+
Präsident Martin Kind spricht, Trainer Andre Breitenreiter hört zu.

Hannover 96

Ein Klub auf Abruf

  • schließen

Hannover 96 steht vor dem Sturz in die Versenkung. Ein Kommentar.

Es ist ja fast schon bemitleidenswert, wie Andre Breitenreiter um seinen Job kämpft. Wie hoffnungs- und chancenlos. Der Trainer ist eh das schwächste Glied in der Kette, ein Trainer eines tief in Abstiegsnöten steckenden Klubs erst recht. Es ist jetzt nicht sehr verwegen zu prophezeien, dass der loyale Fußballlehrer nicht mehr lange die Profis von Hannover 96 anleiten wird, sehr wahrscheinlich sind Siege gegen Borussia Dortmund und RB Leipzig nicht, um nur die nächsten Aufgaben zu nennen, womit sich die Lage der 96er weiter verschlechtern dürfte. Und sie ist jetzt schon nicht besonders kommod, elf Punkte aus 18 Spielen, nur 17 Tore geschossen, Platz 17. Breitenreiter trainiert eine Mannschaft, die offensichtlich nicht wettbewerbsfähig ist. Erschwerend kommt hinzu: Die Stimmung an der Leine ist schlechter als die Leistung auf dem Platz. 

Sicherlich hat der unprätentiöse, gebürtige Hannoveraner nicht alles richtig gemacht, die Androhung, den Weihnachtsurlaub zu streichen und sie dann zurückzunehmen, hat seiner Autorität zum Beispiel nicht gutgetan. Genauso wenig wie jetzt das fehlende Bekenntnis der Führungsetage zum Coach. Aber das sind Nebenaspekte. 

Bizarrer Richtungsstreit

Im Grunde leistet sich Hannover 96 seit Jahren einen bizarren Richtungsstreit, der den Klub längst gespalten hat. Das vom Chef Martin Kind, zugleich millionenschwerer Geldgeber aus Großburgwedel, initiierte Vorhaben, den Klub mehrheitlich zu übernehmen und die 50+1-Regel quasi auszuhebeln, erschüttert den Verein in seinen Grundfesten. Mit diesem Vorhaben stößt der Hörgeräteunternehmer bei einem großen Teil der Anhängerschaft auf barschen Widerspruch, sie empfinden Kinds Griff nach der Macht als blanke Enteignung. Entsprechend hartnäckig gehen sie dagegen vor, Stimmungsboykott inklusive. Und eben auch zulasten der Mannschaft. 

Kind geht es darum, der Kapitalseite mehr Einfluss zu verschaffen. Um das zu erreichen, nimmt er juristische Scharmützel mit der DFL, herben Zoff mit der Opposition und jede Menge Unruhe in Kauf. Das alles bindet Zeit, Nerven, Energie. Und färbt natürlich auf alle sportlichen Belange ab. Erschwerend kommt hinzu, dass Manager Horst Heldt den Eindruck nicht zu verwischen in der Lage ist, auf gepackten Koffern zu sitzen. Nur das Veto von Kind hat verhindert, dass der wichtigste Mann im sportlichen Bereich nicht längst beim 1. FC Köln oder in Wolfsburg unterschrieben hat. Nach tiefer Liebe zu Hannover 96 sieht das nicht aus.

Diese Gemengelage aus hausgemachten Problemen droht den Klub zu zerreißen, droht ihn untergehen zu lassen. Eine uneinige sportliche Führung, viele Scharmützel auf Nebenschauplätzen, ein Präsident, der unbedingt sein Ding durchziehen will, eine Mannschaft, die zu schwach ist für die erste Liga – das sind keine guten Voraussetzungen. Wie soll da in die Spur zurückgefunden werden? Hannover 96 steht vor dem Sturz in die Versenkung, ist ein Klub auf Abruf. Der Trainer ist da nur ein Bauernopfer. 

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare

Liebe Leserinnen und Leser,

wir bitten um Verständnis, dass es im Unterschied zu vielen anderen Artikeln auf unserem Portal unter diesem Artikel keine Kommentarfunktion gibt. Bei einzelnen Themen behält sich die Redaktion vor, die Kommentarmöglichkeiten einzuschränken.

Die Redaktion