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Als Tröster gefragt: Tottenham-Trainer José Mourinho Profi Lucas Moura.

Tottenham Hotspurs

Grassierende Erfolglosigkeit

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Tottenham-Startrainer José Mourinho wirkt rat- und hilflos ob der Schwächen bei den Engländern.

Irgendwo musste der Frust ja hin. Und manch englischer Gast, der in einer Mixtur aus Enttäuschung und Ernüchterung noch friedlich in der Straßenbahn saß, hat später vor dem Zubettgehen in den Hotels am Leipziger Hauptbahnhof nochmal ein deutsches Bier bestellt. Danach folgten Flüche, in denen ein in der englischen Alltagssprache allgegenwärtiges Fluchwort mit F ungefähr jedem zweiten Satz vorangestellt war. Sang- und klanglos hatte sich Tottenham Hotspur am Dienstagabend mit dem 0:3 bei RB Leipzig aus der Champions League verabschiedet. Der Vorjahresfinalist war in Hin- und Rückspiel chancenlos. Die Mannschaft wirkte mittellos, der Trainer ratlos.

Und so fiel José Mourinho in der schweren Stunde nichts Besseres ein, als erst einmal den mitgereisten Tottenham-Fans zu danken, „dass sie uns in einer schwierigen Situation für ganz Europa unterstützt haben“. Das Vereinigte Königreich scheint bislang weitgehend immun gegen die Epidemie, aber bei Tottenham grassiert die Erfolglosigkeit. Kein Wettbewerb taugt mehr für Therapiezwecke: in der Premier League zurückgefallen, im League Cup und im FA Cup ausgeschieden, in der Champions vorgeführt. „Wir haben wirklich Probleme und waren nicht einmal ein richtiges Team“, murrte Mourinho. In allen Belangen, zählte der 57-Jährige auf, sei Leipzig besser gewesen; „bei der Physis, bei der Intensität, beim Zweikampf, beim Konter.“ Es verdichten sich die Indizien, dass sich die bereits im Hinspiel offengelegten Schwächen noch ausweiten.

Englands Nationalspieler Delle Alli sprach von einem „Mentalitätsproblem“ seiner Kameraden. Mourinho hat diese Kritik gekontert, „so etwas liegt an den Spielern“. Sein Arbeitgeber könnte, wenn es weiter so schlecht läuft, in der eigenen Liga im Niemandsland stranden. Da hat der Klub das modernste Stadion auf der Insel gebaut, aber es droht eine Saison ohne internationale Bühne – ein Horrorszenario an der White Hart Lane.

Mourinho hat dazu die seit Wochen gleichen Erklärungen geliefert: „Es ist einfach zu viel mit den Verletzungen von Kane, Son, Sissoko, Bergwijn, Davies. Das habe ich so noch nie erlebt.“ Und dann zählte der Großmeister auf, womit man das vergleichen solle: „Stellen sie sich vor, Liverpool ohne Salah, Mané, Firmino; Barcelona ohne Messi, Griezmann, Suarez. Oder Leipzig ohne Sabitzer, Schick, Werner. Es gibt kein Team, das so etwas kompensieren kann.“ Aber ist nicht der Trainer derjenige, der der Gemeinschaft der Verbliebenen alternative Handlungsoptionen vermitteln müsste? Vielleicht war die Trennung von Mourinho-Vorgänger Mauricio Pochettino doch nicht so klug, wie viele glaubten.

Mourinho, den mittlerweile nicht mehr viele für „The Special One“ halten, hat seit geraumer Zeit erkennbare Mühe, seinen Mannschaften prägende Handschriften zu verpassen. Der Portugiese wirkt mit seiner grauen Kurzhaarfrisur wie ein Relikt aus verblassten Tagen, als mit einer Defensivtaktik noch die Champions League zu gewinnen war. Inzwischen braucht es Tempo-, Rhythmus- und Systemwechsel, wie sie ihm der ein Vierteljahrhundert jüngere Kollege Julian Nagelsmann vorführte. Vor dem Abflug nach London lieferte der entzauberte Großmeister noch eine düstere Prognose: „Die Probleme gehen nicht von heute auf morgen weg.“

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