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Der HSV fehlt in der Beletage des deutschen Profifußballs.

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Hamburger Statement

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Der HSV konzentriert sich nach dem Pokal-Aus voll auf die Mission Wiederaufstieg. Der Klub hat aus seinen Fehlern gelernt. Ein Jahr im Unterhaus genügt, Hamburg gehört in die Bundesliga.

Wer in dieser Saison bislang noch nicht das Hamburger Volksparkstadion besucht hat, weil der Standort nach einem absurd anmutenden Missmanagement nur noch zweitklassig ist, der muss nach einem frühlingshaften Fußballabend anmerken: Der HSV fehlt in der Beletage des deutschen Profifußballs. Allein als atmosphärisches Ausrufezeichen! Nichts gegen Schauplätze wie Mainz, Augsburg oder Freiburg, und auch gegen Erstligaspiele in Sinsheim oder Leipzig ist rein sportlich gar nichts einzuwenden, weil hier oft echtes Spektakel geboten wird, und doch bekommen alle selten oder gar nicht hin, was ein Verein wie der Hamburger SV sofort schafft: ein Gänsehautgefühl zu erschaffen, das sich wechselweise von den Rängen bis auf den Rasen spannt.

Als der Stadionsprecher Lotto King Karl, im Duett mit seinem Kompagnon Dirk Böge reif für die Königsklasse, sich nach Abpfiff des Pokalhalbfinals gegen RB Leipzig beim Publikum dafür bedankte, es habe eine „geile Visitenkarte“ abgegeben, klang das nicht einmal übertrieben. Noch besser saß der Satz, mit dem die Moderation endete: „Wir fahren trotzdem nach Berlin.“

Es entbehrt ja nicht einer gewissen Pikanterie, dass der Hamburger SV am Sonntag bei Union Berlin antritt. Alte Försterei statt Olympiastadion. Vor knapp über 20.000 statt mehr als 70.000 Zuschauer. Verfolgerduell der zweiten Liga statt Pokalendspiel. Es geht um viel: Gewinnen die Eisernen, dann rutschen die Rothosen im schlimmsten Fall bis auf Platz vier ab. Dass es am vorletzten Spieltag noch zum derzeitigen Dritten SC Paderborn geht, macht die Herausforderung für Trainer Hannes Wolf nicht einfacher.

Dem 38-Jährigen war es ein wichtiges Anliegen, seine Jungs nach der starken Vorstellung gegen Leipzig nicht allzu sehr zu loben. Wolfs Warnung: Alle müssen tunlichst dieselbe Leidenschaft, denselben Fokus für den Zweitligaalltag aufbringen. Ein zweites Jahr im Unterhaus würde den massiv mit Verbindlichkeiten belasteten Klub zu noch härteren Einschnitten zwingen. Leistungsträger von Douglas Santos, Gideon Jung bis Julian Pollersbeck müssten wohl allesamt verkauft werden.

Vielleicht würde sich der Kader mit entwicklungs- und begeisterungsfähigen Jungspunden wie Leo Lacroix, Josha Vagnoman oder dem als Flüchtling nach Deutschland gekommenen Bakery Jatta sogar leichter in Liga eins behaupten, als im Stahlbad der zweiten Liga die Bürde des sofortigen Wiederaufstiegs zu schultern. Diese Draufgänger sind die Hamburger Zukunft, das aktuelle Ensemble ist im Schnitt keine 23 Jahre alt. Mit Pierre-Michel Lasogga, Aaron Hunt und Lewis Holtby werden die letzten reifen Gesichter (und Großverdiener) so oder so im Sommer verabschiedet. Sportchef Ralf Becker hat bei Holstein Kiel gelernt, dass eine billigere Kaderplanung nicht schlechter sein muss.

Insofern gab es die wichtigste Nachricht für den Hamburger SV wenige Stunden vor Anpfiff des Pokalspiels: Der Klub hat die Lizenz für beide Bundesligen ohne Bedingungen und Auflagen erhalten. Vorstand Bernd Hoffmann hat – dank der bereits zweiten vorzeitig vollumfängliche platzierten Fan-Anleihe – ein Versprechen gehalten und den wichtigsten Pflock eingeschlagen. Wirtschaftlich kann es weitergehen. Gut wäre es, wenn die Mannschaft sportlich mit einem erstligareifen Statement im Schlussspurt nachzieht. Hamburg gehört mit dem HSV in die Bundesliga. Eine Strafrunde reicht.

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