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Abpfiff: Auf dem Sportplatz der FSV Münster wird so schnell kein Spiel der Ersten Mannschaft mehr ausgetragen.

Gewalt gegen Schiedsrichter

Lange Sperre für den Schläger von Münster

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Der Gladbacher Profi Christoph Kramer über den Höhenflug der Borussia, die Bundesliga als Unterhaltungsbranche und die WM in Katar, die mit Fußball-Romantik gar nichts zu tun habe.

Die Geschehnisse in der Partie der Kreisliga C Dieburg hatten vor knapp vier Wochen bundesweit für Schlagzeilen gesorgt. Unter anderem in den Hauptnachrichtensendungen sahen Millionen Fernsehzuschauer das Handyvideo, auf dem deutlich erkennbar ist, wie Münsters Spieler Hayri G. Schiedsrichter Nils Czekala (GSV Breitenbrunn) bewusstlos schlägt, nachdem dieser ihm die Gelb-Rote Karte gezeigt hat. Vom bundesweiten Interesse blieb am Mittwoch bei der Verhandlung des Kreissportgerichts im Sitzungssaal der Spachbrückener Mehrzweckhalle noch ein „Spiegel“-Reporter und dessen Fotograf übrig. Ansonsten waren die Vereinsvertreter und Entscheidungsträger des Dieburger Fußballkreises, von denen sich einige nach den Vorfall einem großen Medieninteresse ausgesetzt sahen, weitgehend unter sich.

Das Handyvideo der Tat wurde zu Beginn der Verhandlung noch einmal gezeigt. „Das Video sagt eigentlich alles“, sagte Helmut Biegi (KSG Georgenhausen), der Vorsitzende des Kreissportgerichts, knapp 90 Minuten später in seiner Urteilsbegründung. „Wir gehen davon aus, dass die Tätlichkeit bewusst und gewollt ausgeführt wurde“, sagte Biegi zu Hayri G., der wie sein Opfer zur Verhandlung erschienen war. „Sie haben den Schlag so ausgeführt, dass sie abgesprungen und dann tänzelnd weggelaufen sind. Das passt eher in den Boxring, aber nicht auf den Fußballplatz.“ Die Tätlichkeit gegen den Schiedsrichter sei als besonders schwerer Fall nach Paragraf 25, Absatz 3 der Strafordnung des Hessischen Fußballverbandes zu ahnden.

Mit der dreijährigen Sperre schöpfte das Kreissportgericht den Strafrahmen voll aus. Die Vorfälle vom 27. Oktober müssten, so Biegi, insbesondere da es gegen den „Schiedsrichter als neutrale Person unseres Fußballspiels“ gegangen sei, „aufs Allerschärfste“ geahndet werden. Hayri G., der sich auch noch in einem Strafprozess verantworten muss, machte zum Ablauf der Geschehnisse auf dem Platz keine Angaben.

Er drückte aber sein Bedauern aus: „Ich habe einen Fehler gemacht, ich entschuldige mich dafür. Ich bereue die Tat. Es ist passiert, leider kann ich die Zeit nicht mehr zurückdrehen“, sagte G., der von der FSV Münster aus dem Verein ausgeschlossen wurde. Er werde „auf jeden Fall“ noch auf Schiedsrichter Nils Czekala zugehen, um sich persönlich bei ihm entschuldigen.

Czekala, der nach dem Faustschlag bewusstlos war und mit dem Rettungshubschrauber ins Krankenhaus gebracht werden musste, geht es wieder besser. Das berichtete er am Beginn seiner Zeugenaussage. Er sei nur noch in dieser Woche krank geschrieben. An die Tat selbst kann sich der 22-Jährige nicht mehr erinnern, der Spielverlauf bis zur folgenschweren 85. Spielminute ist ihm aber präsent. Die erste Hälfte sei „ziemlich unspektakulär“ verlaufen.

Diskussionen habe es lediglich gegeben, als er einem Tor der Münsterer wegen einer Abseitsstellung die Anerkennung verweigerte. „Ich bin aber mit keinem schlechten Gefühl in die Pause gegangen“, so Czekala. In der zweiten Hälfte wurde Hayri G. eingewechselt. Im weiteren Spielverlauf habe ihn, so der Schiedsrichter, ein Semder Spieler darauf aufmerksam gemacht, dass dieser von G. bedroht worden sei.

Helmut Biegi stellte zu Beginn der Verhandlung in den Raum, dass die Formulierung „Ich bring dich um“ gefallen sein könnte. Eine Bedrohung konnten die anwesenden Zeugen nicht bestätigen, da sie davon nichts mitbekommen hätten. Der Semder Spieler, der sich von G. bedroht fühlte und ebenfalls als Zeuge geladen war, fehlte bei der Verhandlung aus beruflichen Gründen.

