+
Heiko Herrlich verlässt Bayer Leverkusen.

Bayer Leverkusen

Gnadenlose Weihnachten

  • schließen

Heiko Herrlich verlässt Bayer Leverkusen aufrecht mit zwei Siegen in Folge, noch dazu mit dem Weiterkommen in Europa League und DFB-Pokal. Ein Kommentar.

as Fußball-Profigeschäft ist unbarmherzig. Geradezu schicksalshaft hat die Branche das am Tag vor Heiligabend am Beispiel des tiefgläubigen Christen Heiko Herrlich demonstriert. Man muss den guten Menschen Herrlich deshalb an dieser Stelle aber nicht ausufernd bedauern. Er kennt die Usancen, er hat anderthalb Jahre Zeit gehabt, eine hochtalentierte Mannschaft zu einer stabilen Einheit zu formen, was ihm insgesamt misslang. Deshalb hatte er keine Gnade zu erwarten. Es geht heute unterm Baum einer ganzen Menge Menschen viel schlechter als dem 47-Jährigen, der seiner Demut vor dem Leben oft genug Ausdruck verliehen hat, seit er vor 18 Jahren einen Hirntumor überlebte. 

Heiko Herrlich verlässt Bayer Leverkusen aufrecht mit zwei Siegen in Folge, noch dazu mit dem Weiterkommen in Europa League und DFB-Pokal und somit sicher nicht als vollends Gescheiterter. Er hat so ziemlich das, was aus seiner Persönlichkeit und seinem Fachwissen herauszuholen war, geleistet und geliefert. Für die Ansprüche von Bayer Leverkusen war das zu wenig. Dass die Verantwortlichen um die in Fußballfragen sicher nicht ganz unbedarften Rudi Völler und Simon Rolfes zu diesem Ergebnis gekommen sind, erscheint bei nüchterner Betrachtung nachvollziehbar, ebenso wie der Zeitpunkt der Trennung. 

Naiv ins Verderben

Denn der Herrlich-Nachfolger Peter Bosz hat nun reichlich mehr Zeit, Verein und Spieler in der Wintervorbereitung kennenzulernen als in der vorweihnachtlichen Hektik des Donnerstag-Sonntag-Europa-League-Bundesliga-Stakkatos. Insoweit hat Bayer Leverkusen die im Hintergrund längst vorbereitete Personalrochade professionell gemanagt. 

Der Bayer-Kader gibt keinen Anlass, sich im Mittelfeld der Bundesliga behaglich zu fühlen, dafür sind Kosten und Qualität zu hoch. Umso spannender wird es nun zu beobachten, wie der Dogmatiker Bosz diese Mannschaft fortentwickelt. In seiner kurzen und hochintensiven Amtszeit in Dortmund wurde dem Niederländer eine gewisse Beratungsresistenz nachgesagt. Die Naivität, mit der die Borussia unter Bosz auch dann noch kollektiv nach vorne ins Verderben rannte, als die fehlende Absicherung längst von allen Kontrahenten dechiffriert worden war, führte bereits Anfang Dezember zur Beurlaubung. 

Bosz wird nun beweisen müssen, dass er künftig taktisch und systematisch flexibler und weniger festgezurrt an seinen offensiven Doktrin zu agieren imstande ist. In Leverkusen wissen sie seit der wechselvollen Episode unter dem zur Selbstgefälligkeit neigenden Pressinglehrmeister Roger Schmidt, dass ein Trainer eine Mannschaft so komplett verlieren kann. Insoweit ist die neue Leverkusener Versuchanordnung eine durchaus wagemutige. 

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare

Liebe Leserinnen und Leser,

wir bitten um Verständnis, dass es im Unterschied zu vielen anderen Artikeln auf unserem Portal unter diesem Artikel keine Kommentarfunktion gibt. Bei einzelnen Themen behält sich die Redaktion vor, die Kommentarmöglichkeiten einzuschränken.

Die Redaktion