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Bundestrainer Joachim Löw gratuliert dem neuen DFB-Präsidenten Fritz Keller.

DFB-Bundestag

Der DFB als Getriebener

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Am Verband zerrt es aus allen Richtungen, und er ist selbst schuld daran. Doch viele Führungspersönlichkeiten lassen selbstkritische Töne vermissen. Ein Kommentar.

Eines ist bei diesem DFB-Bundestag jedenfalls deutlich geworden: Der Deutsche Fußball-Bund ist ein Getriebener. Getrieben von Gerichten und Steuerbehörden wegen der noch nicht vollends aufgeklärten Sommermärchenaffäre. Getrieben von immer neuen Fragenkatalogen kritischer Medien; getrieben von den internationalen Verbänden Uefa und Fifa, die endlich mehr Kontinuität in der Zusammenarbeit erwarten; getrieben von Amateurvereinen, die die da oben nicht mehr recht verstehen, und von den Profiklubs und der Deutschen Fußball-Liga, die endlich so etwas wie Seriosität, Ruhe und Konstanz im Dachverband erkennen wollen; getrieben von der sportlich tiefen Delle sowohl bei den Nationalmannschaften der Männer, Frauen und im Nachwuchs als auch der weitgehend international abgehängten Bundesliga; getrieben vom Rücktritt des Präsidenten Reinhard Grindel im Frühjahr; getrieben von finanziellen Engpässen, weil das Finanzamt keine Gnade bei der Anerkennung der Gemeinnützigkeit mehr kennt; getrieben zuletzt auch von einem großen Betrugsfall in der Bandenwerbung von Länderspielen.

Insoweit hätte man sich in den Ansprachen der bedeutenden Verbandsvertreter, dem leitenden Vizepräsidenten Rainer Koch („Der DFB ist im Innersten zur Ruhe gekommen“) und dem Generalsekretär Friedrich Curtius („Unser Erscheinungsbild hat sich verbessert“) mehr selbstkritische Einordnung der Lage erwarten können. Koch hatte, immerhin, zumindest „Blessuren und Krankheiten“ des deutschen Fußballs registriert. Die deutlichsten Worte zum bedenklichen Zustand kamen aber vom vormaligen Ligachef Reinhard Rauball („Verlust der Glaubwürdigkeit“), vom neuen Präsidenten Fritz Keller („Vertrauensverlust an der Basis“) und vom Mitarbeitervertreter Bernd Barutta („Paralleluniversum“). Und natürlich ist es im Grunde ein Armutszeugnis, dass Schatzmeister Stephan Osnabrügge einräumen musste, der DFB müsse zeitnah endlich die Frage beantworten, wofür er eigentlich stehe.

Kein ganz schlechter Anfang von Keller

Verwunderlich mutete auch an, dass der begabte Finanzmann Osnabrügge nicht bereit war, anzuerkennen, dass der DFB als Verband Verantwortung für die dubiose 6,7-Millionen-Euro-Überweisung im Zuge der WM-Affäre 2006 zu tragen hat. Diese Schuld allein den damals handelnden Personen zu überantworten, ziemt sich nicht. Auch dann nicht, wenn man 22 Millionen Euro bereits gezahlter Nachversteuerung wieder hereinholen will.

In diesem Sinne hat der neue erste Mann Fritz Keller natürlich völlig Recht, es sei zu kurz gedacht, Vertrauensverlust in den Verband auf eine Person zu reduzieren. Keller meinte damit seinen als Gast im Auditorium anwesenden Vorgänger Reinhard Grindel. Der dürfte sich allerdings angesprochen fühlen, als Keller eine „neue Umgangskultur“ im Verband anmahnte.

Dass der kleine Kerl aus Freiburg bei seiner Antrittsrede anfangs eher wirr daherredete, ehe er sich langsam fing, war sicher der großen Aufregung geschuldet. Dann hörte man einen Mann, dessen Worte vor allem die eines Lobbyisten der kleinen Vereine und weniger der Profiklubs waren. Kein ganz schlechter Anfang für einen langjährigen Vereinschef eines Bundesligisten, um dem Verdacht entgegenzustehen, er nehme künftig eher den Blickwinkel der Profis ein.

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