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„Haben Sie dann Bock zu schreiben?“

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Von: Jan Christian Müller

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Ein guter WM-Start ist enorm wichtig, weiß Sami Khedira. Foto: Imago Images
Ein guter WM-Start ist enorm wichtig, weiß Sami Khedira. Foto: Imago Images © Imago

Der dreifache WM-Teilnehmer und ARD-Experte Sami Khedira über seine Erfahrungen mit Auftaktspielen, über Hansi Flick und Oliver Bierhoff und was in Teamcamps richtig gut oder komplett schlecht funktionieren kann.

Sami Khedira (35) hat im Fußball auf höchstem Niveau alles erlebt, mit dem VfB Stuttgart, mit Real Madrid und mit der Nationalmannschaft. Im Interview erzählt , worauf es bei einer Weltmeisterschaft ankommt. Der Weltmeister von 2014 ist bei der WM in Katar im ARD-Studio als Experte im Einsatz.

Herr Khedira, Sie spielten 77 Länderspiele für Deutschland, waren bei drei Weltmeisterschaften dabei. Ist man anders aufgeregt vor dem Auftaktspiel einer Weltmeisterschaft als bei anderen wichtigen Länderspielen?

Natürlich ist das so. Es ist ja ohnehin eine Ehre, wenn man für Deutschland spielt. Das muss es auch sein. Aber dann noch eine WM, das Auftaktspiel. Viel mehr geht nicht. Das ist selbstverständlich anders, als wenn man ein Testspiel hat. Als Spieler weiß man: Nun guckt die ganze Welt zu.

2010 und 2014 sind Sie jeweils mit einem 4:0 ins Turnier gestartet. Trägt einen so ein Auftaktsieg durch das ganze Turnier?

Ich bin dankbar, dass Sie mit dem Positiven begonnen haben (lacht). Wenn Sie das Negative dazu nehmen, das 0:1 2018 gegen Mexiko, dann beantwortet sich die Frage von selbst. Man weiß nach der Vorbereitung einfach noch nicht, wo man steht. Deswegen ist es für das Selbstvertrauen extrem wichtig, mit einem Erfolgserlebnis in das größte Turnier der Welt zu starten.

Sie haben 2018 und die überraschende Auftaktniederlage gegen Mexiko ja selbst angesprochen. Welche Gefahren lauern in einem Auftaktspiel einer WM?

Die größte Gefahr ist, dass die komplette Vorfreude auf die WM, die sich ja normalerweise über Wochen und Monate aufgebaut hat, innerhalb von 90 Minuten weg ist. Das ist gefährlich. 2010 und 2014 haben wir das zweite Gruppenspiel ja auch nicht gewonnen. Aber durch die 4:0-Sieg zum Auftakt wussten wir, dass wir es können. Ein guter Start ist immer wichtig – nicht nur im Fußball. Als Formel-1-Fahrer will man auch nicht nach einem verpatzten Start dem Feld hinterher fahren. 2018 haben wir den Start aber komplett verpatzt.

Warum konnten Sie beim 0:1 gegen Mexiko als absolute Führungskraft nicht umlenken, als sichtbar wurde, dass die Mannschaft viel zu offen agiert?

Wir haben das in der Mannschaft damals extrem viel diskutiert. Und ich will auch gar nicht von meiner eigenen Leistung damals ablenken. Im engen Freundeskreis habe ich schon öfter darüber gesprochen, dass ich 2018 eigentlich am fittesten war. Und vorher habe ich meine beste Saison gespielt. Trotzdem habe ich dann in Russland meine schlechteste WM gespielt. Wieso, warum, weshalb? Ich weiß es nicht. Wir standen gegen Mexiko einfach zu offen. Es hätte gut gehen können, wir hätten Mexiko überlaufen können. Aber wir haben Mexiko nicht überlaufen.

Haben Sie mit Joachim Löw darüber gesprochen?

Wir haben Wochen nach der WM sehr offen und sehr lange über alles gesprochen. Wir waren uns einig, dass wir zu selbstsicher aufgetreten sind. Wir haben die Risiken und Zeichen im Spiel einfach nicht erkannt. Auch unsere Vorbereitung war nicht gut.

Löw hat später auch öffentlich von dieser „Arroganz“ gesprochen. Was kann Hansi Flick nun daraus lernen?

Dass man Japan genauso wenig unterschätzen sollte, wie wir es vielleicht mit Mexiko gemacht haben. Die Japaner haben richtig gute Kicker, das sieht man auch in der Bundesliga. Aber bei Hansi mache ich mir da keine großen Sorgen. Ich finde ihn sehr klar. Er ist nach tollen Spielen genauso wenig euphorisch wie nach nicht so tollen Spielen deprimiert. Er ist sehr bei sich. Ich habe ein sehr gutes Gefühl, dass die Mannschaft mit Hansi gut starten wird.

Als Lehre aus dem Mexiko-Fiasko: Wäre eine Doppelsechs mit Kimmich und Gündogan aus Ihrer Sicht zu wenig wehrhaft im Defensivverhalten?

Das ist eine Fangfrage (lacht).

Das ist eine Expertenfrage.

Jo Kimmich ist ein unfassbar guter Spieler, Ilkay Gündogan ist Kapitän bei Manchester City. Beide sind herausragende Fußballer. Man muss aber eine Mannschaft so aufstellen, dass alle Charakteristika mit drin sind. Und Leon Goretzka bringt etwas mit, dass den beiden vielleicht ein wenig fehlt: eine gewisse Körperlichkeit. Ich lese gerade das Buch „Intensity“ von Liverpools Co-Trainer Pep Lijnders, in dem er beschreibt, warum die Sechserposition die wichtigste auf dem Platz ist.

