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Gottes Werk und Rodrygos Beitrag

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Von: Thomas Kilchenstein

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Der Moment, als die Emotionen im Bernabeu überkochten: Rodrygo köpft den Ball ins Tor und bringt Real in die Verlängerung.
Der Moment, als die Emotionen im Bernabeu überkochten: Rodrygo köpft den Ball ins Tor und bringt Real in die Verlängerung. © dpa

Erneut dreht Real Madrid ein eigentlich längst verloren geglaubtes Spiel und verzaubert ein epochales Halbfinale - erklären können sich das nicht mal die Akteure.

Natürlich musste der liebe Gott bei dieser märchenhaften Nacht im Bernabeu seine Finger im Spiel gehabt haben, normal ist das ja nicht, was sich da binnen 88 Sekunden ab der 90. Minute abgespielt hat. Kann ja gar nicht irdisch sein, es haben ja nur „Königliche“ gespielt. Prompt bat „Marca“, die Madrider Sportzeitung, um Rat von allerhöchster Stelle: „Möge Gott herabsteigen und das erklären.“ Hernieden war das nicht nachzuvollziehen, was sich da abgespielt hat kurz vor Schluss: 0:1 lag Real Madrid im zweiten Halbfinalspiel gegen Manchester City hinten, 3:5 in der Gesamtaddition, Jack Grealish, dieser feine englische Dribbler, hatte Real zweimal freundlicherweise leben lassen. Und eigentlich schien Trainer Carlo Ancelotti, der so wunderbar teilnahmslos chic am Spielfeldrand stehende, Kaugummi malträtierende Fußballweise diese Partie vercoacht zu haben: Er hatte drei der vier Real-Chefs ausgewechselt, Casemiro, Luka Modric, Toni Kroos, nur Karim Benzema blieb auf dem Rasen, allerdings alleine vorne in der Spitze. Wer sollte ihn nur mit Bällen und Ideen füttern ohne das Trio?

Rodrygo Silva de Goes erledigte das: „Gott hat mich angeschaut und mir gesagt, dass heute mein Tag sein würde“, sagte der 21-Jahre alte Matchwinner nach dem Abpfiff eines zauberhaften Abends, in dem er binnen nicht ganz zwei Minuten( 90. und 90+ 1.) aus einem 0:1 ein 2:1 gemacht und eine Verlängerung erzwungen hatte, in der natürlich Benzema mit einem verwandelten Strafstoß das 3:1 erzielte und Real Madrid damit ins Champions League-Finale am 28. Mai in Paris gegen den FC Liverpool hievte. „A por la 14“ stand auf den weißen T-Shirts, die die Real-Stars hinterher überstreiften, auf zum 14. Gewinn des Henkelpotts in der Geschichte des außergewöhnlichen Klubs. Mal wieder, zum dritten Mal nach den ebenso epochalen Partien gegen Paris St. Germain und dem FC Chelsea, war eine eigentlich schon maustote Madrider Elf zurückgekommen mit einer Wucht und Dynamik, die der Weltfußball selten gesehen hat.

Einzigartiger Schlussspurt

„Keiner hätte gedacht, dass Real Madrid in dieser Saison noch mal ein Finale spielt“, sagte Trainer Ancelotti. City wurde einfach überwältigt, „die Meister der Kontrolle“ (Guardian) hatten eben die Kontrolle verloren, geschlagen von einer Mannschaft, die niemals aufgibt; der la Remontada, die Auferstehung, aufs blütenweiße Trikot gestickt ist. „Das ist manchmal schwer zu erklären, auch für mich“, sagte Toni Kroos. Es sei der Glaube, es sei das Stadion, die Kombination sei magisch.

Dieses Mal war nicht Benzema, der 15-Tore-Mann der Königsklasse, der Held des Abends, sondern jener 21-jährige Rodrygo, 2019 für 45 Millionen Euro vom FC Santos geholt, dem Pele-, Neymar- und Robinho-Klub. Er wurde eingewechselt nach 68 Minuten für Kroos, er wird meistens eingewechselt, in die erste Elf schafft er es selten. Zuletzt durfte er beim 4:0-Meisterstück gegen Espanyol von Anfang an spielen, er schoss die ersten beiden Tore. Schon im Viertelfinale gegen den FC Chelsea war es Rodrygo, dessen Vater Eric ebenfalls Fußballer war, in unterklassigen Klubs spielte, der den Geniestreich von Modric zum Anschlusstreffer zum 1:3 veredelte.

Noch nie zuvor war es einem Spieler zuvor gelungen, in der 90. Minute eines K.o.-Spiels der Champions League zwei Tore zu schießen. Außerdem ist Rodrygo seit Gareth Bale der erste Real-Spieler, der in einem Champions-League-Spiel nach Einwechslung einen Doppelpack schnürte, dem Waliser war das im Finale 2018 gelungen, gegen Liverpool.

2017 debütiert Rodrygo mit 16 Jahren für den FC Santos. Einige Monate später gelang ihm, der aus gutem Haus stammt, als bisher jüngster Brasilianer ein Tor in der Copa Libertadores, der südamerikanischen Champions League. In Madrid dauerte es eine Weile, bis er sich durchsetzen konnte. In seinen ersten beiden Saisons bei Real pendelt Rodrygo unter Trainer Zinedine Zidane meist nur zwischen Ersatzbank und Tribüne. Mit Nachfolger Ancelotti kommt der Brasilianer in der laufenden Saison besser in Fahrt – und spielte in den letzten Wochen so stark wie noch nie im Real-Trikot.

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