G. wurde zudem vorgeworfen, im Laufe der zweiten Hälfte hinter dem Rücken des Schiedsrichters eine Tätlichkeit gegen den Semder Spieler begangen zu haben. Da er die Aktion nicht gesehen hatte, habe er sie auch nicht ahnden können, so Czekala.

Jedenfalls sei die zweite Hälfte deutlicher hektischer und von vielen Foulspielen geprägt gewesen. Nach einer Stunde hatte bereits Münsters Spielertrainer die Gelb-Rote Karte gesehen. In der 85. Minute zeigte Czekala nach einem weiteren „ziemlich unnötigen“ Foulspiel G., der bereits verwarnt war, die Gelb-Rote Karte. Kurz darauf folgte der brutale Schlag.

Für Czekala nach wie vor völlig unverständlich. „Ich kann es mir bis heute nicht erklären.“ Von der FSV Münster hätte sich der Schiedsrichter gewünscht, dass in der zweiten Hälfte „mal ein Vereinsverantwortlicher auf die Mannschaft einwirkt“. Die Semder Spieler hätten sich vor dem Hintergrund, dass in der zweiten Hälfte einer ihrer Spieler wahrscheinlich Opfer einer Tätlichkeit geworden war, „sehr professionell und ruhig“ verhalten.

Die Entschuldigung der Verantwortlichen der FSV Münster im Nachgang sei „sehr ehrlich und respektvoll“ gewesen, sagte Nils Czekala. „Es tut mir auch leid, dass nun der ganze Verein darunter leidet, dass sich die Fußballmannschaft daneben benommen hat.“ Auch die Familie des Täters habe sich über seine Eltern bei ihm entschuldigt und wollte auch den Kontakt zu Hayri G. herstellen. Dazu sei es aber bislang nicht gekommen. „Ich habe erst einmal abgeblockt, da ich von der Situation überfordert war“, befand Nils Czekala.

Auch die FSV Münster wird bestraft

Da nach Paragraf 37 der HFV-Strafordnung auch der Verein, dessen Spieler einen Abbruch verursacht hat, mit in der Verantwortung steht, wurde die FSV Münster mit einem sechsmonatigen Spielverbot und einer Geldstrafe in Höhe von 500 Euro belegt. „Wir sind schon der Meinung, dass nicht alles getan wurde, um derartigen Aggressionen im Spiel frühzeitig Einhalt zu gebieten“, sagte Helmut Biegi in der Urteilsbegründung. Die 500 Euro Geldstrafe seien „ein deutliches Signal“. In der Verhandlung vor dem Kreissportgericht hatten der Vorsitzende Hans-Peter Samoschkoff und Fußball-Abteilungsleiter Hans Schwarzer die FSV Münster vertreten.

„Dass eine Strafe erfolgt, ist ganz klar und richtig“, sagte Samoschkoff zu Verhandlungsbeginn. Der Münsterer Vorsitzende betonte aber auch, dass der Verein nach Vorfällen in der Vergangenheit reagiert und auch präventive Maßnahmen ergriffen habe. So habe man die Spieler etwa in Mannschaftsbesprechungen sensibilisiert. Einige Akteure, darunter auch Hayri G., der den Schiedsrichter niedergeschlagen hat, seien in der Vergangenheit nach Platzverweisen über die Sperre des Verbandes hinaus auch noch vereinsintern gesperrt worden. „Als Denkanstoß, dass so ein Verhalten nicht geht“, wie es Hans Schwarzer formulierte. „Wir wollten klar stellen, dass der Verein reagiert und nicht tatenlos zugesehen hat. Mehr kann ein Verein nicht machen“, sagte Hans-Peter Samoschkoff.

Am 6. Oktober hatte die FSV im Spiel bei Kickers Hergershausen schon einmal einen Spielabbruch verschuldet, der in der Woche vor dem Semd-Spiel vor dem Kreissportgericht verhandelt worden war. „Vor dem Semd-Spiel war ich auch in der Kabine, habe gesagt: Männer, so geht das nicht, bringt Ruhe rein und spielt euren Fußball. Aber was sollen wir machen, wenn der Spieler raus geht und quasi austickt?“, fragte Abteilungsleiter Hans Schwarzer.

Im Laufe der Verhandlung hatte Tim Stehl, Referent Recht und Sportgerichtsbarkeit beim Hessischen Fußballverband, auf die sechs Roten Karten der FSV bis zum Semd-Spiel hingewiesen. Stehl hätte sich vom Verein ein noch konsequenteres Vorgehen, beispielsweise durch den Einsatz eines Konfliktmanagers, gewünscht. Der Verein werde das Urteil akzeptieren und nicht in Berufung gehen, sagte Hans-Peter Samoschkoff gestern auf Nachfrage. Der FSV-Vorsitzende wollte nicht ausschließen, dass man in Zukunft wieder eine Männermannschaft für den Spielbetrieb meldet. Im kommenden Sommer aber sehr wahrscheinlich noch nicht. 

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