Das würden Sie als ehemaliger Sechser wahrscheinlich genauso unterschreiben…

…unbedingt. Der Sechser muss für die Balance im Spiel sorgen. Mit ihm steht oder fällt das ganze Konstrukt. Deswegen erlaube ich mir die Meinung, dass Jo Kimmich und Ilkay Gündogan zwar beides fantastische Fußballer sind, sie mir aber ein wenig zu ähnlich sind. Aber ich bin froh, dass diese Entscheidung Hansi fällen muss und nicht ich.

Sie haben eine deutsche Nationalmannschaft mit dem Co-Trainer Flick und ohne den Co-Trainer Flick kennengelernt. Was ist der Unterschied?

Hansi gibt einer Mannschaft eine ganz spezielle, eine sehr menschliche Note. Er spürt sehr viele Entwicklungen. Wenn wir irgendwo einen Kaffee trinken waren, wusste er, wo wir sind. Er wusste sehr genau, was die Spieler machen, was sie beschäftigt, was sie brauchen. Darauf hat er reagiert. Jogi Löw tickt da anders. Deshalb haben sie sich auch so gut ergänzt. Hansi war das Puzzleteil, das perfekt zu Jogi gepasst hat.

Aber jetzt ist er selbst der Chef.

Ich habe mich gefragt, ob er als Cheftrainer Bayern so in die Spur bekommt, wie er es am Ende geschafft hat. Bayern lag am Boden – und er hat dieselbe Mannschaft als Chef da wieder rausgebracht. Ich finde das toll und freue mich für ihn. Und auch bei der Nationalmannschaft hat er sich freigeschwommen und nimmt seine Co-Trainer extrem mit. Ich finde das sehr bemerkenswert.

Flick und Oliver Bierhoff kennen sich schon lange, haben eine Vertrauensverhältnis. Welche Rolle spielt der DFB-Manager bei solch einem Turnier?

Eine sehr wichtige Rolle. Er ist der Kopf des gesamten Teams, der Mann mit dem Adlerblick. Er muss schauen, hören, spüren: Was braucht eine Mannschaft? Was braucht der Trainer und das Team? Was brauchte der große Staff hintendran? Das hat er in

der Vergangenheit eigentlich immer ganz gut gemacht, deswegen ist er mit seiner Erfahrung ein ganz wichtiger Faktor.

Bierhoff ist auch derjenige, der das WM-Teamhotel aussucht. Das Campo Bahia 2014 galt später als Keimstätte des WM-Titels. Watutinki vor den Toren von Moskau 2018 soll nur eine bessere Jugendherberge gewesen sein. Ist das Quartier wirklich so wichtig, wie es öffentlich bewertet wird?

Schauen Sie: Wenn Sie als Reporter 20 Kilometer weg seid vom nächsten Café, die Gardinen sind dunkel, es muffelt ein bisschen nach altem Rauch. Haben Sie dann Bock zu schreiben?

Hmm. Schwierig.

Sehen Sie. Genauso ist es als Spieler. Du musst fürs Team eine Atmosphäre schaffen, in dem es sich wohlfühlt. Tischtennis, Billard, ein gemeinsamer Raum zum Schauen der anderen WM-Spiele. Das ist übrigens auf dem Klubgelände nicht anders. Ich erzähle Ihnen ein Beispiel: Bei Juventus Turin hatten wir ein relativ altes Gebäude mit einem nicht ganz so modernen Fitnessraum. Die Spieler sind gekommen, haben trainiert, sind gegangen. Wir haben dann ein neues Trainingszentrum bekommen mit einem richtig coolen und gemütlichen Aufenthaltsraum. Wir Spieler sind plötzlich länger geblieben, haben ein, zwei Espresso getrunken und uns viel mehr ausgetauscht. Auch über Taktik. Es geht nicht um verwöhnte Stars, sondern darum, die Mannschaft beisammen zu halten. Und ein guter Zusammenhalt ist für ein erfolgreiches Turnier sehr wichtig.

Welche Rolle spielen die Erwartungen an die Spieler, sich in Katar auch ständig politisch äußern zu sollen? Kann das zur Belastung werden?

Ich denke, dass die Jungs sehr gut vorbereitet worden sind. Es gibt sehr viele Meinungen und sehr viele Informationen zu dem Thema. Die Jungs wissen also schon, wo sie hingehen. Aber es ist für einen Spieler unheimlich schwer, sich zu etwas äußern zu sollen, das nicht zu seinem Fachgebiet gehört. Wenn Sie mir Fragen zu Mathematik stellen, muss ich passen. Ich bin kein Albert Einstein. Ich war ein Viererschüler in Mathe, mit viel Lernen habe ich eine drei geschafft. Genauso ist es auch mit der Politik. Die Spieler sind nicht diejenigen gewesen, die sich ausgesucht haben, eine WM in Katar zu spielen. Sie gehen auf Geschäftsreise nach Katar, und zwar auf die größte Geschäftsreise, die sich ein Fußballer vorstellen kann: eine Weltmeisterschaft.

Wann wäre diese Weltmeisterschaft aus deutscher Sicht ein Erfolg?

Das Halbfinale ist auf alle Fälle drin und mit dieser Mannschaft ein realistisches Ziel. Alles darüber hinaus wäre Bonus.

Die letzte Frage an den WM-Experten: Wer wird Weltmeister?

(überlegt lange): Das ist unheimlich schwer. Ich sage mal: Brasilien.

Interview: Jan Christian Müller

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