+
Jann-Fiete Arp, der Hoffnungsträger vom Hamburger SV, steht bald beim FC Bayern unter Vertrag.

Fußball-Nachwuchs

Gnade der frühen Geburt

  • schließen

Die deutsche Nachwuchsförderung muss auf dem Prüfstand: Wer im ersten Halbjahr geboren ist, hat deutliche bessere Chancen, Fußballprofi zu werden.

Die seit Mai 2018 in Kraft getretene EU-Datenschutzverordnung verbietet es dem Deutschen Fußball-Bund (DFB), auf seiner Homepage die Geburtsdaten noch nicht volljähriger Personen darzustellen. Mal abgesehen davon, dass sich solche Merkmale mühelos über die Personensuche im Internet auftreiben lassen, wird damit ungewollt ein gravierendes Problem im deutschen Nachwuchsbereich verschleiert. Es ist so auffällig, dass nicht allein Talent, Fleiß und Hingabe, sondern offenbar auch das Geburtsdatum die Auswahl für die U-Nationalmannschaften beeinflusst, dass DFB-Präsident Reinhard Grindel diesen Fakt wiederholt ungefragt anspricht.

„Wir müssen darüber reden, wie wir uns in der Abstimmung der U-Nationalmannschaften und Nachwuchsleistungszentren besser aufstellen können. 70 Prozent deren Spieler sind in den ersten sechs Monaten eines Jahres geboren“, sagte der Verbandschef beispielsweise vergangenen Sonntag bei einem Talk in Frankfurt und folgerte: „Wir schöpfen offenbar den Talentepool nicht richtig aus, weil Trainer dazu neigen, in der Jugend sehr schnell auf den kurzfristigen Erfolg zu schauen statt auf die langfristige Entwicklung eines Spielers. Deswegen haben die älteren Spieler einen Vorteil. Das geht von der U7 bis U8 bis über die U13, U 14.“

Akteure aus der ersten Jahreshälfte dominieren in den deutschen Auswahlteams. Von der U19-Nationalmannschaft, die im November vergangenen Jahres ein Vier-Nationen-Turnier in Armenien bestritt, waren 18 der 21 Akteure von Januar bis Juni geboren. Ganz ähnlich die Altersstruktur der U18-Auswahl, die jüngst ein Winterturnier in Israel bestritt: Hier kamen 15 der 22 nominierten Akteure aus der ersten Jahreshälfte. Prominentestes Beispiel aus diesen Jahrgängen ist Jann-Fiete Arp. Der Hoffnungsträger vom Hamburger SV steht spätestens ab 2020 beim FC Bayern unter Vertrag. Geboren ist der Mittelstürmer am 6. Januar 2000 – und besaß damit immer einen signifikanten Vorteil gegenüber den meisten Konkurrenten seines Jahrgangs. Könnte eine stagnierende Entwicklung des Top-Torjägertalents damit zusammenhängen, dass dieser Vorschuss aufgebraucht ist? Arp als Prototyp, der vom ungleichen Fördersystem profitiert hat?

Statistische Erhebungen zu diesem Phänomen fallen auch in anderen Ländern und Sportarten wenig schmeichelhaft aus. Aber speziell der Fußball mit seinem angeblich so ausgeklügelten Sichtung liefert erschreckende Zahlen von fehlender Chancengleichheit innerhalb eines Jahrgangs, wie eine Erhebung der Transfermarkt-Datenbank zeigt: So wurden bereits 2016 von 84 eingesetzten Spielern der U16-Nationalmannschaft nur neun im dritten und gar nur ein einziger im vierten Quartal geboren. Kaum anders sah es in den Folgejahren aus.

Für Wissenschaftler sehen darin keinen Zufall, sondern einen Zusammenhang mit dem „relativen Alterseffekt“ (RAE). Dieser beschreibt den Vorsprung, den ein früh im Jahr geborenes Kind gegenüber einem später im selben Jahr geborenen hat. Auf dem Höhepunkt der Pubertät können zum kalendarischen Altern plus/minus zwei Jahre biologischen Alters hinzukommen, stellt Professor Martin Lames vom Lehrstuhl für Trainingswissenschaft und Sportinformatik der TU München heraus. Für ihn steht fest, dass die weiter entwickelten Jugendlichen bei den ständigen Auswahlprozessen des Leistungsfußballs besser vorankommen. Im Hauen und Stechen um Förder- oder Internatsplätze setzt sich nur die Leistungsspitze durch – oft die mit dem relativen Alterseffekt. „Zweitens ist die Leistungsstruktur im Fußball so, dass man sich körperlich gegen den Gegner durchsetzen muss. Das funktioniert natürlich besser, wenn man einen kräftigen Körper hat.“ In jungen Jahren wohlgemerkt.

Der DFB ist alarmiert. „Wir müssen in der Arbeit der Nachwuchsleistungszentren ansetzen. Das passiert mit dem Direktor Oliver Bierhoff, dem sportlichen Leiter Joti Chatzialexiou und dem neuen Koordinator der U-Nationalmannschaften Meikel Schönweitz“, sagte Grindel. Der ehemalige U19-Nationaltrainer Schönweitz hat die Causa schon mehrfach thematisiert und diskutiert – und negiert sie nicht, wenn es darum geht „die stärksten Spieler eines jeweiligen Jahrgangs zu berücksichtigen“.

Schönweitz verwies allerdings darauf, dass die Weltmeister Mats Hummels, Jerome Boateng, Thomas Müller oder Mesut Özil allesamt im September oder später geboren sind. Gleichwohl: Ein November- oder Dezember-Talent hat statistisch gesehen deutlich geringere Chancen, sich den Traum vom Fußballprofi zu erfüllen. Nur 54 bzw. 46 Spielern mit deutscher Nationalität aus diesen Geburtsmonaten spielten 2018 in der ersten oder zweiten Bundesliga. Aber alleine 140 aus dem Januar, 96 aus dem Februar, 114 aus dem März. Diese Zahlen lügen nicht.

Der Verband hat nun Perspektivkader eingeführt, indem speziell einmal im Halbjahr ausschließlich Spieler eingeladen werden, „die in der zweiten Jahreshälfte geboren sind oder in ihrer körperlichen Entwicklung retardiert sind“ (Schönweitz). Aber reicht diese Plattform? Wenn solche jungen Kicker einmal durchs Rüttelsieb rauschen, können sie ohne die spezielle Förderung die Nachteile später kaum mehr aufholen. In der kommenden Woche stellt die Führungsriege aus der Bierhoff-Direktion die aktuellen Projekte, Reformen und Visionen vor, um den deutschen Fußball zurück in die Weltspitze zu führen. Auswahl, Förderung und Entwicklung der rarer gewordenen Talente wieder unabhängiger vom Geburtszeitpunkt zu machen, müsste auf der Agenda ziemlich weit oben stehen.

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare