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Will künftig als Aufsichtsratmitglied über die Zukunft jener Leute befinden, wegen denen er nun als Trainer der Hertha zurücktrat: Jürgen Klinsmann. 

Hertha BSC

HaHoHe, Euer Jürgen

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Trainer Klinsmann tritt nach nur elf Wochen in Berlin zurück und stürzt den Bundesligisten in schwere Turbulenzen.

Am späten Montagnachmittag sitzt er da mitten in einem Zimmerchen in Berlin Mitte, exakt um 17.06 Uhr, und aktiviert die auf ihn gerichtete Kamera des Computers. Im Hintergrund ein weißer Kleiderschrank, Marke schwedischer Eigenbau, im Vordergrund der braungebrannte Mitfünfziger, Marke schwäbischer Visionär. Irgendwie hipp solch ein Auftritt mit zerzaustem Haar und lockerem Langarmshirt, und gleichermaßen absurd. Der Mann vor der Webcam ist Jürgen Klinsmann, seinerzeit noch Trainer von Bundesligist Hertha BSC.

Seit der 55-Jährige am 27. November des vergangenen Jahres anstelle von Ante Covic bei den Berliner Fußballern den Posten des Cheftrainers übernommen hat, knipst er regelmäßig die PC-Kamera an und diskutiert via Soziale Medien mit den Fans der Hauptstädter. So auch am Montag. „Jetzt also mal rein in Eure Fragen“, beginnt der in Göppingen geborene Ex-Bundestrainer, „da nehme ich mir doch mal den Jakob raus. Der will wissen: Welche Rückennummer bekommt unser Neuzugang Matheus Cunha?“ Hach, ein gute Frage, denkt Klinsi und lächelt. Die Antwort lautet: „Ich weiß es jetzt aber nicht.“ Die Maus scrollt, der hagere Blonde liest vor: „Der René fordert, die nächsten vier Spiele zu gewinnen.“ Hach. „Ja, das würde ich gerne so annehmen.“ Wieder ein Lächeln.

Jürgen Klinsmann war in seinem Element, zuversichtlich wie eh und je, stets positiv. Am nächsten Morgen trat er als Trainer des Tabellenvierzehnten zurück. Der große Klinsi-Knall, öffentlich gemacht ebenfalls in den Sozialen Medien vom Trainer selbst. Auf seiner eigenen Facebookseite und bei Twitter postete Klinsmann die Abschiedsrede (siehe auch Wortlaut in der Infobox). In Kurzform stand da geschrieben: Erst ein Dank an die Fans, dann ein Einblick ins bisher Erreichte, gefolgt von einer Watschn für die Klubführung sowie dem Wunsch nach dem Rücktritt als Trainer nun wieder Aufsichtsratsmitglied sein zu können, endend mit dem vereinseigenen Gruß: „HaHoHe, Euer Jürgen“. Verrückte Fußballwelt.

Nach nur elf Wochen stellte Jürgen Klinsmann also am Dienstagvormittag, exakt um 10 Uhr, seinen Job zur Verfügung und traf die Berliner Bosse damit offenbar völlig unvorbereitet. Eine offizielle Bestätigung des Vereins lag nicht vor. Selbst die Nachrichtenagenturen hielten sich anfangs mit der Verbreitung der Neuigkeit zurück, zu überraschend kam sie, womöglich könne sie ja gar ein Falschmeldung sein, ein gehackter Social-Media-Account zum Beispiel. Pustekuchen. Jürgen Klinsmann macht keine Späße.

Also ließ sich der Berliner Sport-Geschäftsführer Michael Preetz eine knappe Stunde später wie folgt in einer Mitteilung zitieren: „Wir sind von dieser Entwicklung am Morgen überrascht worden. Insbesondere nach der vertrauensvollen Zusammenarbeit hinsichtlich der Personalentscheidungen in der für Hertha BSC intensiven Wintertransferperiode gab es dafür keinerlei Anzeichen.“

Klinsmann hatte es vorgezogen, seinen internen Gegenspieler Preetz, mit dem immer er immer mal wieder im Clinch lag ob der künftigen Gesamtausrichtung des Klubs, im Unklaren über seine Entscheidung zu lassen, stattdessen informierte er vorher lieber die Spieler. Nach zwei übungsfreien Tagen waren diese am Dienstagmorgen im Berliner Trainingszentrum zusammengekommen, um sich – so die Vermutungen – eine kräftige Standpauke nach der 1:3-Heimniederlage gegen Mainz 05 anzuhören. Plötzlich mündete die Teambesprechung im Rücktritt.

