Gruppen-Coming-out im Fußball: Er machte den Anfang und erntet Respekt
Viele blicken auf diesen 17. Mai 2024, für den ein Gruppen-Coming-out im Fußball angekündigt war. Einer machte vorab den Anfang.
Berlin - Immer noch gilt es als das große Tabuthema im Profifußball der Männer, die Aufregung vor wenigen Monaten war deshalb umso größer - nun ist der Tag des angekündigten Gruppen-Coming-outs gekommen. Doch kurz zuvor hat Initiator Marcus Urban die Erwartungen gedämpft.
„Aktive Profifußballer halten sich noch zurück“, gab Urban in einem Interview mit dem Stern zu und räumte auf Nachfrage ein, selbst keinen direkten Kontakt zu schwulen Profis zu haben: „Die Kommunikation läuft über Kontaktleute. Die Spieler sind extrem vorsichtig. Keiner traut sich aus der Deckung.“ Es herrsche „höchste Vorsicht“.
„Sports Free“: Gruppen-Coming-out im Fußball schon im November angekündigt
Also doch kein Gruppen-Coming-out? Im vergangenen November hatte Urbans Ankündigung noch für große Schlagzeilen gesorgt. „Wir sind viele“, hatte er der Bild-Zeitung damals gesagt und für die Aktion den 17. Mai, den internationalen Tag gegen Homophobie, ins Auge gefasst. Die Erwartung damals: Mehrere Profis könnten sich im Rahmen der „Sports Free“-Kampagne outen.

Doch dann ruderte der 53-Jährige zurück. Was am 17. Mai vorbereitet werde, wisse man „nicht ganz genau“, sagte er. Natürlich bestehe Kontakt zu Menschen aus dem Sport europaweit, „viele organisieren es aber persönlich für sich. Wir werden uns selbst überraschen lassen müssen“, sagte Urban.
„Sports Free“: Kommen große Namen? 17. Mai soll nur ein Anfang sein
Der 17. Mai solle „ein Anfang sein, ein erstes Angebot an Spieler und Funktionäre, sich zu outen, oder besser: sich zu positionieren“, erklärte Urban im Stern. Er sei nicht auf diesen einen Tag fixiert, vielmehr wolle er mit der Kampagne „einen Rahmen schaffen, der es den Profis leichter macht“.
Darauf hofft auch die Fan-Organisation „Unsere Kurve“, in deren Augen das Vorhaben „begrüßenswert“ ist. Doch es gibt auch Kritik. „Leider wurde kein größeres Bündnis geschaffen. Ich hätte mir gewünscht, dass Initiativen, die bereits vorangegangen sind, miteingebunden werden“, sagte Christian Rudolph, Leiter der Anlaufstelle für geschlechtliche und sexuelle Vielfalt beim Deutschen Fußball-Bund, dem SID. Dennoch trage auch die mediale Aufmerksamkeit dazu bei, „dass die Situation verstanden“ werde.
Auch Thomas Hitzlsperger erklärte im Tagesspiegel: „Egal, welche Dimension das hat: Es wird neue Geschichten geben von Akteuren aus dem Profifußball, welche die Debatte voranbringen können.“ Seine eigene Geschichte hatte der Ex-Nationalspieler 2014 öffentlich gemacht und sich nach seiner Profikarriere geoutet.
Auf der Kampagnen-Homepage wird auch sein Lebensweg beschrieben, ebenso wie der von anderen bereits offen homosexuellen Personen aus dem Profisport. Doch noch immer hat sich kein aktiver Profi in Deutschland geoutet, auch international gibt es wenige Beispiele. Eines ist der tschechische Nationalspieler Jakub Jankto, der im vergangenen Jahr über seine Homosexualität gesprochen hatte.
„Sports Free“: Ex-Sky-Fieldreporter und jetziger Hoffenheim-Mitarbeiter Dirk Elbrächter macht den Anfang
Den Anfang bei der „Sports Free“-Aktion gemacht hat Dirk Elbrächter (51). Auch er ist kein aktiver Fußballer, aber ein Gesicht, das vielen Bundesliga-Fans ein Begriff sein dürfte: Elbrächter arbeitete einst als Fieldreporter bei Premiere und Sky. Inzwischen ist er auf der Klub-Seite aktiv, ist für die TSG Hoffenheim als Leiter Contentmanagement tätig. Er zählt zu den Personen, die jetzt offen sprechen, auch auf der Seite diversero.org.
„Ich habe zunächst niemandem erzählt, dass ich seit 15 Jahren schon glücklich mit meinem Partner zusammen bin. Ich hatte aber zunehmend das Gefühl, dass ich etwas verstecke und einen Teil von mir verheimliche. Ich habe mich dann Anfang des Jahres intensiv mit ‚Sports Free‘ auseinandergesetzt und das Ganze hat den Anstoß dafür geliefert, dass ich eines Tages gesagt habe, ich möchte das jetzt so nicht mehr.“
Dirk Elbrächter: „Mein Gott, warum hast du so lange darauf gewartet?“
Seine Entscheidung des Coming-outs bereut er nicht. „Ich habe mich mit meinen Kollegen unterhalten, mich dann auch mit der Geschäftsführung der TSG unterhalten und wirklich ganz fantastische Reaktionen bekommen, was mich sehr gefreut hat und mich sehr ermutigt hat und ich dann auch dachte so: Mein Gott, warum hast du so lange darauf gewartet? Das hättest du doch alles schon viel, viel eher haben können.“

Was hielt ihn so lange zurück? „Ich hatte in diesem beruflichen Kontext“, zitiert ihn tagesschau.de, „gerade was den Fußball angeht, immer das starke Gefühl, dass Homosexualität nicht angesagt ist, nicht männlich ist, da nicht hingehört. Und deswegen dachte ich: Ich sage halt einfach nichts.“
Elbrächter bekommt für seinen Schritt eine Menge Anerkennung. „Respekt“, schreibt etwa ein Twitter-Nutzer. Und er selbst sagte laut SWR: „Ich habe auch ein Video aufgenommen fürs Intranet und habe tolle Reaktionen bekommen. Und ich dachte am Ende: Warum hast du eigentlich so lange gewartet?“
„Sports Free“: Marcus Urban sieht „riesiges Versteckspiel“
Ob nun aktive Fußballer seinem Beispiel folgen? Laut Marcus Urban sei es „ein riesiges Versteckspiel. Die schwulen Profis führen Doppelleben, manche haben Scheinfreundinnen und treffen sich nur im Geheimen mit anderen Männern“, so der Organisator der Aktion im Stern-Interview. Die Sorgen vor den Folgen sind offenbar noch immer groß. „Viele Spieler haben den Glaubenssatz verinnerlicht, dass sie nach einem Coming-out in Ungnade fallen würden in der Branche“, sagte Urban, der als ehemaliger Fußballer selbst unter dem Druck litt.
Seine Kampagne, in der es „nicht allein um die Profis“ gehe, sieht Urban bereits jetzt als Erfolg. Neben der medialen Aufmerksamkeit stünden auch viele Profiklubs wie Borussia Dortmund oder der FC St. Pauli hinter der Kampagne: „Da entsteht gerade etwas Großes.“ Und auch die Profis wüssten vom 17. Mai, versichert Urban: „Sie verfolgen die Entwicklungen aufmerksam, höre ich.“ Was könnte ein Gruppen-Coming-out für den Fußball bewirken? (sid/lin)