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Großer Bahnhof im Herzen von Europa

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Von: Jan Christian Müller

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Pompös aufgemacht: die Frankfurter Bühne bereitet den Weg zur EM 2024.
Pompös aufgemacht: die Frankfurter Bühne bereitet den Weg zur EM 2024. © dpa

Die Uefa lost in der Frankfurter Festhalle die Quali-Gruppen für die EM 2024 aus - und Russland wird mit keinem Wort erwähnt.

So eine Gruppenauslosung für die Qualifikation zur Europameisterschaft 2024 ist im Grunde eine dröge Sache. Aber es kann dann doch irgendwie ganz spannend werden. Hundertschaften Funktionäre und auch ein paar Frauen als Farbtupfer sitzen am Sonntagmittag pünktlich um zwölf Uhr mittags als schwarzer Block vor einer riesigen Bühne in der Frankfurter Festhalle. Dann rückt Moderatorin Laura Wontorra an und sagt in tip-top Englisch „Guten Abend“. Es ist so duster in der Halle, dass ihr der kleine Versprecher natürlich verziehen ist. Bald kommt Popstar Lena und singt „Looking for love“. Gar nicht mal so schlecht,

Schließlich erscheinen die Mittelstürmer-Ikonen Jürgen Klinsmann und Kalle Riedle und losen nacheinander die Niederlande und Frankreich sowie Italien und England in eine Gruppe. Da hört man ein kollektives Raunen aus der Tiefe der Festhalle bis hoch auf den Medienbalkon. Später wird der Präsident des Deutschen Fußball-Bundes, Bernd Neuendorf, sagen: „Wenn ich mir die beiden Gruppen anschaue, bin ich froh, dass wir schon qualifiziert sind.“ Der Mann traut dem DFB-Team wohl noch nicht recht über den Weg. Kann man verstehen.

Zwei Tage lang ist Frankfurt der Nabel der europäischen Fußballwelt gewesen. Neuendorf hatte am Abend zuvor 500 Gäste im neuen DFB-Campus begrüßt, es gab ein fliegendes Büfett, „alle haben sich bei uns wohlgefühlt“, berichtete der Verbandschef - und räumte ein: Ich habe jetzt erst richtig gespürt, dass uns etwas ganz Großes hier in Deutschland bevorsteht. Das war noch etwas unterbelichtet bei mir.“

Der Auflauf war in der Tat bedeutend. Es hatten sich Delegationen mit allen ihren berühmten Nationaltrainern von Roberto Mancini (Italien) bis Gareth Southgate (England) aus fast allen 55 Mitgliedsverbänden der Uefa nach Frankfurt aufgemacht. Alle außer Russland, das auf der Auslosungs-Zeremonie mit keinem Wort erwähnt wurde. Auch nicht kritisch. „Wir alle kennen die Gründe, warum Russland nicht dabei ist. Das bedarf keiner weiteren Erklärung“, so Neuendorf.

Deutschland war prominent vertreten. Innenministerin Nancy Faeser auffällig in rosa und schnell wieder weg, Manager Oliver Bierhoff, Klinsmann (mit Uefa-Rucksack) eigens aus den USA, Bundestrainer Hansi Flick, und tja, auch Frankfurts unvermeidlicher Oberbürgermeister Peter Feldmann, der es tatsächlich schaffte, sich auf dem Roten Teppich vor den Fotografen gemeinsam mit Flick zu positionieren. Viel bescheidener dagegen Ligachefin Donata Hopfen, die erst schnellen Schrittes erschien, als die Fotografen schon gegangen waren. Eintracht-Präsident Peter Fischer war da gerade schon durch mit Alex Meier, dem neuen offiziellen Frankfurter EM-Botschafter, Gute Wahl, trotz der Frisur.

Auch Turnierdirektor Philipp Lahm durfte natürlich nicht fehlen und sagte, was er von der Euro 2024 erwartet: „Wir können zeigen, für welche Werte wir stehen. Wir wollen uns als offenes und vielfältiges Land präsentieren. Das sei gerade in diesen Zeiten wichtig, „jetzt, da Europa angegriffen wird“. Gute Worte.

Der ukrainische Trainer Oleksandro Petrakov zeigte sich unverzagt angesichts der schwierigen Auslosung mit Italien und England: „Wir geben uns nie auf, nicht an der Front und nicht beim Fußball.“

Ceferin vor Wiederwahl

Nicht nur gegessen, getrunken und gelost wurde an diesem Wochenende im Herzen von Europa, sondern auch ein bisschen gearbeitet. Beim Meeting der Verbände wurde entschieden, dass sie allesamt Uefa-Präsident Aleksander Ceferin im kommenden April wiederwählen wollen. Das war auch genauso erwartet worden. Der Slowene hat den Laden gut im Griff.

Alles im Griff hat weitgehend auch Hansi Flick, wenngleich die letzten Ergebnisse eine gewisse Ernüchterung brachten. Der Bundestrainer, am Abend zuvor noch in Dortmund Beobachter des Spitzenspiels gegen die Bayern, hatte es rechtzeitig nach Frankfurt geschafft. Und er ging nicht auf leisen Sohlen, sondern begab sich freundlicherweise noch in die trubelige Mixed Zone, dorthin also, wo Trainer und Medien in vorher sehr klar von der gestrengen und bestens organisierten Uefa zusammenkommen.

Flick hatte Neuigkeiten zu Niclas Füllkrug zu verkünden. Den Bremer Mittelstürmer hatte der Bundes-Hansi am Freitag beim Werder-Sieg in Hoffenheim beobachtet. Und war beeindruckt: „Er gibt uns etwas, das wir in dieser Form nicht haben. Er verkörpert viel von dem, was einen Zentrumsstürmer ausmacht.“ Bis in zehn Tagen muss Flick bei der Fifa einen vorläufigen 55er-Kader einreichen. Er will vorher alles Spieler persönlich in Kenntnis setzen. Füllkrug wird dazugehören. „Wir hätten ihn schon 2016 gern mit zu Olympia genommen. Ich war ja damals DFB-Sportdirektor.“ Aber seinerzeit wechselte Füllkrug zu Hannover 96. Der DFB wollte den Angreifer nicht bei der Eingewöhnung im neuen Klub stören. Kann jetzt alles nachgeholt werden.

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