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Gigantische Sensation

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Von: Günter Klein

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Bedient: Lionel Messi.
Bedient: Lionel Messi. © afp

Gruppe C „Komplett verrückt“: Saudi-Arabien schlägt Messis Argentinier.

Fußball ist, und das hat sich wieder bestätigt, politisch. Hervé Renard, der Franzose, der seit drei Jahren die saudi-arabische Nationalmannschaft trainiert, dankte für die Unterstützung aus Regierungskreisen. „Wir hatten eineinhalb Monate Vorbereitung, vor zwei Wochen besuchte uns der Sportminister – und er hat keinerlei Druck auf uns ausgeübt. Sonst würde es mit uns auch nicht funktionieren.“

Fußball in Saudi-Arabien ist aber auch tiefreligiös. Man sieht es an Mohammed Al-Oweis, dem Torhüter, der fast jeden Ball wegfischte und darüber sprechen könnte, was für ein toller Hecht er ist. Doch er sagt: „Im Namen Gottes: Ich bin glücklich. Dank Gott haben wir gewonnen.“ Und „besonders in den letzten Minuten habe ich gefühlt, dass wir dadurch gut sind.“

Das also ist die saudi-arabische Sichtweise auf eine der größten sportlichen Sensationen in der WM-Geschichte, vergleichbar in etwa mit: Nordkorea schlägt Italien, 1966. „Wir haben etwas in die Bücher geschrieben“, sagt Trainer Renard. Nämlich einen 2:1 (0:1)-Sieg über Argentinien. Den WM-Favoriten, der, wie Renard erinnert, „36 Spiele nicht verloren hat“. Und bei dem Lionel Messi seinen letzten Anlauf auf den größten Titel nimmt. „Doch im Fußball“, erläuterte Renard, „passieren Dinge, die komplett verrückt sind.“

Wie nun mal eben dieses Spiel, das den vorgegebenen Lauf zu nehmen schien: Frühe argentinische Führung durch Lionel Messi (10.), der Superstar verwandelte einen Foulelfmeter. In der 23. Minute bejubelte er sein zweites Tor, doch es wurde wegen Abseits abgewunken. Gleiches passierte – einmal nach Sichtung durch den Videoschiedsrichter – auch in der 27. und 35. Minute. Lautaro Martinez hatte sich nach Pässen des großen Meisters am Saudi-Torwart vorbeigedribbelt – doch kein Tor galt.

„Zwei Torschüsse gab es von Saudi-Arabien“, zählte Lionel Scaloni mit, der Erfolgstrainer der Argentinier. Und wenn ein Coach diese Statistik anführt, ist das immer ein Beleg dafür, dass sich das Spielgeschehen nicht im Resultat ausdrückt.

Superstar tadelt Kollegen

Es waren zwei starke Einzelleistungen von Saleh Al-Shehri und Salem Al-Dawsari (48. und 53.), die alles veränderten. Der zuvor zaubernde Messi stand, als das 1:2 gegen sein Team fiel, fernab des Geschehens im Mittelkreis und mit Gestik, die Tadel ausdrückte für die Arbeit der anderen in der Defensive. Er selbst fühlt sich da nicht zuständig.

Hervé Renard ging auf Messis Rolle ein: „Er würde gegen Brasilien sicher anders spielen als gegen uns.“ Der Sieger verteidigte die Besiegten: „Das kommt vor. Uns geht es auch so, wenn wir gegen Mannschaften antreten, die unter uns stehen.“ Entschieden sei nichts. „Man kann das erste Spiel gewinnen und ausscheiden – oder das erste verlieren und Weltmeister werden.“

„Wir müssen zurückschlagen und zwei Spiele gewinnen“, blickte Scaloni voraus auf Mexiko und Polen. Er hofft, dass beide Gegner die Abseitsfalle nicht so beherrschen wie die Saudis. Denn man kommt heutzutage nicht mehr durch, wenn es knapp ist, alles wird seziert. „Fußball“, sagt Scaloni, „ist technologisch.“ Das auch.

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