Hertha-Investor Lars Windhorst, der große Teile der im Winter ausgegebenen 76 Millionen Euro für Zugänge beisteuerte – weltweiter Spitzenwert –, habe von diesem Plan bereits tags zuvor gewusst. Das gab er zumindest gestern anfangs gegenüber der „Bild“ an. Einige Stunden später korrigierte er sich und erklärte, dass er auch erst am Dienstag vom Aus erfuhr. Sei’s drum, er bedauere diesen Schritt jedenfalls sehr.

Aber warum hatte Jürgen Klinsmann derart die Schnauze voll, dass er sich aus dem von ihm scheinbar so geliebten Scheinwerferlicht nun mir nichts, dir nichts davonstahl? Offenbar wollte er zügig einen Vertrag über den Sommer hinaus vorgelegt bekommen – obwohl Hertha immer noch dort steckt, wo der Klub bei seinem Amtsantritt stand: im Abstiegskampf. Zudem soll sich der Wahl-Kalifornier eine ähnliche Machtfülle wie englische Trainermanager gewünscht haben, also auch einen größeren Einfluss auf Transfers. Der Klub dagegen wollte wohl die sportliche Entwicklung erst einmal abwarten, bevor er solch eine weitreichende Entscheidungen für die Schlüsselpersonalie trifft.

Am Dienstag leitete schließlich Alexander Nouri, 40, bisher Assistent von Klinsmann und von diesem erst zur Hertha gebracht, das Training. Eine langfristige Lösung für den Chefposten an der Seitenlinie dürfte der ehemalige Bremer Fußballlehrer aber nicht sein. Besser würde dem eigenen Verständnis des Großstadtklubs nach schon der Niko Kovac passen. Blöd nur, dass der ehemalige Eintracht- und Bayern-Trainer schon im November kein Interesse an einem Engagement in seiner Heimatstadt Berlin hegte. Daraufhin erst wurde Klinsmann überhaupt verpflichtet.

Seine Liveschalte mit den Berliner Fans hatte Jürgen Klinsmann am Montag nach 18 Minuten übrigens mit folgenden Worten beendet: „Ich freue mich auf den nächsten Chat mit Euch, bis dann, Euer Jürgen.“ Er lächelte.

Die Abschiedserklärung im Wortlaut

Liebe Herthaner,

auf diesem Wege sage ich ein ganz herzliches Dankeschön an alle Spieler, Fans, Zuschauer, Betreuer und Mitarbeiter von Hertha BSC für die Unterstützung, die vielen Begegnungen und den Austausch in den vergangenen zehn Wochen. Diese Zeit war für mich überaus spannend und brachte viele interessante neue Einblicke. Der Klub und die Stadt sind mir noch stärker ans Herz gewachsen.

Ende November haben wir mit einem hochkompetenten Team dem Wunsch der Vereinsführung entsprochen und ihr in einer schwierigen Zeit geholfen. Wir waren in der relativ kurzen Zeit auf einem sehr guten Weg, haben auch dank der Unterstützung vieler Menschen trotz meist schwieriger Spiele inzwischen sechs Punkte Abstand zum Relegationsplatz. Ich bin fest davon überzeugt, dass die Hertha das Ziel – den Klassenverbleib – schaffen wird.

Als Cheftrainer benötige ich allerdings für diese Aufgabe auch das Vertrauen der handelnden Personen. Gerade im Abstiegskampf sind Einheit, Zusammenhalt und Konzentration auf das Wesentliche die wichtigsten Elemente. Sind die nicht garantiert, kann ich mein Potenzial als Trainer nicht ausschöpfen und kann meiner Verantwortung somit auch nicht gerecht werden. Deshalb bin ich nach langer Überlegung zum Schluss gekommen, mein Amt als Cheftrainer der Hertha zur Verfügung zu stellen und mich wieder auf meine ursprüngliche langfristig angelegte Aufgabe als Aufsichtsratsmitglied zurückzuziehen.

Die Anhänger, die Spieler und die Mitarbeiter sind mir in dieser Zeit natürlich ans Herz gewachsen und deshalb werde ich weiter mit der Hertha fiebern. Ich freue mich weiterhin auf viele Begegnungen in der Stadt oder im Stadion.

HaHoHe, Euer Jürgen

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