Richard David Precht.
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Richard David Precht.

Philosoph Richard David Precht

„Im Grunde ist der Fußball kaputt“

  • Günter Klein
    vonGünter Klein
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Philosoph Richard David Precht äußert bei Markus Lanz: In der Bundesliga sei zuletzt „alles schiefgelaufen, was schieflaufen kann“.

Dienstagabend bei Markus Lanz, die inzwischen übliche Corona-Diskussion – und zu ihr gehört auch der gedankliche Ausflug in den Fußball. Wie geht es in der Bundesliga weiter? Wann werden wir wieder Normalität erleben? Die Frage stellte diesmal aber nicht der Virologe, sondern der Philosoph. Und er gab auch gleich die Antwort: „Ich möchte nicht in die Normalität vor der Krise zurück.“

Der Philosoph ist Richard David Precht. Markante Erscheinung, eloquent, jedes Buch ein Bestseller. Der berühmteste: „Wer bin ich – und wenn ja, wie viele?“ Precht interessiert sich für Fußball. Aufgewachsen in Lüdenscheid, entwickelte er ein Faible für den sowjetischen Stürmerstar der 70er-Jahre, den pfeilschnellen Oleg Blochin, der damals die Bayern in den Spielen um den europäischen Supercup auseinandernahm. Und er verfolgte aus der Ferne den DDR-Klub Lokomotive Leipzig – wegen des Namens, der ihm lustig erschien.

„Über den Fußball wird normal nicht viel diskutiert“, sagte Precht in der Lanz-Talkrunde, „ich freue mich aber, dass das Fenster nun offen ist.“ Seine Bestandsaufnahme: „Beim Fußball ist in den letzten Jahren alles schiefgelaufen, was schieflaufen kann. Der FC Bayern wurde sieben Mal in Folge Deutscher Meister und wäre es jetzt ein achtes Mal geworden.“ Precht spricht von „weißrussischen Verhältnissen: In der ersten Hälfte sieht es so aus, als könnte es jeder werden, in der zweiten setzt sich dann doch das Geld durch.“ In Weißrussland wurde in den vergangenen 14 Jahren 13 Mal Bate Borissow Meister.

Closed Shop und Drafts

„Im Grunde ist der Fußball kaputt“, findet Precht und fordert: „Lasst uns darüber nachdenken, wie wir wieder zu mehr Chancengerechtigkeit im Fußball kommen?“ Vorbild: Die US-Profiligen im Basketball, American Football. Baseball. Eishockey. Was machen sie anders – und was könnte man übernehmen?

Wesentliche Säulen des amerikanischen Sports sind: Das Closed-Shop-System, der Draft, der Salary Cap – und sie sind in Europa praktisch nicht umsetzbar.

Closed Shop heißt: Die Ligen werden zu geschlossenen Gesellschaften, es kann keiner mehr sportlich absteigen, hinein kommt man nur durch Übernahme einer Lizenz oder durch Expansion. So ist etwa die Deutsche Eishockey-Liga (DEL) seit ihrer Gründung 1994 überwiegend verfahren – und wegen der Kritik an diesem System davon abgekommen. Ab nächster Saison soll es eine Verzahnung mit der DEL2 geben. Auf- und Abstieg gelten als elementarer Bestandteil europäischer Sportkultur.

Beim Draft sichern sich die amerikanischen Topligen die Rechte an den Talenten weltweit – für den Fall, dass diese in Kanada und den USA Karriere machen wollen. Die schwächsten Teams haben früher Zugriff, können sich so perspektivisch stärken, die stärkeren werden absehbar nachlassen. Das System ist in Übersee rechtlich möglich, vor 30 Jahren wollte das Eishockey-Supertalent Eric Lindros dagegen klagen, weil ihn ein unattraktiver Klub gedraftet hatte – man regelte es mit einem Spielertausch. Auch das ist in Nordamerika anders: Ablösesummen werden nicht gezahlt.

NHL, MLB, NBA und NFL haben allerdings eine andere Position als eine europäische Fußball-Liga. Die amerikanischen Ligen stehen jeweils klar an der Spitze ihrer Sportarten – wohingegen es in Europa rivalisierende Ligen gibt (Premier League, Bundesliga, La Liga, Ligue1, Serie A). Und: Dürfte ein Spieler nur bei einem bestimmten Verein spielen, wäre seine freie Wahl des Arbeitsplatzes eingeschränkt. Die EU-Gerichtsbarkeit würde einen Draft nicht zulassen.

Der Salary Cap: Ein Begriff, den RB Leipzig fälschlich verwendet und mit „Gehaltsobergrenze“ übersetzt. Beim Salary Cap legt die Liga fest, was ein Team für Spielergehälter mindestens ausgeben muss und maximal aufwenden darf. In der NHL sind es zwischen 60,2 und 81,5 Millionen Dollar. In der Fußball-Bundesliga beträgt die Spanne 30 bis 300 Millionen Euro.

Im amerikanischen Sportkapitalismus steckt viel Sozalismus. In einem US-System würde der FC Bayern seltener Meister. Dafür müsste seine bestehende Mannschaft aber erst einmal zerschlagen werden. Und das würde wohl nicht mal denen gefallen, die ihn ablehnen.

Recht hat Richard David Precht in einem Punkt: „Fußball ist eigentlich unwichtig, aber psychologisch unheimlich wichtig.“

Von Günter Klein

Da nun auch Markus Lanz in die Phase Zwei der Corona-Krise eintritt, versucht er eine Rückkehr zur Normalität – manche seiner Gäste sind da anderer Meinung. Die Kritik.

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