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Gewohnt meinungsstark: Hans-Joachim Watzke von Borussia Dortmund.

Fußball

Goldsteaks und Eichelhäher

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Dortmunds Vorstandschef Hans-Joachim Watzke über die Heuchelei in der Welt des Fußballs.

Selten ist es so oft um Haltungsfragen beim größten europäischen Sportbusinesskongress Spobis gegangen wie in diesem Jahr. Erstaunlich, dass neuerdings die Branchenführer einen verantwortungsvollen Doppelpass spielen wollen. Genau wie Karl-Heinz Rummenigge vom FC Bayern mahnte auch Hans-Joachim Watzke als Vorstandsvorsitzender von Borussia Dortmund zu einer Zurückhaltung bei den Expansionsgelüsten: „Wir müssen aufpassen, dass wir im Profifußball die Schraube nicht überdrehen; dass wir nicht drei Wettbewerbe kreieren und keiner mehr weiß, worum es wirklich geht.“ Generell sei der Fußball nicht besser als die Gesellschaft, „aber er bildet die ganze Bandbreite ab – auch, wenn es rauer oder gewaltbereiter zugeht.“

Dass aber die Topvereine beispielsweise bei einer WM 2022 in Katar oder anderen fragwürdigen Großprojekten die Reißleine ziehe, könne nicht erwartet werden, erklärte der 60-Jährige: „Wenn wir nur noch dort hingehen, wo zu 100 Prozent die lupenreine Demokratie gilt und die Menschenrechte geachtet werden, wird es eng.“ Wenn der BVB nach China reise, sei das auch eine Form von Respekt gegenüber den Menschen dort, „die nicht alle überwacht werden“. Dort nicht mehr hinzureisen, werde nicht funktionieren, um auf Veränderungen zu drängen.

Es sei ein Stück weit zynisch, die Vergabe in fragwürdige Ausrichterländer zu kritisieren, wenn es „für acht Kilometer Autobahnbau in Deutschland 14 Jahre Vorlauf braucht, bis der letzte Eichelhäher umgesiedelt ist – in einer Diktatur wird das Stück einfach platt gemacht.“ Der Fußball dürfe sich nicht anbiedern, aber müsse mit solchen Regimen zumindest im Austausch bleiben. Dabei helfe es, sich nicht zum Moralapostel aufzuschwingen: „Wir können unseren Wertesystem nicht auf die ganze Welt übertragen. Wir dürfen nicht beleidigt sein, wenn uns nicht alle folgen“, sagte der gebürtige Sauerländer.

„Goldsteak schadet keinem“

Für den auch dank Watzke-Kumpel Jürgen Klopp zu einer immensen Stärke gelangten Traditionsverein ist ein fast täglicher Spagat, sich zwischen gesellschaftlicher Verantwortung und internationaler Wettbewerbsfähigkeit zu positionieren. „Wir laufen nicht nur mit dem Klingelbeutel herum, um unsere Einnahmen zu mehren, sondern wir tun auch andere Sachen: Wir haben eine Million Euro für die Holcaust-Gedenkstätte Yad Vashem gespendet“, beteuerte Watzke.

Nach seinem Dafürhalten würde bei manch einer Kritik am Fehlverhalten der Bundesligaprofis eine Doppelmoral angewandt. Das beste Beispiel sei das vom Bayern-Stars Franck Ribery verzehrte Goldsteak. „Wenn wir jemanden sechs, sieben, acht Millionen im Jahr zahle, gehört nicht viel Arithmetik dazu, dass er sich das jeden Tag leisten kann. Wenn ein junger Fan, der um ein Autogramm bittet, von einem Spieler weggeschickt wird, ist das schlimmer, als wenn ein Profi ein Goldsteak isst und damit keinem schadet.“

Der seit 2005 an der Vereinsspitze agierende Unternehmer, der sich als wertkonservativer Mensch verortete, räumte ein, dass die immer steigenden Gehälter durchaus ein Problem bei Jungstars wie Jadon Sancho darstellen, ohne den mitunter schwer erziehbaren Dribbler aus England explizit zu erwähnen, der über die Sozialen Netzwerke unlängst seinen Luxus-Winterurlaub ausgestellt hat. Watzke zeigte Verständnis für solches Verhalten. „Ich möchte mir nicht vorstellen, was passiert wäre, wenn ich mit 19 Jahren fünf Millionen Euro verdient hätte. Das wäre garantiert schiefgegangen und keine Erfolgsgeschichte geworden.“

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