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Der Oldie gibt Anweisungen: Claudio Pizarro.

Werder Bremen

Grün-weiße Erfahrungsprozesse

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Werder Bremen bemerkt, dass eine Weiterentwicklung nicht auf Knopfdruck oder Zureden zu realisieren ist.

Florian Kohfeldt nach einem Bundesligaspiel zuzuhören, ist zumeist aufschlussreich. Der Trainer des SV Werder weiß die verbreitete Schwarz-Weiß-Malerei in diesem Metier so zu filtern, dass auch Grautöne erhellend erscheinen. Insofern war das 1:1 gegen Hannover 96 kein Meisterwerk im eigentliche Sinne – sondern eher die typische Durchschnittsware am Eröffnungsspieltag – aber ein Musterbeispiel dafür, wie klar der 35-Jährige im Kopf ist. Und das nach nicht einmal einem Jahr Bundesliga. 

„Kein Rückschlag im eigentliche Sinne“ sei dieses Remis gewesen, erläuterte Kohfeldt also, „wir wollten ein Ergebnis, jetzt haben wir ein Teilergebnis.“ Den Rückstand durch den 96-Debütanten Hendrik Weydandt (76.) glich Werder-Dauerbrenner Theodor Gebre Selassie noch aus (85.).

Seiner Mannschaft schrieb der Fußballlehrer ins Stammbuch, dass sie den Lehrplan für den ersten Spieltag nicht vollumfänglich abgearbeitet hätte: „Die mentale Aufgabe war, dass wir einen guten Mix aus Kontrolle, Geduld und Tempo finden. Kontrolle und Geduld haben gut geklappt, die Tempoaktionen nicht so.“ Nun gebe es halt eine neue mentale Aufgabe in Frankfurt. Dann soll dort eben der Fortschritt zur Aufführung kommen.

Claudio Pizarro sorgt noch für die meiste Gefahr

Das Auswärtsspiel im Stadtwald ist insofern bedeutsam, weil hier Kohfeldts Feuertaufe in der Bundesliga über die Bühne ging. Freitagabend, der 3. November 2017: Werder hatte sich gerade vom ebenso überforderten wie überschätzten Alexander Nouri getrennt, als der dritte Übungsleiter der eigenen U23 übernahm. Zunächst vorläufig. Trotz guter Ansätze verloren die Bremer damals 1:2 und rasch war allen klar: Nur wenn der Novize im Heimspiel gegen Hannover 96 den Bock umstoßen würde, könnte er Trainer bleiben. Tatsächlich haben die Grün-Weißen danach die Roten mit 4:0 überrollt. Seitdem hat sich Kohfeldt zu einer Figur entwickelt, auf die zuletzt eher zu viele als zu wenige Elogen erschienen sind.

Insofern ist das Startprogramm im Sommer 2018 für ihn auch eine Begegnung mit der eigenen Vergangenheit – und Gradmesser für die von Vereinsseite gewünschte Weiterentwicklung. Niemals haben Vorstandschef Klaus Filbry und Aufsichtsratschef Marco Bode in jüngerer Vergangenheit derart offensive Saisonziele formuliert: Werder will wieder in den Europapokal. Doch den mutigen Worten sind eher vorsichtige Taten gefolgt: Kohfeldt selbst vermisste im Nordduell die Momente, in denen das Publikum das Gefühl haben könnte, „jetzt passiert es gleich“.

Am emotionalsten wurde es im Wohnzimmer am Osterdeich, als Heimkehrer Claudio Pizarro eingewechselt wurde (67.). Drei brandgefährliche Aktionen gingen vom fast 40-Jährigen aus, mit vier Torschüssen stellte er all seine Mitspieler in den Schatten. Und als die lebende Legende mit einer Grätsche den Ball eroberte, kumulierte der Beifall zum Orkan. „Claudio ist ein besonderer Spieler, dann passiert auch beim Gegner etwas“, sagte Kohfeldt, der den Altstar wohl doch nicht nur als Stimmungsaufheller in der Kabine braucht. Erst mit Pizarro kam Werder wirklich in Schwung. 

Kapitän Max Kruse war da bereits nach einem Schlag auf den Oberschenkel (Kohfeldt: „Nix Dramatisches, ich bin guter Hoffnung, dass er Mittwoch oder Donnerstag ins Training einsteigen kann“) ausgewechselt worden und hatte sich genau wie Rekordeinkauf Davy Klaassen gegen den taktisch exzellent eingestellten Gegner kaum durchsetzen können. Der Niederländer negierte übrigens ausdrücklich, dass das verbale Liebäugeln mit den Europapokalplätzen zu einer möglichen Blockade geführt habe: „Wir laufen jetzt nicht dauerhaft mit hängenden Köpfen herum.“ 

Geschäftsführer Frank Baumann fand es richtig, dass alle Protagonisten „die sehr ambitionierten Ziele nach außen kommuniziert haben – oft passiert das nur nach innen“. Zuvorderst gilt sein Trainer als zu ehrgeizig, um Mittelmaß als öffentliche Maßgabe zuzulassen. Fazit: Mit Kohfeldt ist das grün-weiße Schiff auf dem richtigen Kurs, doch sind erste Indizien aufgetaucht, dass die Hanseaten in dieser Saison vielleicht noch nicht an den Europapokalplätzen vor Anker gehen.

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