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2:1-Sieg gegen die USA, Halbfinale bei der WM 2002 perfekt: Teamchef Rudi Völler freut das.

Rudi Völler

Gute Laune und ein Ausraster

Zunächst war für Teamchef Rudi Völler nur eine Übergangszeit vorgesehen, doch daraus wurden vier Jahre. Höhepunkt war das WM-Finale 2002 in Südkorea.

Den 7. Juli 2000 wird Rudi Völler sein Leben lang nicht vergessen. Er betrat das Privathaus eines Versicherungsagenten vor den Toren Kölns als Angestellter von Bayer 04 Leverkusen – und verließ es als Teamchef der deutschen Nationalmannschaft. Man hielt das für eine gute Idee, aber für keine sehr bedeutende Personalentscheidung. Elf Monate später, so war es ausgemacht, sollte Christoph Daum das Amt übernehmen.

Die Zusammenkunft aller in der Sache wichtigen Parteien – Deutscher Fußball-Bund, Bayer 04 Leverkusen, Bayern München – hatte im Ringen um einen neuen Bundestrainer diesen Kompromiss hervorgebracht, denn der Werksklub sträubte sich vehement dagegen, seinen erfolgreichen Trainer vorher freizugeben. Nach Stunden ohne Lösung hatte der damalige DFB-Präsident Gerhard Mayer-Vorfelder dem damaligen Bayer-04-Sportchef Rudi Völler ins Gesicht geschaut und gesagt: „Mach du es doch!“

Die anderen, inklusive Daum-Kritiker Uli Hoeneß, taten ihre Zustimmung kund. So begann eine der überraschendsten Episoden in der eher für Ruhe und Regelmäßigkeit bekannten Geschichte der deutschen Fußball-Nationalmannschaft, denn der designierte Bundestrainer Christoph Daum sollte wegen seiner Kokain-Affäre in Leverkusen den Teamchef Rudi Völler niemals ablösen.

In den vielen Jahren der stetigen Erfolgsarbeit unter Joachim Löw hat man vergessen – oder je nach Geburtsjahr nie erlebt – in welchem Zustand sich die Nationalelf damals befand. Sie hatte nicht nur eine furchtbare EM und das Ende der zweijährigen Leidenszeit unter Erich Ribbeck hinter sich. Der deutsche Fußball litt unter einer Talentarmut wie nie in seiner ereignisreichen Geschichte seit dem Zweiten Weltkrieg, außerdem war er strategisch und taktisch weit hinter den Standard der großen Länder zurückgefallen.

Mitten in dieser Krise erschien der Rudi Völler, der nach glanzvollen Jahren in Bremen, Rom und Marseille die eigene Spielerkarriere 1996 in Leverkusen mit einem Popularitätsstatus beendet hatte, den vor ihm allein Uwe Seeler besaß. So trat der Ex-Profi mit seinem Assistenten Michael Skibbe zum ersten Spiel seiner Amtszeit im August 2000 in Hannover gegen Spanien an. Die Erwartungen waren gering. Deutschland besiegte eine aus dem Urlaub angereiste, mit Stars gespickte spanische Mannschaft, in der Pep Guardiola und Raul standen, durch Tore von Mehmet Scholl (2) und Alexander Zickler (2) 4:1.

Die nächsten beiden Jahre waren geprägt von der Rückkehr des deutschen Stolzes, mit der das Fußballerische nicht ganz mithalten konnte. Dieser Widerspruch kulminierte im November 2001 in den WM-Qualifikationsspielen gegen die Ukraine. „Ich habe einige Stressmomente gehabt in meiner Zeit als Spieler und Teamchef“, erinnert sich Völler, „aber mehr Stress als vor diesen Spielen werde ich nie mehr haben.“ Der Grund dafür ist simpel. „Ich wäre der erste gewesen in der Geschichte, der sich mit der deutschen Nationalmannschaft nicht für eine Fußball-WM qualifiziert hätte.“ Im Hinspiel war die Ukraine schnell 1:0 in Führung gegangen. 85 000 Zuschauer im Olympiastadion in Kiew jubelten. „Doch dann hat der Michael Ballack das 1:1 gemacht, und danach war Ruhe“, erinnert sich Völler. Das Rückspiel vier Tage später gewann Deutschland in Dortmund 4:1. Michael Ballack war mit zwei Toren wieder der entscheidende Mann. Und das Duo aus Leverkusen funktionierte bis zum WM-Finale am 30. Juni 2002 gegen Brasilien.

