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Eine Bank in der Abwehr: Giorgio Chiellini.
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Eine Bank in der Abwehr: Giorgio Chiellini.

Methusalem unter den Raubeinen

Gladiator und Denker

  • Thomas Kilchenstein
    VonThomas Kilchenstein
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Eine italienische Abwehr ohne Ritter Giorgio Chiellini, den härtesten aller eisenharten Verteidiger, ist kaum vorstellbar. Er hat die Kunst des Verteidigens auf ein höheres Level gehievt.

Vor einiger Zeit haben sich die „11 Freunde“ im Spaß gefragt, was der eisenhärteste Verteidiger im Weltfußball so alles in seiner Freizeit tut. Natürlich war Giorgio Chiellini gemeint, seit Jahrzehnten unerbittlich knüppelhart bei Juventus Turin und der Squadra Azzurra am Grätschen, und sie hatten auch ein paar Ideen: leer stehende Häuser niederreißen, gegen Eisenbahnschwellen treten, Straßen mit dem Presslufthammer bearbeiten, so Sachen halt. Sie hätten nicht mehr daneben liegen können.

Aber es stimmt schon. Bei kaum einem anderen kontrastieren Auftritte auf dem Rasen so sehr mit jenen daneben. Auf den ersten Blick würde man nicht darauf kommen, dass Giorgio Chiellini, dessen hakennasige Grobkörnigkeit martialische Fantasien leicht weckt, in seiner Freizeit nicht nur Bücher liest, sondern auch schreibt, dass er nach einem BWL-Studium an der Universität Turin einen Bachelor-Abschluss summa cum laude hat (über das „Businessmodell von Juventus Turin“) und ein ausgewiesener Gentlemen ist, höflich mit geschliffenen Manieren. Er stammt aus einer wohlhabenden Familie, Vater Orthopäde, Mutter Geschäftsführerin. Das Buch hat er (gemeinsam mit einem Journalisten) über Gaetano Scirea geschrieben, „Der schwarz-weiße Engel - mein Meister Scirea“, seinem großen Vorbild in allem, in Auftreten, im Verteidigen. Scirea spielte ebenfalls bei Juventus Turin, er gehörte zur WM-Elf, die 1982 in Spanien den Titel gewann (nach einem 3:1 über Deutschland) und der im Alter von nur 36 Jahren bei einem Autounfall starb. Sein zweites Buch ist seine Autobiografie „Io, Giorgio“.

Professor Grätsche

Auch Chiellini, in Pisa geboren und in Livorno fußballerisch groß geworden, ist 36. Und noch immer eine unverzichtbare Säule im italienischen Bollwerk, ein Kapitän wie im Buche, sowohl bei Nationalcoach Roberto Mancini als auch bei Juve, wo sein vor einigen Tagen ausgelaufener Vertrag um ein weiters Jahr verlängert werden soll. Eine Squadra Azzurra ohne Chiellini und ohne seinen kongenialen Partner Leonardo Bonucci ist eigentlich nicht vorstellbar. Beide, in Italien „Senatoren“ genannt, ergänzen sich perfekt, spielen seit Jahrzehnten zusammen, verstehen sich blind, „wir brauchen uns nicht einmal mehr anzusehen“, hat Chiellini, der um zwei Jahre Ältere, unlängst gesagt. Sie haben die eh schon hohe italienische Kunst des Verteidigens noch einmal auf ein höheres Level gehievt.

Vor ein paar Jahren hat der Trainer Jose Mourinho, nachdem er mit Manchester United an der stählernen Abwehrmauer der beiden Urgesteine zerschellt war, gesagt, „Mr. Bonucci und Mr. Chiellini könnten an der Harvard Universität einige Lektionen unterrichten, wie ein zentraler Verteidiger spielen muss. Absolut fantastisch.“

Vier Nasenbrüche

Auch bei diesem Turnier ist auf das abwehrende Duo Verlass. Chiellini, der 109 Länderspiele auf dem Buckel und in 17 Jahren Juventus mehr als 400 Spiele in der Serie A absolviert hat, konnte es sich in den Gruppenspielen sogar leisten, in die Offensive zu gehen. Gerade im ersten Spiel gegen die Türkei sah man ihn, wegen der absoluten Harmlosigkeit des Gegners hinten komplett unterfordert, oft ziemlich weit vorne.

Gegen die Schweiz erzielte er sogar einen Treffer, der aber wegen eines minimalen Handspiels von ihm annulliert wurde. In dem Spiel verletzte er sich später leicht, musste pausieren. War es deswegen verwunderlich, dass Italien im Achtelfinale gegen Österreich ohne den Haudegen erstmals nach zwölf Spielen zu Null ein Gegentor kassierte?

Im Viertelfinale gegen Belgien war die Grätsche auf zwei Beinen wieder obenauf, und wie. Romelu Lukaku, der Wuchtbrumme, gestattete der grimmige Wadenbeißer nur ein Tor aus elf Metern, da durfte er ihn auch nicht stören. Aber dass Mancini diese aggressive Naturgewalt nach der Verletzung sofort wieder gegen einen der besten Angreifer nominiert, sagt alles über dessen Qualität.

Und Familienmensch Chiellini, zwei Töchter, ist einer, den auch Verletzungen nicht zurückwerfen. Und davon gab es viele, Kreuzbandrisse, vier Nasenbrüche, und immer wieder muskuläre Probleme, „aber ihn bekommt man nicht klein“, sagt Mancini. Selbst die Zähne des Uruguayers Luis Suarez bei der WM 2014 in seine Schulter konnten den Fahrensmann nicht stoppen. Immerhin ist ihm bereits der Titel Ritter verliehen worden, der Verdienstorden der italienischen Republik.

Nur ein Titel mit der Squadra Azzurra fehlt dem Methusalem unter den Raubeinen noch, Vize-Europameister 2012 ist er mit Italien geworden, sonst gab es für ihn mit der Nationalmannschaft nichts zu erben. Ganz anders als mit Juventus Turin, da hat auch er alles abgeräumt, was es an Pokalen zu holen gab. Spanien heute Abend im Halbfinale soll nur eine weitere Hürde sein, die es zu überwinden gilt.

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