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Mal wieder unbesetzt: Der Präsidentenparkplatz vor der Frankfurter DFB-Zentrale.

Nach Grindel-Rücktritt

Der DFB steckt in einer Sackgasse

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Nach dem dritten Scheitern eines Präsidenten binnen sieben Jahren sieht der DFB ein, dass er völlig neu denken muss. Schafft der Verband das?

Es gehörte zur vorläufig vorletzten öffentlichen Demütigung für Reinhard Grindel, dass er sich als gescheiterter Ex-Präsident des Deutschen Fußball-Bundes am Dienstag in der ARD-Aufzeichnung vom Vorabend dabei zusehen konnte, wie er 24 Stunden zuvor im Deutschen Fußballmuseum in Dortmund als gerade noch amtierender Verbandschef eine Laudatio zur „Hall of Fame“ des deutschen Fußballs gehalten hatte. Ein Hoch auf Helmut Rahn, Gerd Müller, und vor allem auf sein Kindheitsidol Uwe Seeler. Das Schicksal, wenngleich selbstverschuldet, hätte für den gebürtigen Hamburger unerbittlich ironischer kaum sein können.

Es war ein Abend der alten Männer in Dortmund, sogar Franz Beckenbauer war nach langer öffentlicher Abstinenz mal wieder ins Scheinwerferlicht getreten, aus dem Grindel jetzt erst einmal verschwunden ist und nach seinem erzwungenen Rücktritt mit Häme überschüttet wurde. „Nimmt man alle Deutschen, die Grindels Rücktritt als DFB-Präsident bedauern, bekäme man wohl keine Fußballmannschaft zusammen“, äzte Zeit Online.

Pure Ungläubigkeit über Grindels Instinktlosigkeit

Die Instinktlosigkeit, über die der 57-Jährige am Ende endgültig aus dem Amt gestolpert war, sorgte derweil im Haus des Deutschen Fußball-Bundes auch am Tag nach seiner Demission noch für pure Ungläubigkeit. Wie hatte ein Mann, der die Begriffe „Good Governance“, „Compliance“ und „Transparenz“ wie ein Mantra vor sich hergetragen hatte, der dazu noch als Chef der Regelwächter-Kommission der Uefa firmiert, im Spätsommer 2017 eine 6000 Euro teure Luxusuhr von einem ukrainischen Oligarchen annehmen können, erst recht, nachdem die Uefa im September 2016 das Finale der Champions League 2018 nach Kiew vergeben hatte? „Bei wem da nicht alle Alarmglocken schrillen, der hat da irgendwas nicht verstanden“, kommentierte Dagmar Freitag (SPD), die Sportausschuss-Vorsitzende des Bundestages, „es ist ein schlichtes No-Go, so etwas anzunehmen.“

Der ehemalige CDU-Bundestagsabgeordnete Grindel hatte in seinem öffentlichen Entschuldigungsschreiben, in dem er das Ausmaß seines Scheiterns allein auf die Annahme der Armbanduhr zu reduzieren versuchte, kleinlaut klargemacht, dass er das wertvolle Geschenk seines Ex-Kollegen Grigori Surkis bei den Complianceabteilungen der internationalen Verbände selbst melden wird. Die Fifa-Ethikhüter könnten nun ein Verfahren einleiten. In Artikel 20 des Fifa-Ethikcodes heißt es, dass Geschenke nur einen „symbolischen oder geringen“ Wert haben dürften. Eine Rolex passt zweifellos nicht in diese Werteordnung. Grindel hätte auch durch den Fall des 2013 wegen Schmuggels zweier geschenkter Rolex-Uhren aus Katar angezeigten Bayernbosses Karl-Heinz Rummenigge gewarnt sein müssen.

Auch bei der Uefa wären Ermittlungen der Disziplinarkommission gegen Grindel möglich. Die „Welt“ zitierte einen namentlich nicht genannten Uefa-Funktionär mit einem für Uefa-Regierungsmitglied Grindel düsteren Szenario: „Er ist ein guter Typ, aber wir haben keine andere Option, als hart mit ihm zu sein, Wenn er aus ethischen Gründen beim DFB aufhört, kann er nicht gleichzeitig bei der Uefa bleiben. Das wäre komplett unrealistisch.“ In den kommenden Tagen soll es zum Gespräch zwischen Grindel und Uefa-Leuten kommen und dem Deutschen der Rücktritt nahegelegt werden. Sein Ruf ist nicht nur in Deutschland ruiniert.

