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Eine Klasse für sich, auf dem Feld und abseits des Platzes: Marcus Thuram.
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Eine Klasse für sich, auf dem Feld und abseits des Platzes: Marcus Thuram.

Gladbach-Star Marcus Thuram

Guter Fußballer, guter Mensch

  • Daniel Schmitt
    vonDaniel Schmitt
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Das Bild des knienden Gladbachers Marcus Thuram geht im Frühjahr um die Welt. Sein Vater Lilian, Weltmeister von einst, hat daran großen Anteil. Eine Familiengeschichte über Fußball, Rassismus und Solidarität.

Das erste gemeinsame Foto zeigt den süßen Sohnemann nur wenige Stunden nach seiner Geburt, weißer Strampler, die Augen schläfrig geschlossen, ruhend auf dem Arm seines Herrn Papa. Lilian, die Haare raspelkurz rasiert, blaues Polo-Hemd, randlose Brille, und ein Blick, der stolzer kaum sein könnte. Seht her, liebe Welt, das ist Marcus, mein kleiner Marcus.

Seit dieser ersten im August 1997 entstandenen Aufnahme kamen viele weitere Bilder der beiden hinzu. Marcus und Lilian zusammen am Küchentisch, Marcus und Lilian zusammen beim Basketball, Marcus und Lilian zusammen beim Kicken. Warum das von Bedeutung ist? Weil sich die Geschichte des kleinen Marcus nur dann richtig erzählen lässt, kennt man auch jene des großen Lilian.

Also von vorn: Lilian Thuram, geboren 1972 in Pointe-à-Pitre, der größten Stadt im französischen Übersee-Département Guadeloupe. Als Schwarzer früh mit rassistischen Anfeindungen konfrontiert, später dank seines sportlichen Erfolges aber in einer privilegierten Stellung durchs Leben gewandelt. Der heute 48-Jährige kickte für Parma, für Juventus Turin, für den FC Barcelona. Der einstige Verteidiger ist französischer Rekordnationalspieler (140 Einsätze), war Kapitän der Équipe Tricolore, vor allem wurde er 1998 im eigenen Land Weltmeister sowie zwei Jahre drauf noch Europameister. Einer der ganz großen Fußballer Frankreichs, heute setzt der kluge Kopf sich gegen Ungerechtigkeiten ein. Er ist Unicef-Botschafter, gründete 2008 eine eigene Stiftung im Kampf gegen Rassismus, ist ein lautstarker Gegner von Homophobie, und, und, und. Zudem ist er der Manager seines Sohnes, von Marcus Thuram, dem erfolgreichen Angreifer von Fußballbundesligist Borussia Mönchengladbach.

In Parma in der italienischen Region Emilia-Romagn geboren wuchs Marcus Thuram ebenso wie sein vier Jahre jüngerer Bruder Khéphren Thuram, mittlerweile ebenfalls Profifußballer bei OGC Nizza, wohlbehütet auf. Der Familie fehlte es an wenig, an Geld sowieso nicht.

Mutter Sandra kümmerte sich viel um ihre Söhne, doch auch die Bindung zu Vater Lilian war immer eine starke. Und sie prägte vor allem Marcus, der stets aufschaute zu ihm. Er wollte auch so sein, ein Fußballprofi, das sowieso, aber auch ein „guter Mensch“, wie er nun in einem Interview des „Kicker“ verriet: „Ich vertrete die Ansicht: Wird man ein besserer Mensch, wird man auch ein besserer Spieler. Das Leben ist wie ein Fußballspiel: Wenn man Gutes tut, bekommt man Gutes zurück.“

Marcus Thuram, 23, Spitzname Ticus (der kleine Marcus), reifte als Jugendlicher westlich von Paris in einer Fußballakademie als Sportler heran, ging später in Sochaux und Guingamp die ersten Schritte im Profigeschäft, ehe er sich vor mehr als eineinhalb Jahren für einen Wechsel nach Gladbach entschied. Damals hatten auch andere Klubs Interesse an einer Verpflichtung des jungen Angreifer, er hätte nach Marseille gehen können, auch Eintracht Frankfurt beschäftigte sich mit ihm. Ben Manga, Kaderplaner der Hessen, konnte jedoch nur den Frankfurter Sportvorstand Fredi Bobic überzeugen, nicht aber Trainer Adi Hütter. Marcus Thuram also ging nach Gladbach.

