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Hannover von der Leine

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Hannover 96 steht am Scheideweg, der Abstieg droht und der Klub wirkt wie ein Gebilde ohne Zukunft. Was nutzt da die harte Kritik von Trainer Thomas Doll? Ein Kommentar.

In diesen Tagen, da Hannover 96 ungebremst in Richtung zweiter Liga taumelt, kann man ja schon mal fragen, ob es von Thomas Doll eine gute Idee ist, derart massiv auf sein ohnehin schon dramatisch schwächelndes Team einzuprügeln. Was will der Trainer damit eigentlich bezwecken? Ein Aufbau von Selbstbewusstsein kann es nicht sein. Offenbar aber gehört das zur Methode Doll, schon vor zwei Wochen stellte er sein Team in den Senkel, fuhr mit der verbalen Dampfwalze über die komplett verunsicherte Truppe und machte vor allem eines damit sehr deutlich: Schuld seid ganz allein ihr. Ich nicht.

Natürlich hat ein Trainer allemal das Recht, Kritik zu formulieren, womöglich auch öffentlich, die Leistung der nach wie vor hochbezahlten Profis waren ja in der Tat alles andere als berauschend. So schlecht wie im Augenblick stand Hannover 96 selten da, und wer eine Partie gegen einen unmittelbaren Konkurrenten im Kampf um den Klassenerhalt sang- , klang - und chancenlos 1:5 in den Sand setzt, kann nicht viel richtig gemacht haben.

Nur: Was soll diese vernichtende Kritik bewirken? Thomas Doll hat nur diese Spieler, mit denen muss er arbeiten - wenn er sie nicht mit diesem Rundumschlag verloren hat. Die Krux ist: Am Ende steigt Hannover 96 ab, die Spieler ziehen zum nächsten Klub, gerne in der Bundesliga. Und Doll kassiert bei Rausschmiss eine Abfindung.

Ohnehin steht Hannover 96 am Scheideweg, nicht nur sportlich, der Klub droht zu zerreißen. Eine seltsame Gemengelage aus hausgemachten Problemen überfordert den Verein derzeit komplett; zuweilen wirkt Hannover 96 wie ein Klub auf Abruf, ohne Zukunft. Im Grunde leisten sich die 96er seit Jahren einen bizarren Richtungsstreit, der den Klub längst gespalten hat. Das von Chef Martin Kind, zugleich millionenschwerer Geldgeber, initiierte Vorhaben, den Klub zu übernehmen und die 50+1-Regel quasi auszuhebeln, erschüttert den Verein in seinen Grundfesten. Mit diesem Vorhaben stößt der Hörgeräteunternehmer bei einem großen Teil der Anhängerschaft auf barschen Widerspruch, sie empfinden Kinds Griff nach der Macht als blanke Enteignung.

Entsprechend hartnäckig gehen sie dagegen vor, Stimmungsboykott inklusive. In Hannover macht es keinen Spaß, im eigenen Stadion spielen zu müssen, es ist eher belastend; die Atmosphäre ist bleiern, ein Zusammenhalt zwischen Fans und Mannschaft, der anderswo Bäume ausreißen lässt, besteht nicht, es ist kalt in und um der Arena am Maschsee.

Erschwerend kommt hinzu, dass Manager Horst Heldt nicht gerade den Eindruck erweckt, mit Herzblut und voller Leidenschaft zu agieren. Vielmehr sitzt er auf gepackten Koffern. Nur das Veto des Präsidenten hat verhindert, dass der wichtigste Mann im sportlichen Bereich nicht längst woanders untergekommen ist.

Hannover 96 bietet derzeit das Bild eines traurigen, paralysierten, fast schon bemitleidenswerten Klubs, dem jegliche Kraft und jeglicher Glauben fehlt, die Karre noch irgendwie aus dem Morast zu ziehen. Dem Abstieg geweiht, sollten die sportlich Verantwortlichen die wirkliche Gefahr nicht unterschätzen. Warnende Beispiele gibt es genug: 1860 München, 1. FC Kaiserslautern, Eintracht Braunschweig, RW Oberhausen - Vereine, die in der Versenkung verschwunden sind.

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