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So sieht die nähere Zukunft im Fußball aus: Kicker in tollen Stadien ohne Zuschauer, hier Juventus Turin gegen Inter Mailand. 

Fifa

Die Grenzen der Macht

Die neuen Vertragsrichtlinien des Fußball-Weltverbands Fifa sind nachvollziehbar, aber juristisch umstritten.

Laut Sportrechtler Michael Lehner könnten die Richtlinien des Fußball-Weltverbandes Fifa bezüglich auslaufender Spielerverträge bei einer Verlängerung der Saison über den 30. Juni hinaus Probleme hervorrufen. „Da sehe ich ein hohes Streitpotenzial“, sagte der Heidelberger Jurist am Mittwoch: „Das scheint mir sehr weitreichend zu sein, wenn Betroffene nicht einverstanden sind und sich dagegen wehren.“

Die Fifa hatte am Dienstagabend auf die Auswirkungen der Corona-Pandemie mit nachvollziehbaren Anpassungen reagiert und so den Weg für eine mögliche Verlängerung der derzeit unterbrochenen Saison über das reguläre Ende am 30. Juni hinaus freigemacht. Demnach sollen Verträge, die eigentlich Ende Juni auslaufen, bis zum „effektiven Ende der Saison verlängert werden“, wie die Fifa mitteilte. Eine ähnliche Regelung gelte für „Verträge, die mit Beginn der neuen Saison beginnen sollten. So werden diese Verträge erst wirksam, wenn die neue Saison effektiv beginnt“, schrieb der Weltverband weiter.

„Das ist ein erheblicher Eingriff in die Privatautonomie der jeweiligen Vereine, Verträge und Spieler“, entgegnete Lehner. Auch Liegen und Klubs fürchten komplizierte Herausforderungen, sollte es notwendig werden, die Saison über den 30. Juni hinaus zu verlängern und trachten deshalb nach einem Saisonende zumindest der nationalen Ligen bis Ende Juni.

Der Ludwigsburger Rechtsanwalt Christoph Schickhardt hält es im Gegensatz zu Lehner für unproblematisch, auslaufende Verträge um ein, zwei Monate zu verlängern. „Wer da nicht mitmacht, ist außen vor und findet dann auch keinen neuen Verein mehr“, sagte der renommierte Sportanwalt bei Sport1, „solche Spieler stellen sich selbst ins Abseits.“

Ohnehin dürften Fußballprofis mit auslaufenden Kontrakten, die noch nicht über einen Anschlussvertrag verfügen, eher dankbar sein, wenn sich ihr Vertrag zunächst zumindest um einen oder zwei Monate verlängerte, um die Saison zu Ende spielen zu können. So sagte etwa der langjährige Mainzer Verteidiger Daniel Brosinski, dessen Vertrag in diesem Sommer ausläuft, in einem „FAZ“-Interview: „Das ist für mich eine komische Situation. Sollte die Saison abgebrochen werden, weiß auch niemand, wie es danach weitergeht, ob vielleicht bis Weihnachten überhaupt nicht mehr gespielt wird. Ich stünde dann im leeren Raum.“

Der Fifa ist ohnehin klar, dass ihre Richtlinien keinen formaljuristisch bindenden Charakter haben, sondern eher als dringende Empfehlungen für so etwas wie eine Friedenspflicht zu interpretieren sind. Sie hoffe und erwarte, dass die Richtlinien „weltweit befolgt werden“, hieß es in der Fifa-Mitteilung über die Empfehlungen einer Arbeitsgruppe mit Vertretern von Spielern, Vereinen, Ligen, nationalen Verbänden und Kontinentalverbänden.

Damit wird sich auch das Transferfenster später als üblich öffnen – wenn denn der Fußballbetrieb überhaupt wieder aufgenommen und die Saison nicht national und international doch noch abgebrochen wird. Man strebe flexible Lösungen an, „damit die betreffenden Transferfenster zwischen das Ende der alten Saison und den Beginn der neuen Saison verschoben werden können“, ließ die Fifa wissen. Bislang begann die Sommer-Wechselperiode stets am 1. Juli und endete in den meisten Ligen am 31. August.

„Auch wenn diese Richtlinien und Empfehlungen nicht alle Probleme lösen, sollten sie für die nächste Zukunft zumindest für eine gewisse Stabilität und Gewissheit im Fußball sorgen“, erklärte Fifa-Präsident Gianni Infantino.

Unterdessen hat Christian Seifert, der Geschäftsführer der deutschen Fußball-Liga (DFL), die Planungen für sogenannte Geisterspiele in den beiden Fußball-Bundesligen vehement verteidigt. „Bei uns geht es wie in anderen Unternehmen um ein Produkt, das von Erwerbstätigen auf und neben dem Platz hergestellt wird. Und wenn nicht produziert werden kann, ist das existenzgefährdend mit Konsequenzen für Arbeitsplätze. Von daher müssen Profiklubs rechtlich wie Unternehmen behandelt werden“, sagte der 50-Jährige in einem Interview mit der „Zeit“ und ergänzte: „Ob Lufthansa, Volkswagen, ein Warenhaus oder der Friseur um die Ecke, alle bereiten sich so wie wir auch mit mehreren Szenarien darauf vor, dass das öffentliche Leben – und zu dem gehören Unternehmen genauso wie Schulen – wieder anläuft.“

Angesichts der prekären wirtschaftlichen Lage einiger Klubs hofft Seifert zudem, dass Vereine ihre Lehren aus der Krise ziehen. Dass sie sehen, dass „wirtschaftliche Stabilität – mit Rücklagen und einem funktionierenden Geschäftsmodell – doch wichtiger ist“ als vielleicht vermutet.

Gereizt reagierte der DFL-Boss auf die Frage, ob nicht andere Berufsgruppen wie Pflegekräfte oder Kassiererinnen ein höheres Anrecht auf die geplanten regelmäßige Coronatests hätten als ausgerechnet Profifußballer. Er antwortete wörtlich: „Ich verstehe die Frage – und halte sie trotzdem, mit Verlaub, für nicht angemessen: Natürlich darf nicht der Eindruck entstehen, der Fußball ignoriere in seiner Selbstbezogenheit die Realität. Jeder Mensch ist gleich viel wert.“ Die DFL gehe davon aus, „dass sich sowohl die Testverfahren als auch der Umgang mit wie auch immer gearteten Quarantänekonzepten im Wochenrhythmus weiterentwickeln“. Darauf hoffe ganz Deutschland. (sid/dpa/jcm)

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