Der Schritt an den Niederrhein war für ihn ein idealer. Hier konnte er reifen, sein anfangs noch sehr zügelloses, unstrukturiertes Spiel in gewinnbringende Bahnen lenken. Thuram lernte schnell, er ist ja auch schnell, hat zudem einen wuchtigen Körper, der Attacken gegnerischer Verteidiger abzuwehren vermag. Und er weiß, wo das Tor steht. Wettbewerbsübergreifende 14 Tore gelangen ihm in seiner Premierensaison in Deutschland, vier sind es bisher in der aktuellen. Der Wechsel zur Borussia sei die beste Wahl seiner Karriere gewesen, sagt Thuram: „Ich bin in Gladbach nicht nur als Spieler, sondern auch als Mensch gewachsen.“

Am Dienstagabend (21 Uhr) trifft Thuram mit seiner Borussia in der Champions League auf Inter Mailand. Ein Sieg und die Fohlen stünden im Achtelfinale, was gewiss als Überraschung eingestuft werden müsste mit Blick auf die Topgegner aus Mailand, Donezk und von Real Madrid. Gegen die Spanier traf Thuram beim 2:2 im Hinspiel doppelt, in den restlichen drei Partien bereitete er jeweils ein Tor vor.

Der 23-Jährige ist eine wahre Erscheinung, wie auch sein Vater. Doch nicht nur auf dem Rasen, auch abseits davon. Als im Frühjahr in den USA der Schwarze George Floyd von einem Polizisten zu Tode gekniet wurde, solidarisierte sich Marcus Thuram als einer der ersten Fußballprofis in Deutschland auch öffentlich mit der „Black-Lives-Matter“-Bewegung. Ein eigenes Tor nutzte er zum stillen Protest, kniete nieder und reckte die Faust nach oben. Auch die FR nahm jenes Bild damals auf ihre Titelseite.

„Wir sind Fußballprofis, wir haben Einfluss und die Bühne, uns für Themen einzusetzen, an die wir glauben. So konnte ich diese Botschaft gegen Rassismus in die Welt aussenden“, sagte Thuram dem „Kicker“. Und weiter: „Als junge schwarze Spieler können wir es nicht stillschweigend hinnehmen, was George Floyd passiert ist - und auch anderen passiert.“ Abgesprochen hatte Marcus Thuram den Protest im Vorfeld mit seinem Vater, dessen Meinung ihm stets wichtig ist. Sie hatten dann lange geredet über George Floyd im Speziellen und die Situation von Schwarzen im Allgemeinen.

Marcus Thuram mag auf Außenstehende oft laut, extrovertiert, für manch einen gar prollig wirken. Er trägt gerne auffällige Kleidung, fährt teure Luxusschlitten, jubelt exaltiert, tanzend mit der Eckfahne in den Händen. Bei näherer Betrachtung stürzt diese Fassade rasch ein. Der 23-Jährige ist ein kluger, junger Mann, der französisch, italienisch, spanisch, ein wenig englisch und deutsch spricht, und dessen Eltern ihm die wichtigen Werte des Lebens stets mitzugeben versucht haben. Interviewanfragen nach dem Kniefall-Protest, sogar von fußballfernen Zeitungen wie der „New York Times“, wurden vom Familienrat abgelehnt. Die Geste stehe für sich, hieß es.

Vor rund zwei Wochen waren Lilian und Marcus Thuram auch in ihrer französischen Heimat das Sportthema Nummer eins. Das Debüt des gar nicht mehr so kleinen Marcus in der Nationalelf stand an. Dreimal durfte er für die Franzosen ran, dreimal spielte er gut, bereitete zwei Tore vor. Wahrscheinlich ist, dass der bis 2023 vertraglich an Gladbach gebundene Profi im kommenden Jahr zur EM reist – trotz namhafter Stürmerkonkurrenten wie Antoine Griezmann (FC Barcelona), Kylian Mbappé (Paris Saint-Germain), Oliver Giroud (FC Chelsea) oder Kingsley Coman (FC Bayern). Einen seiner größten Fürsprecher weiß Marcus Thuram im Nationaltrainer: Didier Deschamps, dem einstigen Mitspieler von Lilien Thuram bei den WM- und EM-Triumphen 1998 und 2000.

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