+
Die Besten im Jahr 2019: Spieler von RB Leipzig feiern im Hamburger Volksparkstadion den Finaleinzug.

RB Leipzig

Große Sause zum Zehnjährigen

  • schließen

RB Leipzig steuert mit dem Pokalfinale auf seine vorläufige Krönung zu – nächste Saison soll alles noch besser werden.

Ulrich Wolter ist einer jener emsigen Angestellten bei RB Leipzig, die sich noch gut an weniger schillernde Zeiten erinnern können. Etwa an ein Aufstiegsspiel inmitten von Maisfeldern am Autobahnkreuz Lotte, wo im Sommer 2013 die Weggabelung für das in den deutschen Profifußball drängende Red-Bull-Konstrukt stand. Der 45-jährige Wolter, der für den Deutschen Fußball-Bund (DFB) einst die Gesamtkoordination der Frauen-WM 2011 verantwortete, ehe er beim sächsischen Emporkömmling die Bereiche Spielbetrieb und Organisation übernahm, hat das Drama bei den Sportfreunden noch in all seine Facetten vor Augen. Umso mehr kann sich der gebürtige Bremer, der die Heldenstadt Leipzig bereits während seiner Studentenzeit lieben lernte, wertschätzen, was es bedeutet, sechs Jahre später beim Pokalfinale in Berlin mitwirken dürfen.

Der Zeitpunkt könnte aus Sicht eines Marketingstrategen passender kaum sein: Am 19. Mai feiert das vom Red-Bull-Konzern ersonnene Konstrukt RasenBallsport Leipzig e.V. sein zehnjähriges Bestehen, aber die große Sause steigt jetzt sechs Tage später, zum Endspiel im Olympiastadion. Niemand muss fürchten, dass dort zu wenige Sachsen Unterstützung leisten. Im Volksparkstadion zelebrierten 4300 Anhänger nach dem 3:1-Halbfinalerfolg beim HSV ein ordentliches Spektakel. Den identitätsstiftenden Prestigeerfolg nach Treffern von Yussuf Poulsen (12.), Vasilije Janjicic (53./Eigentor) und Emil Forsberg (72.) hatte sich die aktuell formstärkste Profimannschaft des Kalenderjahres 2019 verdient. „Wir spielen den erfolgreichsten und attraktivsten Fußball seit der Vereinsgründung“, stellte Vorstandschef Oliver Mintzlaff fest, um eine Eloge auf den großen Baumeister anzubringen. „Ralf Rangnick und diese Mannschaft sind wunderbar zusammengewachsen.“

Allerdings erst, nachdem Leipzig mit einem kargen 1:1 gegen Rosenborg Trondheim unrühmlich von der internationalen Bühne schied. Seitdem treten die Roten Bullen in den nationalen Wettbewerben das Gaspedal bis zum Anschlag durch. Cheftrainer Rangnick bekräftigte, dass die energetischen Auftritte in der Rückrunde nicht möglich wären, „wenn wir donnerstags um 21 Uhr in der Europa League in Kasachstan spielen und dann immer sonntags der Musik in der Bundesliga hinterherhecheln müssten – das merkt auch Eintracht Frankfurt.“

Nun ist es eine müßige Diskussion, ob dafür der Europapokal so geringschätzt werden darf, aber aus Leipziger Sicht läuft alles in die richtige Richtung. Auch der zwischenzeitliche Denkzettel für die handyaffinen Jungstars Jean-Kevin Augustin und Nordi Mukiele gehörte zum Reifeprozess, der am 25. Mai vergoldet werden soll. „Man fährt zum Finale, um das Ding zu gewinnen“, stellte Mintzlaff klar.

Und auch Rangnick ist inspiriert von dieser Perspektive: „Wenn du im dritten Bundesligajahr die Chance hast, den Titel zu gewinnen, sagt das alles aus über die Entwicklung.“ Schon am Wochenende gegen den SC Freiburg kann die erneute Champions-League-Qualifikation festgezurrt werden, „dann haben wir vier Wochen Vorbereitung fürs Pokalfinale“, frohlockte Rangnick.

Bemerkenswert, dass der Projektleiter weitgehend altbekannten Protagonisten vertraut. „In unserer Startelf standen sieben Spieler, die vor drei Jahren mit mir zusammen in die Bundesliga aufgestiegen sind“, betonte der 60-Jährige. Dieses Zeichen von Kontinuität solle ihm ein anderer Klub erstmal nachmachen. Torwart Peter Gulacsi, die Defensivrecken Willi Orban, Lukas Klostermann und Marcel Halstenberg, dazu die Offensivkräfte Marcel Sabitzer, Forsberg und Poulsen sind mit der Leipzig-DNA versehen.

Wenn sie heute viel, viel mehr verdienen als früher, dann steckt darin bei jedem der Lohn für eine erstaunliche persönliche Entwicklung, die sich wie im Fall des Dänen Poulsen deckungsgleich mit dem Klub vollzieht. „Vom Gefühl her kann uns im Moment keiner schlagen“, erklärte der Torjäger grinsend. „Wir haben an Qualität, Abgezocktheit und Konstanz gewonnen“, erläuterte Abwehrchef Orban, der sich mit 26 Jahren für die ungarische Nationalmannschaft entschieden hat, nachdem ihm Joachim Löw auch nach der WM 2018 so beharrlich ignorierte.

Sollte der Bundestrainer tatsächlich mal weichen, müsste über Rangnick als Nachfolger nachgedacht werden. Das zweite Mal hat der detailverliebte Allesmacher nachgewiesen, Übergangsphasen erfolgreich zu modellieren und zu moderieren. „Ralf war die sicherste Lösung“, erklärte Mintzlaff, „wir wissen doch alle, dass er einer der besten Fußballtrainer Deutschlands ist.“ Dass ab Sommer Julian Nagelsmann (TSG Hoffenheim) das Leipziger Traineramt übernimmt, beinhaltet Chance und Risiko zugleich. Der Gesamtstratege mit seiner schwäbischen Gründlichkeit kann sehr mal schnell ungeduldig werden, wenn Erfolg ausbleibt. Mintzlaff aber glaubt: „Ein junger Trainer und ein erfahrener Sportdirektor geben eine noch erfolgreiche Kombination.“

RB Leipzig will in Zukunft das Limit noch weiter nach oben verschieben. Pflichtspiele inmitten von Maisfeldern sind längst Geschichte.

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare

Liebe Leserinnen und Leser,

wir bitten um Verständnis, dass es im Unterschied zu vielen anderen Artikeln auf unserem Portal unter diesem Artikel keine Kommentarfunktion gibt. Bei einzelnen Themen behält sich die Redaktion vor, die Kommentarmöglichkeiten einzuschränken.

Die Redaktion