Eurapokalaus für die Borussia

Gladbach nach der Schockstarre

  • schließen

Mühsam versucht Gladbach, dem vermeidbaren Europapokal-Aus etwas Positives abzugewinnen.

Laufen die Dinge rund, ist Stefan Lainer einer der impulsivsten Gladbacher Kommentatoren. Nach Erfolgen streift der kräftige, 1,75 Meter große Österreicher im Tiefgeschoss des Borussia-Parks schon mal sein Trikot über den Kopf und formuliert mit blankem Oberkörper markige Sätze. Bereits Ende Oktober, nach dem 4:2 gegen Frankfurt, gestattete der 27-jährige Außenverteidiger den Borussen-Fans als erster im Klub offiziell Tagträume von der Meisterschale. Ähnlich gezielt bewegte sich der Neuzugang aus Salzburg nun auch am anderen Ende der Gefühlsskala – als fast alle Teamkollegen nach dem Last-Minute-Aus auf internationaler Bühne in Schockstarre verfallen waren.

Denn während die Gäste von Basaksehir Istanbul noch ihren 2:1-Siegtreffer aus der 91. Minute feierten, der sie in die Zwischenrunde der Europa League bugsiert und die Gladbacher jäh aus dem Wettbewerb befördert hatte, kamen Lainer bereits die drei Tore der Borussia in früheren Nachspielzeiten in den Sinn: Erzielt in den beiden Partien gegen den AS Rom (einen unberechtigten Handelfmeter in der 95. Minute inklusive) und beim 1:1 im Hinspiel in Istanbul. Das machte zusammen vier der acht Punkte der Niederrheinischen aus. Weswegen der schicksalsergebene Lainer auch anmerkte: „Am Ende war unser Glück in der Gruppenphase vielleicht schon aufgebraucht.“

Aufgebraucht in einem Spiel, in dem Borussen-Torwart Yann Sommer den Gästen unmittelbar vor der Pause mit einem groben Schnitzer den Ausgleich schenkte, ehe die Gladbacher nach der Pause diverse Großchancen ausließen – und im entscheidenden Moment auch noch Istanbuls Mittelstürmer Enzo Crivelli aus den Augen verloren. Ihre große Lust auf Europa können sie deshalb frühestens in einem Dreivierteljahr wieder stillen. Was Marco Rose mit belegter Stimme kommentierte: „Ein bitterer Abend. Die Enttäuschung ist sehr groß, dementsprechend ist die Stimmung in der Kabine.“

Kraft für den Titelkampf

Am Freitag wollte sich Borussias Cheftrainer mit den Spielern zusammensetzen „und die Dinge besprechen, die wir beeinflussen können“. Das ist – nach dem frühen Aus im DFB-Pokal vor sechs Wochen – nun allein noch die Bundesliga. Dort ist Roses Team Spitzenreiter, tritt am Sonntag in Wolfsburg an – das gerade, da bereits vorher qualifiziert, einen geruhsamen Europacupabend gegen St. Etienne hinter sich gebracht hat.

„Spätestens am Samstag beim Abschlusstraining werden wir die Dinge wieder angehen. So funktioniert das, glaube ich“, sagte Rose. Es klang allerdings, als sei er sich selbst nicht sicher, ob seine Mannschaft den psychologischen Tiefschlag vom Donnerstagabend tatsächlich so zügig überwindet. Denn: „Mit dem zweiten Gegentor ist uns gegen Basaksehir passiert, was uns nicht hätte passieren dürfen. Wir haben ein wichtiges Spiel verloren, ein Ziel verpasst. Das fühlt sich nicht gut an.“

Einige Stiche wird die Erinnerung an den dramatischen Dezemberabend den Gladbachern auch im Februar noch mal versetzen. Dann starten die anderen sechs deutschen Europacup-Teilnehmer in die K.o.-Runde, der Stammplatz der Borussia hingegen wird das Trainingsgelände sein. Denn passé ist nun auch die Möglichkeit, allen Mitgliedern des eigenen Luxuskaders – speziell in der Offensive – dank regelmäßiger Rotation unter der Woche und am Wochenende den nötigen Auslauf zu verschaffen.

Dieses Manko sieht auch Marco Rose am Horizont heraufziehen. „Wir hätten im Frühjahr lieber noch ein paar Spiele gehabt, um alle spielen lassen zu können“, erklärte der gebürtige Leipziger, der ahnt: „Jetzt wird das ein richtig harter, guter Konkurrenzkampf. Aber auch das werden wir hinkriegen.“ Zumal in dem vermeidbaren Bye-bye aus Europa auch eine Chance für das Borussen-Ensemble schlummert: Wenn sich die Titelkonkurrenz aus Leipzig, Dortmund und München im neuen Jahr in der Champions League gegen die kontinentale Prominenz abrackert, können die Gladbacher regelmäßig Kräfte sammeln.

Ein zumindest theoretischer Vorteil, den es im Fall der Fälle zu nutzen gilt. „Wir haben in dieser Saison schon gezeigt, dass wir solche Rückschläge verarbeiten können“, machte Angreifer Patrick Herrmann allen Beteiligten am ultimativen Tiefpunkt jedenfalls schon mal Mut. Und Mittelfeldkollege Denis Zakaria meinte lapidar: „Wir müssen jetzt an die Meisterschaft denken – und fertig.“

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare

Liebe Leserinnen und Leser,

wir bitten um Verständnis, dass es im Unterschied zu vielen anderen Artikeln auf unserem Portal unter diesem Artikel keine Kommentarfunktion gibt. Bei einzelnen Themen behält sich die Redaktion vor, die Kommentarmöglichkeiten einzuschränken.

Die Redaktion