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Gladbacher Selbstdemontage

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Von: Ingo Durstewitz

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Die große Leere: Borussia Mönchengladbach geht schweren Zeiten entgegen. dpa
Die große Leere: Borussia Mönchengladbach geht schweren Zeiten entgegen. dpa © dpa

Borussia Mönchengladbach zeigt beim 2:3 in Stuttgart eine desolate Leistung, zerfleischt sich gegenseitig und taumelt dem Abgrund entgegen.

Eigentlich war der meinungsfreudige Mönchengladbacher Führungsspieler Christoph Kramer darauf bedacht, Schadensbegrenzung zu betreiben und seinem Torwart Yann Sommer ein klein wenig den Wind aus den Segeln zu nehmen. Der hatte nämlich nach dem Tiefschlag von Stuttgart (2:3 nach 2:0) ganz schön gewütet. Das hörte sich bei Sky genau so an: „In der zweiten Halbzeit waren die eine Klasse besser als wir – in allen Belangen.“ Und: „So kannst du keine Bundesligaspiele gewinnen.“ Auch das noch: „Sie haben uns vorgeführt.“ Das wollte Kollege Kramer so nicht stehen lassen. Eigentlich. „Vorführen ist immer ein hartes Wort“, sagte er – und holte zu einem Rundumschlag an, der sich gewaschen hatte und in einer gnadenlosen Generalabrechnung mündete.

In selten gehörter Offenheit nagelte der Ex-Nationalspieler seine eigene Mannschaft an die Wand, weil diese eine leidenschaftslose Darbietung zeigte, es nicht schaffte, beim Tabellensiebzehnten aus Stuttgart einen 2:0-Vorsprung durch Alassane Plea (14.) und Marcus Thuram (35.) über die Runden zu bringen und sich durch Treffer von Wataru Endo (38.), Chris Führich (51.) und Sasa Kalajdzic (83.) geschlagen geben musste. „Ich weiß auch nicht, wer uns hilft, vielleicht der liebe Gott“, zischte Kramer und stellte nüchtern fest: „Wir haben wirklich gerade 1000 Baustellen. Es ist total schwer, positiv zu bleiben.“ Ein Klub zerlegt sich selbst, die Selbstdemontage ist in Gange.

Die Borussia schleppe ganz schweren Ballast mit sich herum, es fehle im Grunde an allem. Das Team könne einen Gegner weder hoch anlaufen und ihn unter Druck setzen, noch könne es tief stehen und gut verteidigen. „Viererkette oder Fünferkette, das ist alles egal“, polterte Kramer. „Dafür, dass wir es so tief angegangen sind, sah es vielleicht kompakt aus, aber man hatte nicht das Gefühl, dass es kompakt war. Wir stehen mit allen elf Mann in der eigenen Hälfte, aber richtig guten Zugriff bekommen wir trotzdem nicht. Sie spielen an unserem Sechzehner, wie sie wollen.“ Ein ganz bedenkliches Zeugnis.

Hütter darf weiter werkeln

Kramer übte nicht mal besonders versteckt Kritik an Trainer Adi Hütter. „Nach dem Spiel ein Spiel zu erklären, ist einfach. Aber wir müssen gucken, dass wir vor den Spielen so viel tun, dass uns so was nicht passiert. Wir müssen vor den Spielen das Richtige machen.“ Bleibt die Frage, was sie denn tun vor den Spielen, die Gladbacher?

Ihr Auftritt war fragwürdig, die Leistung desolat, daran ändern auch die beiden schön herausgespielten Tore nichts. Schon im ersten Abschnitt war es nur Torwart Sommer zu verdanken, dass die Elf vom Niederrhein nicht schon empfindlich zurücklag. Im zweiten Durchgang wurde sie förmlich überrollt, hatte dem Sturmwirbel der Schwaben nichts entgegenzusetzen.

Bezeichnend für die blutleere Vorstellung war das Abwehrverhalten von Bocklos-Stürmer Marcus Thuram, der sich in der Schlussphase von Borna Sosa einfach überlaufen lief, als Krönung der Passivität auch noch stehenblieb und unbeteiligt zusah, wie das Unheil seinen Lauf nahm: Hereingabe Sosa, Abschluss Kalajdzic, 3:2, Knockout. Eine Szene mit Symbolkraft. „Wir hatten jetzt viele Momente, in denen wir auseinandergefallen sind“, gibt Keeper Sommer zu bedenken.

Diese Gladbacher Mannschaft, und das sollte den Verantwortlichen zu denken geben, ist keine Einheit mehr. Das räumte Christoph Kramer unumwunden ein. „Jeder, der jetzt sagt, die Leidenschaft fehlt, Grüppchenbildung, haste nicht gesehen – jeder hat Recht“, gestand der Mittelfeldmann. Das Ensemble ist eine Ansammlung – eigentlich sehr fähiger – Individualisten, aber keine verschworene Gruppe.

Erschwerend kommt hinzu, dass Trainer Hütter Probleme hat, die heterogene Mannschaft bei der Stange zu halten, er hat weite Teile der Kabine verloren, weil er die Grüppchenbildung nie hat aufbrechen können. Er ist kein verbindendes, ausgleichendes Element, er schafft es nicht das auseinandergedriftete Ensemble zu einen. Dennoch darf der für 7,5 Millionen Euro aus Frankfurt gekommene Coach weiter werkeln – vielleicht genau wegen dieser exorbitanten Summe? Es gebe keinen Notfallplan auf der Trainerposition, sagte der neue Sportdirektor Roland Virkus. „Es ist immer einfach, den Trainer zu hinterfragen.“ Dann also einfach weiter so. Viel mehr als das Prinzip Hoffnung bleibt somit nicht.

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