Symbol des Scheiterns: HSV-Profi David Kinsombi.
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Symbol des Scheiterns: HSV-Profi David Kinsombi.

Hamburger SV

Am Boden

  • Jan Christian Müller
    vonJan Christian Müller
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Die leidgeprüften Fans des einst so stolzen Hamburger SV wähnen sich am Ende ihrer Liebe.

Der Bodensatz der Frustrationstoleranz hat selbst die hartgesottensten und leidgeprüftesten Fans des Hamburger SV erreicht. Mit Whatsapp-Nachrichten reißen sie sich nach dem debakulös mit einem 1:5 gegen den SV Sandhausen verpassten Aufstieg gegenseitig noch weiter in den psychosomatischen Abgrund. Ein Beispiel: „Ich war 42 Jahre lang HSVer, habe so manchen Tiefpunkt erlitten, aber das war MIT ABSTAND DAS ERBÄRMLICHSTE UND PEINLICHSTE, was ich je erlebt habe. Verabschiede mich hiermit von diesem Scheißverein.“ Man muss die Wortwahl verstehen. Tiefste Tiefpunkte hat dieser einst so stolze Traditionsklub reichlich erlebt, die treue Anhängerschaft hat mal tapfer, mal zornig dennoch immer kollektiv die Pobacken zusammengekniffen und die Gefolgschaft nie verwehrt. Aber irgendwann ist Schluss. Ein derart niederschmetterndes Ergebnis wie dieses 1:5 gegen Sandhausen, ausgerechnet gegen den Inbegriff des provinziellen Zweitligafußballs, ist zu viel für die ohnehin schon arg geschundene Fanseele. 

Hamburger SV: „Es reicht!“

„ES REICHT, keine Dauerkarte mehr für mich!“ Das ist der Tenor des geballten Frusts am Tag danach, als Sportchef Jonas Boldt im Gespräch mit den einheimischen HSV-Reportern versucht, die Scherben zusammenzukehren. Das bei den Rothosen besonders weit entwickelte Prinzip des „Hire and fire“ soll diesmal möglichst einer am Standort völlig unbekannten Strategie der Nachhaltigkeit weichen. Will heißen: Der vormalige Leverkusener Boldt, gemeinsam mit Präsident und Ex-Nationalspieler Marcell Jansen der starke Mann im Verein, plant eine weitere Zusammenarbeit mit Trainer Dieter Hecking, sofern dieser bereit ist, unter erschwerten Bedingungen mit einem geringeren Etat dabeizubleiben. Der Vertrag des 55-Jährigen hätte sich nur beim Aufstieg automatisch verlängert. 

Eine Blaupause für Erfolg gibt es beim „peinlichsten HSV aller Zeiten“ („Bild“) ohnehin nicht. Vergangene Saison verlor der blutjunge Trainer Hannes Wolf immer mehr den Durchgriff auf die Mannschaft, die schließlich am vorletzten Spieltag beim 1:4 in Paderborn in sich zusammensackte. Das „gesamte Sportsystem“ sei „kollabiert“, interpretierte der damalige Vorstand, Bernd Hoffmann, inzwischen im Streit geschieden, seinerzeit, Bald nach Wolf wurde auch der damalige Sportchef Ralf Becker nach Art des Hauses entsorgt. 

Der HSV mit blamabler Rückrunde

Zwölf Monate später scheitert der alte Fahrensmann Hecking kolossal in einer wie unter Vorgänger Wolf zunehmend blamablen Rückrunde am Aufstiegsziel. Hecking, der dank seiner Routine gewiss Ruhe ins Umfeld des notorisch unruhigen sechsmaligen deutschen Meisters gebracht hat, sammelte nach dem Re-Start in neun Spielen nur lumpige zehn Zähler - die Bilanz eines Abstiegskandidaten. 

Dieselben Fans, die so abgrundtief enttäuscht über die immer neuen fußballerischen Peinlichkeiten sind, der ihr Leib- und Lieblingsverein ihnen inzwischen fast traditionsgemäß feilbietet, lindern ihren Herzschmerz nun so: „Zumindest bleibt uns die Relegation gegen Werder erspart. Hätten wir SOWIESO VERLOREN.“ 

Der Hamburger SV wird Spieler verlieren

Die Schmach, mit Größen wie Frank Rost im Tor, dem heutigen Vereinschef Jansen, Jerome Boateng, Joris Mathijsen und Guy Demel in der Verteidigung, Piotr Trochowski, Mladen Petric und Paolo Guerrero in der Offensive, vor elf Jahren gegen Werder Bremen (mit Tim Wiese, Per Mertesacker, Naldo, Diego, Torsten Frings, Claudio Pizarro) binnen weniger Tage sowohl im DFB-Pokal als auch im Uefa-Cup gescheitert zu sein, hat der HSV bis heute nicht verwunden. Insoweit hatte das 1:5 gegen Sandhausen womöglich sogar etwas Gutes. Es hat verhindert, dass in Hamburg wieder Träume gedeihen und jäh platzen könnten. Ausgerechnet gegen den Erzfeind aus Bremen. Der Schmerz darüber wäre noch viel größer geworden als jetzt dieser harte Aufschlag in der Realität der zweiten Liga.

Ausgeliehene und zumindest teilweise überzeugende Spieler wie Mittelstürmer Joel Pohjanpalo und Adrian Fein werden zurück nach Leverkusen und zu Bayern München gehen, auch für die erfahrenen Martin Harnik, Jairo Samperio und Christopher Moritz gibt es keine Zukunft in Hamburg. Zu allem Überfluss hat sich Abwehrchef Rick van Drongelen gegen Sandhausen einen Kreuzbandriss zugezogen und fällt für den Rest des Kalenderjahres aus. Zu den Scherben des selbstgemachten Unglücks könnte auch eine Kündigung des langjährigen Trikotpartners Emirates und des Namenssponsor Klaus-Michael Kühne für das Volksparkstadion gehören. Die Schmach sitzt tief. (Von Jan Christian Müller)

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