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Sieht den Fußball vor großen Herausforderungen: Jan Schindelmeiser.

Bundesliga und das Coronavirus

„Der größte Hebel sind die Spielergehälter“

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Der ehemalige Bundesliga-Manager Jan Schindelmeiser appelliert zu Gehaltsverzicht für Top-Verdiener im Profifußball und fordert diese auf, ihrer Verantwortung gerecht zu werden.

Herr Schindelmeiser, am heutigen Montag treffen sich die 36 Lizenzklubs der Bundesliga zur Corona-Krisensitzung in Frankfurt. Was erwarten Sie von dem Treffen?

Der deutsche Profifußball steht vor der vermutlich größten Herausforderung, die er in seiner Geschichte zu bewältigen hatte. Und er ist keine homogene Gruppe. Vielmehr setzt er sich aus Vereinen mit zum Teil ganz unterschiedlichen, insbesondere wirtschaftlichen Rahmenbedingungen zusammen. Einige darunter befürchten eine ernsthafte wirtschaftliche Schieflage.

Man hört, dass einzelne Klubs in ihrer Existenz bedroht wären, wenn die Saison nicht weitergespielt werden könnte. Sehen Sie dieses düstere Szenario aus Ihrer Erfahrung auch?

Niemand kann die Entwicklung der nächsten Wochen seriös prognostizieren. Die Absicht aber, die Saison bereits ab dem 2. April wieder zu starten, ist nach Entwicklungen in ganz Europa sehr unwahrscheinlich. In der Konsequenz fehlen den Klubs ganz direkt die eingeplanten Zuschauereinnahmen. Dies ist für die Mehrzahl der Vereine schmerzhaft, aber verkraftbar. Falls die Spiele nachgeholt werden, ergibt sich daraus zunächst nur ein Liquiditätsproblem. Falls sie nicht gespielt werden, stellt sich sogar die Frage nach möglichen Erstattungen für die Dauerkarten-, Business-Seats und Logenkunden.

Wie muss man sich die Situation vorstellen? Ist ein herkömmlicher Bundesligist oder Zweitligist recht zeitnah nicht mehr zahlungsfähig, wenn Spieltagseinnahmen ausfallen, weil dann schlicht kein Geld mehr auf dem Konto liegt?

Vereine ohne oder nur mit wenig Puffer könnten temporär in einen Liquiditätsengpass kommen. Für dieses Problem allein würde man innerhalb der DFL aber Lösungen finden. Ein Worstcase sähe aber komplett anders aus. Niemand mag sich so recht vorstellen, was geschieht, wenn auf absehbare Zeit kein Spieltag mehr ausgetragen werden kann. Welche Auswirkungen hat dies auf die aktuellen und künftigen TV-Verträge? Verlieren die Klubs automatisch ein Viertel der Einnahmen, wie zuletzt häufig beschrieben? Was geschieht dann mit den Abonnenten zum Beispiel von Sky? Erhalten diese, oder fordern gar den entsprechenden Anteil zurück? Zurzeit herrscht eine noch nie da gewesene Unsicherheit und belastet den Problemlösungsprozess erheblich.

Wie verhält es sich üblicherweise mit den Sponsorenverträgen? Kommt da eine Welle von Regresszahlungen auf die Klubs zu, wenn die Saison nicht zu Ende gespielt werden kann?

Am stärksten betroffen sind die Hauptsponsoren, weil sie als Trikotsponsoren unter dem Ausfall der Spiele und TV-Übertragungen leiden. Ich kann mir vorstellen, dass die Sponsoren ganz unterschiedlich reagieren. Gerade diejenigen, die wegen der Coronakrise selbst unter Druck geraten, könnten den Wunsch nach einem Ausgleich formulieren. Viele sehen sich aber als Partner der Klubs und werden sie eher zu stabilisieren versuchen.

Den größten Aufwandsposten machen die Spielergehälter aus, fast 50 Prozent der Gesamteinnahmen von rund vier Milliarden Euro. Droht besonders dieser Kostenblock die Klubs in der gegenwärtigen Phase zu erdrücken?

Keine Branche hat sich in den vergangenen 20 Jahren finanziell auch nur annähernd so dynamisch entwickelt wie der europäische Profifußball. Trotz einer weltweiten Finanzkrise. Der Fußball hat kein Einnahmeproblem. Es sind genügend Mittel vorhanden. Über die Verteilung darf heftig gestritten werden. Sollte sich die aktuelle Entwicklung zu einer massiver Krise für einen dann doch viel größeren Anteil der Klubs entwickeln, sind diese gezwungen, die Ausgaben zu kürzen. Und der größte Hebel liegt bei den Gehältern insbesondere der Spieler und anderen Top-Verdienern der Vereine. Im Notfall einvernehmliche, tragfähige und sozialverträgliche Lösungen für sämtliche Mitarbeiter zu finden wird ein höchst anspruchsvoller und herausfordernder Prozess für die Klubverantwortlichen werden.

Sie plädieren also dafür, dass die Spieler Gehaltseinbußen in Kauf nehmen?

Ohne Zugeständnisse der Spieler – aber nicht nur dieser – und übrigens auch die Einsicht von deren Beratern werden einige Klubs diese Phase nicht überstehen, sondern sehr konkret in Insolvenzgefahr geraten. Nicht nur in Deutschland. In ganz Europa. Wahrscheinlich weltweit. Ohne relevante Zugeständnisse der Hauptprotagonisten in solch einer Extremsituation würde die Bereitschaft der Wirtschaftspartner der Klubs, aber auch der Fans, der Mitglieder und Sympathisanten einen Beitrag zu Stabilisierung „ihres“ Vereins zu leisten, erheblich leiden. Dann können auch die Profis, die die DFL – nicht ganz zu unrecht – für die späte Absage kritisiert haben, zeigen, ob sie ihrer Verantwortung gerecht werden und verstehen, das nicht stattfindende Spiele Auswirkungen auf ihr Einkommen haben. Dass dieser Komplex auch juristische Relevanz hat, ist selbstredend.

Sehen Sie eine Chance, dass die Klubs das ligaweit für alle Profikader einfordern oder ist das komplett unvorstellbar?

Sämtliche Vereine sind zunächst individuell gefordert, ihre wirtschaftliche Existenz zu sichern. Daneben wäre es sehr zu begrüßen, wenn die Partikularinteressen bei der Lösung der akuten existenziellen Probleme in den Hintergrund treten. Das gilt in gleichem Maße für die Uefa und Fifa.

Es gibt Pläne, die Bundesligasaison bis Ende Juni irgendwie fortzusetzen, vorausgesetzt, die EM würde um ein Jahr verschoben. Halten Sie das für realistisch?

Ich halte es für ziemlich ausgeschlossen, dass im Sommer eine EM in mehreren Ländern stattfinden wird und bin sehr gespannt, was bei der Uefa-Sitzung am Dienstag herauskommt. Und wie sich die Fifa dazu positioniert. Mein Vertrauen insbesondere in Herrn Infantino ist nicht sehr ausgeprägt. Daneben hoffe ich, dass sich der DFB endlich auch gegenüber dem Fifa-Präsidenten so positioniert, wie es sich für einen seinen Werten gegenüber verpflichteten Verband gehört.

Interview: Jan Christian Müller

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