Unter dem Radar bis ins Finale

Die Reise dahin war beispielhaft für die Nationalmannschaft unter Rudi Völler. Die Dinge gelangen durch eine Melange aus guter Laune, klarer Hierarchie und günstiger Fügung. Mit dem Fußball als solchem war man geduldig. Die Mannschaft bestand bei der WM 2002 in Japan und Südkorea vor allem aus Oliver Kahn, Michael Ballack, Bernd Schneider und einem jungen Mann namens Miroslav Klose. Unter dem Radar schlich das DFB-Team nach einer mit Mühen gewonnenen Vorrunde mit drei 1:0-Siegen über Paraguay, USA und Südkorea ins WM-Finale und lieferte dort ihr bestes Spiel ab. Und das, obwohl der Anführer Ballack fehlte, weil er sich im Halbfinale gegen den Co-Gastgeber eine Gelbe Karte abgeholt hatte, um ein Gegentor zu verhindern.

Dann passierte dem bis dahin übermenschlich Bälle haltenden Torhüter Oliver Kahn der zur Legende gewordene Fehler bei einem Schuss von Rivaldo. Er ließ ihn nach 67 Minuten eines von Deutschland überlegen geführten Spieles abprallen, Ronaldo schob ein. Das Spiel endete nach einem weiteren Ronaldo-Tor 0:2.

Rudi Völler wäre zwölf Jahre nach dem WM-Triumph als Spieler fast ein zweites Mal Weltmeister geworden. Zuhause wurden er und seine Mannschaft empfangen, als hätte es das „fast“ nicht gegeben. Zum ersten Mal seit 1990 hatte dieses Land, dem Fußball so wichtig ist, seine Nationalmannschaft wieder lieb. Dies bleibt das wahre Vermächtnis des Teamchefs Völler.

Im öffentlichen Gedächtnis wird diese Leistung aber überlagert von seiner Rede nach einem 0:0 gegen Island. Der impulsive Hesse hatte am 6. September 2003 direkt nach dem Spiel die Nörgeleien des ARD-Duos Netzer/Delling mitbekommen und im Interview mit Waldemar Hartmann seiner Wut mit Sätzen wie „So einen Scheiß lasse ich mir nicht länger gefallen“ freien Lauf gelassen. Seiner Popularität hat das nicht geschadet. Der Vorgang gehört inzwischen längst zum Inventar der deutschen Fußball-Geschichte.

Völler hatte gemeinsam mit Skibbe schon bei seinem Amtsantritt erkannt, dass sich die Ausbildung junger Spieler und die Sichtweise auf die Lehre des Fußballs erneuert werden muss, damit Deutschland mal wieder Weltmeister werden kann. Vier Jahre später, bei der EM 2004, standen bereits drei Spieler aus der Zukunft im Kader: Philipp Lahm, Bastian Schweinsteiger und Lukas Podolski. Zehn weitere Jahre später sollten sie alle gemeinsam den WM-Titel in Brasilien gewinnen. Aber bei der EM in Portugal war ihre Zeit noch nicht angebrochen. Deutschland schied ohne Sieg nach der Vorrunde aus. Die Zeit für etwas Neues war gekommen. Rudi Völler, der eigentlich nicht mal ein Jahr als Teamchef der Nationalmannschaft hätte bleiben sollen, hatte das erkannt und den Weg frei gemacht, obwohl die WM im eigenen Land nur noch zwei Jahre entfernt war.

Der DFB versank in den Wochen danach dennoch in Panik. Aber nur so war es ihm möglich, den als Bundestrainer mit vielen Traditionen brechenden Jürgen Klinsmann zu dessen Bedingungen zu installieren und die Moderne zu betreten.

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