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Gianni Infantino

Kommentar vor Wahl des Fifa-Präsidenten

Gianni Infantino: Scheiternder Sieger

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Gianni Infantino wird weiter Fifa-Präsident bleiben, er hat bei der Wahl am Mittwoch nicht mal einen Gegenkandidaten. Ein Kommentar.

Eine Ohrfeige, ein Nackenschlag, sogar ein Stich ins Herz – nicht einmal zwei Wochen ist es her, da musste Gianni Infantino ziemliche körperliche Qualen erleben. Zumindest, wenn man den Titeln europäischer Sportgazetten glauben durfte. Da wurde der große Fifa-Boss auf einmal ganz klein geschrieben. Medial abgewatscht für seine Fehleinschätzung, mal eben bis 2022 aus einer WM eine Riesen-WM machen zu können. Doch Gastgeber Katar hatte auf die Schnelle keinen passenden Co-Gastgeber gefunden, um künftig 48 statt nur 32 Nationen den Zugang zum Kreis der besten Fußballer zu gewähren.

Gianni Infantino, diesen Eindruck erweckten die sprachlichen Bilder, muss in diesen Tagen Ende Mai ein ganz schön armer Kerl gewesen sein, am Boden liegend, die Wange rot, bedauernswert. Hahaha, guter Witz. Denn obwohl die geplatzte Mammut-WM in Katar ein Rückschlag für den Schweizer war, hat er doch mehrfach bewiesen, dass ihm das nichts anhaben wird. Während seinem dreijährigen Wirken als Fifa-Präsident erlebte er ähnliche Entwicklungen häufiger. Auch das Angebot für den Verkauf zweier Wettbewerbe (Weltweite Nations League und Klub-WM, die nun übrigens für 2019 und 2020 an – hört, hört! – Katar vergeben wurde) sowie diverse Rechte für 25 Milliarden Dollar wurde vom Fifa-Council zweimal abgeschmettert. Und doch wird Infantino am Mittwoch in Paris als Präsident des Weltverbands bestätigt, die 211 Mitgliedsländer haben gar keine andere Wahl. Wortwörtlich – denn es gibt keinen Gegenkandidaten. Schade eigentlich, treten deshalb auch wohlklingende Exoten wie Tokyo Sexwale (stand 2016 zur Wahl) nicht an. Aber das nur nebenbei.

Infantinos Machtkonstrukt Infantino jedenfalls hat die Fifa, mehr noch als Vorgänger Sepp Blatter, zur One-man-Show umgemodelt. Er hat viele Mitarbeiter in der Züricher Zentrale ausgetauscht. Auch die Aufpasser der Ethikkommission, die einst Blatter und Uefa-Chef Michel Platini sperrten, durften nicht weitermachen. Die Reformen, die bei Infantinos Antritt 2016 den Weltverband ethisch fit für die Zukunft machen sollten? Abgeschafft. Ein zentraler Punkt des wachsenden Machtkonstrukts ist die unter Blatter begonnene und unter Infantino vorangetriebene Abkehr von Europa. Das Geld ist woanders zu holen. So konnte die Fifa den Abgang westlicher Sponsoren damit ausgleichen, dass nun Katar Airways zu den sechs Topunterstützern zählt. Auch die chinesische Wanda-Gruppe.

Der Weltverband steht finanziell so gut da wie nie, hat in den vergangenen drei Jahren einen Rekordumsatz von 6,4 Milliarden Dollar gemacht und gleich die Zuwendungen für Zwergverbände wie Laos und Guam vervierfacht. Diese Stimmen hat Infantino sicher. Und die europäischen Verbände? Der DFB? Die bewegen sich mitnichten immer auf der Linie des Präsidenten, doch konnten sie sich bisher nicht auf eine einheitliche, konträre Ausrichtung verständigen und auch nicht auf einen gemeinsamen Gegenkandidaten.

Gianni Infantino, ein Mann der manchmal scheitert und doch am Ende der große Sieger ist, bleibt Fifa-Präsident. Leider kein Witz.

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