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Grant Wahl - ein Reporter bis in den Tod

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Von: Günter Klein

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Grant Wahl, ein renommierter US-Sportjournalist, ist im Alter von 48 Jahren gestorben.
Grant Wahl, ein renommierter US-Sportjournalist, ist im Alter von 48 Jahren gestorben. © dpa

US-Journalist Grant Wahl bricht auf der Tribüne zusammen und stirbt. Für die Fifa war er stets ein Stachel im Fleisch.

Ein Herzinfarktspiel“ – das sagt man so leicht, wenn eine Fußballpartie keine Facette einer überspitzten Dramaturgie auslässt wie das WM-Viertelfinale zwischen den Niederlanden und Argentinien. „Was ist da gerade passiert?“, schrieb Grant Wahl am Samstagmorgen um 0.02 Uhr Ortszeit für seine 856 000 Follower bei Twitter. Drei Minuten später legte er die Erklärung zum holländischen 2:2 auf den letzten Drücker der Nachspielzeit nach: „Einfach ein unglaubliches Freistoßtor der Niederlande.“ Kurz danach brach der US-Journalist Grant Wahl an seinem Pressepult im Lusail Stadium zusammen. Diejenigen, die um ihn herumsaßen, schrien auf, forderten Hilfe an, schnell kam der Sanitätsdienst, der Notarzt. Stühle wurden aus der Reihe entfernt, um Platz zu haben für die Behandlung. Eine Trage wurde hochgetragen in den Block. Doch Grant Wahl starb, während die Welt den epischen Schlagabtausch der Teams bis ins Elfmeterschießen verfolgte – und weiter Spielberichte getippt wurden.

Grant Wahl wurde 48 Jahre alt, er war ein großer, schlanker, sportlich wirkender Mann. In sich ruhend, freundlich. Trotz seines jungen Alters galt er als „Veteran journalist“, weil es bereits seine achte Männer-Weltmeisterschaft war, von der er berichtete. Angefangen hatte er 1994 als 20-jähriger Student beim Turnier in den USA, seine erste Festanstellung beim „Miami Herald“ bekam er erst danach. Wahl arbeitete auf freier Basis für den TV-Sender CBS, war Autor bei „Sports Illustrated“, wegen seines Protestes gegen Honorarkürzungen während der Coronazeit war es allerdings zu Dissonanzen gekommen. Grant Wahl verfolgte auch ein Modell wie viele, die sich übers Internet vermarkten: Man konnte seine Beiträge abonnieren.

Zu Beginn der WM schrieb er eine Geschichte, die weit über seine Abonnentenkreise hinausreichte: Er wollte Fifa und Katar austesten und zum Spiel USA gegen Wales im Regenbogen-Shirt gehen. Die Polizei verweigerte ihm den Zutritt, hielt ihn fest, doch Wahl ließ sich nicht beirren. Am Ende entschuldigten sich die Ordnungskräfte: Man habe ihn nur beschützen wollen vor möglichen aufgebrachten Einheimischen. Wahl berichtete kritisch über die WM. Seinen letzten vollständigen Lebenstag begann er mit einem kritischen Beitrag über die Wurstigkeit der katarischen Organisatoren angesichts des Ablebens eines philippinischen Bauarbeiters: „Es kümmert sie einfach nicht.“ Der Fifa war Wahl bisweilen ein Stachel im Fleisch: 2011 hatte er selbst eine (chancenlose) Bewerbung um die Präsidentschaft des Weltverbands einreichen wollen – natürlich auch ein bisschen Show. Gleichwohl wurde er auch geschätzt, weil seine Storys in den USA den Fußball voranbrachten.

Nach Bestätigung der Todesnachricht aus dem Hamad-Hospital in Doha kondolierten der US-Verband und Gianni Infantino für die Fifa – doch es ging auch los mit Mutmaßungen über die Todesumstände. Noch in der Nacht lud Grant Wahls Bruder Eric in den USA bei Instagram ein emotionales Video hoch. Grant habe das Regenbogen-Shirt für ihn getragen, er, Eric, sei schwul. Eric Wahl erzählte von Morddrohungen, die Grant erhalten habe. „Er war gesund, ich glaube, dass er umgebracht wurde.“

Grant Wahl war allerdings gesundheitlich angeschlagen. Wie etliche Journalisten war er am Keuchen, er erzählte es auch in seinem Podcast aus Katar, dass die drei Wochen intensivster Arbeit („Wenig Schlaf, viel Stress“) seinem Körper zugesetzt hätten. „Meine Brust fühle ich auf einem neuen Level von Druck und Unbehagen.“ Er war ins Krankenhaus gegangen, ein Covid-Test fiel negativ aus, man stellte eine Bronchitis fest, verschrieb ihm Antibiotika und einen hustenlösenden Sirup.“ Ich fühle mich besser, aber nicht gut.“ Grant Wahl arbeitete weiter, weil eben Weltmeisterschaft ist. Ein Reporter bis in den Tod.

*Der Autor saß in derselben Reihe wie Grant Wahl, als dieser kollabierte und anschließend verstarb.

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