Auch Grindels Intimfeind, Fifa-Chef Gianni Infantino, dürfte einiges daransetzen, den gerade bis 2023 ins Fifa-Council wiedergewählten Ex-DFB-Boss loszuwerden. Am Mittwoch ließ Infantino kühl ausrichten, die Fifa habe Grindels Rücktritt „zur Kenntnis“ genommen.

Zudem erscheint zweifelhaft, ob Uefa-Präsident Aleksander Ceferin an seinem vormals engen Vertrauten festhält. Der im eigenen Land gescheiterte Deutsche befindet sich auf allen Ebenen des Fußballs weit in Abseitsstellung, kann allerdings zum ZDF zurückkehren. Das bestätigte sein ehemaligen Arbeitgeber: „Herr Grindel hat aufgrund seiner früheren Mitgliedschaft im Bundestag ein im Abgeordnetengesetz geregeltes gesetzliches Rückkehrrecht.“ Wie zu hören ist, sind die offenen Arme beim ZDF aber nicht sonderlich weit ausgebreitet.

Im DFB dünkt ihnen derweil düster, dass mit Grindels allseits erwünschtem Aus zwar die Fenster einen Spalt breit geöffnet sind, jedoch längst noch nicht ausreichend frische Frühlingsluft den Mief der vergangenen Jahre in den Fluren vertreibt. Den langgedienten Funktionären ist nochmals klar vor Augen geführt worden, dass eine grundlegende Modernisierung unumgänglich ist. Binnen sieben Jahren waren nacheinander Theo Zwanziger, Wolfgang Niersbach und nun Grindel vorzeitig gescheitert (davor 2006 schon Gerhard Mayer-Vorfelder ebenso unfreiwillig) und hatten jeweils Scherben hinterlassen.

DFB sucht den geeigneten Grindel-Nachfolger

Jetzt ist der DFB mal wieder gefangen in der Sackgasse: „Wir müssen einen ganz anderen Weg gehen“, sagte der einflussreiche Vizepräsident Rainer Koch in der ARD und ergänzte: „Wir müssen uns überlegen, warum jetzt mehrere Präsidenten hintereinander vorzeitig ihr Amt aufgeben mussten. Das muss anders werden. Die erste Voraussetzung dafür ist, dass Profi- und Amateurfußball viel enger zusammenrücken. Wir müssen einen gemeinsamen Kandidaten außerhalb des Präsidiums finden, der von allen Seiten respektiert wird.“ Das werde einige Zeit in Anspruch nehmen. Namen wie Christoph Metzelder, Marco Bode, Philipp Lahm, Ex-Adidas-Chef Herbert Hainer, der ehemalige Daimler-Boss Dieter Zetsche, Ex-Innenminister Thomas de Maizière, Transparency-Frau Sylvia Schenk, Ex-Nationalspielerin Celia Sasic, Matthias Sammer oder Rudi Völler oder gar eine Rückkehr von Wolfgang Niersbach sind somit pure Spekulation.

Nach Grindels Rücktritt führt der 60-jährige Koch den Verband zusammen mit dem zwölf Jahre älteren DFL-Präsident Reinhard Rauball interimsmäßig an. Auf Facebook verkündete Koch, er sei „guter Dinge, dass wir diese schwere Aufgabe genauso vertrauensvoll und erfolgreich bewältigen wie vor dreieinhalb Jahren nach dem Rücktritt von Wolfgang Niersbach.“ Dabei dürfte es sich um einen Wahrnehmungsfehler in eigener Sache handeln. Denn seinerzeit drückte Koch mit Unterstützung von weiteren 20 Landesverbandspräsidenten auf einer Sitzung vor dem wegen eines drohenden Bombenanschlags abgesagten Länderspiel in Hannover Reinhard Grindel als Kandidaten für die Niersbach-Nachfolge durch - gegen den ausdrücklichen Willen des erzürnten Kollegen Rauball. Das Ende ist bekannt. Es war keine gute Idee. Die Deutsche Fußball-Liga, so viel steht fest, wird sich nicht wieder mit der Rolle des Zuschauers vor Kochs Gnaden abgeben. Die Aufgaben sind zu komplex, die Ansprüche an Moral und Anstand zu hoch,, das gesellschaftliche Ansehen zu bedeutend, um die Personalie im Hinterzimmer eines Stadionhotels unter Amateurvertretern auszubaldowern.

Am Mittwochmorgen änderte Reinhard Grindel sein Titelbild bei Facebook. Es zeigt ihn jetzt fröhlich inmitten von Kindern statt staatsmännisch am Schreibtisch. Prompt hagelte es hämische Kommentare. (mit dpa/sid)

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