesteht: „Wir sollten das Spiel gegen Schalke abwarten.“

Vor der Länderspielpause hieß es, der in seiner Außendarstellung zunehmend angreifbare Doll bleibt auf jeden Fall. Doch eine Blamage in einem Testspiel gegen Arminia Bielefeld (0:5) hat die Zweifel verstärkt. Vieles erinnert an den erfolglosen Thomas Schaaf, der 2016 nach nur drei Monaten noch vor dem endgültigen Abstieg wieder weichen müsste. Ähnlich scheint auch Doll schon ausgespielt zu haben. „Ich persönlich habe gefühlt den Eindruck, dass weder Andre Breitenreiter noch jetzt Thomas Doll das Leistungspotenzial der Mannschaft ausschöpfen konnten“, erklärte Kind.

Dass es aber dem Kader insgesamt an Qualität fehlt, ist offenkundig. Sportchef Horst Heldt hatte mit den Sommer- und Winter-Neuzugängen kein glückliches Händchen. Kinds kürzlich angestellte Diagnose über die Mannschaft war mit einem Hörsturz vergleichbar: „kaputt, schlecht zusammengestellt und gescheitert“. Dass Doll, 52, und Heldt, 49, einen Neuaufbau in der zweiten Liga gestalten, ist unwahrscheinlicher geworden als ein fürs Schlittschuhlaufen freigegebener Maschsee im nächsten Winter.

Nachfolger kennt ihn gut

Es herrscht aber nicht überall Endzeitstimmung rund um die Roten. Kind hat nur lange nicht wahrhaben wollen – oder er hat einfach nicht hingehört – dass die Rufe aus der Fankurve gegen ihn nicht allein Verlautbarungen einer kleinen Ultra-Gruppierung sind, sondern sehr wohl die Missstimmung einer großen Gruppe ausdrücken. Trotzdem will der Patron mit seinen Gesellschaftern weiterhin die Mehrheit der ausgegliederten Profi-Abteilung behalten. Nachdem sich die Machtverhältnisse gedreht haben, wird das nicht leicht. Vielleicht sogar unmöglich.

Immerhin ist der frühere Fanbetreuer Sebastian Kramer, 42, als neu gewählter Vereinspräsident nicht vollends auf Krawall gebürstet. Beide kennen sich seit zwei Jahrzehnten. Aus dem mit Kind-Kritikern besetzen Aufsichtsrat könnte dem früheren Profi Carsten Linke, 53, eine Schlüsselrolle zukommen, der sich ungemeiner Popularität erfreut. Dass er sich gegen Kinds Machtübernahme mit der Aushebelung der „50+1“-Regel stellt, ist verbürgt. Kann Linke auch derjenige sein, der Kind zu einem Rückzug auf Raten bewegt und damit den Ausstiegs eines Machers vorbereitet, der anfangs viel, viel Gutes tat?

Der markante Glatzkopf beschreibt sich ja selbst als „unruhiger Geist“, der fast nebenbei in den vergangenen Jahren noch eine Firma für Arbeitssicherheit aufgebaut, in Immobilien, Radiosender, Ferienressorts oder Musikverlage investiert hat. „Die Branche ist nicht so entscheidend. Letztlich geht es immer um das eine: den zufriedenen Kunden“, sagte Kind im Frühjahr 2014. Und fügte noch an: „Erfolg ist so einfach.“ Aber offenbar nicht im Fußball.

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