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Gestörte Harmonie

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Von: Frank Hellmann

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Trifft verlässlich für Israel: Munas Dabbur (links). Foto: AFP
Trifft verlässlich für Israel: Munas Dabbur (links). © AFP

Die israelische Nationalmannschaft kommt nicht zur Ruhe: Der Trainer muss nach einem Streit mit dem Manager gehen, der arabischstämmige Stürmer Munas Dabbur wird von den eigenen Fans angefeindet.

Motti Psheatski kann immer wieder nur den Kopf schütteln. Der Fernsehjournalist vom israelischen Sender Sport5 ist nach Frankfurt geflogen, um über das Freundschaftsspiel von Israels Nationalmannschaft gegen Deutschland zu berichten. Doch tobte ausgerechnet vor dieser historisch noch immer bedeutsamen Begegnung ein fast schon lächerlicher Machtkampf. Wegen der Abstellung ihres Torwarttalents Daniel Peretz bekamen sich mit Nationaltrainer Marco Balbul und Sportdirektor Yossi Benayoun zwei befreundete Koryphäen des israelischen Fußballs derart in die Haare, dass Balbul kürzlich entlassen wurde.

Der 54-Jährige hatte darauf bestanden, dass der 21-Jährige Keeper für die Länderspiele des A-Teams gegen Deutschland und drei Tage später gegen Rumänien abgestellt würde. Benayoun, israelischer Rekordnationalspieler, der unter anderem beim FC Liverpool und FC Chelsea unter Vertrag stand, aber wollte das Torwarttalent von Maccabi Tel Aviv der U21-Nationalmannschaft überlassen, da diese parallel in der EM-Qualifikation gegen Polen und, wie der Zufall es will, am nächsten Dienstag ebenfalls gegen Deutschland antritt. Der deutsche, polnische und israelischen Nachwuchs balgen sich in einem Dreikampf um die Direktqualifikation.

„Ich habe versucht, Marco alles zu erklären: Wir müssen für die U21 alles geben. Israel hat nicht viele glückliche Momente mit seinen Nationalmannschaften erlebt, und jetzt haben wir mit dieser jungen Mannschaft eine solche Chance“, argumentierte der gerade erst zum Generalmanager bestellte 41-jährige Benayoun, nachdem zuvor der Österreicher Willi Ruttensteiner in Doppelfunktion als Trainer und Manager fungierte. Doch Balbul, sein früherer Mitspieler bei Maccabi Haifa, war nicht zu überzeugen – und der Streit nicht mehr zu schlichten. „In diesem Beruf muss man manchmal harte Entscheidungen treffen“, begründete der eine hohe Popularität genießende Benayoun den Rauswurf seines Freundes.

Jens Lehmann im Gespräch

Vorerst springen jetzt Gadi Brumer und Alon Harazi ein, zwei Nachwuchstrainer von der U17. Für eine Nachfolgelösung hat sich Israels Fußball-Verband (IFA) offenbar auch mit Jens Lehmann beschäftigt, so soll beim ehemaligen Nationaltorhüter nachgefragt worden, doch der bestens informierte Reporter Psheatski glaubt nicht, dass es zu einer Einigung kommt. Einfacher Grund: Mehr als 300 000 Euro Jahresgehalt will der Verband nicht locker machen.

Denn dass das nur auf Fifa-Weltranglistenplatz 77 geführte und einzig zur WM 1970 für ein großes Turnier qualifizierte Nationalteam nach vereinzelten Höhepunkten wie einem rauschhaften 5:2 in der WM-Qualifikation gegen Österreich im Mai 2021 immer wieder zu fast unerklärlichen Einbrüchen neigt, könnte auch damit zu tun haben, dass ein feiner Riss durch den Kader geht: zwischen der wachsenden Fraktion arabischstämmiger Spieler und dem Rest.

Ausgerechnet der für die TSG Hoffenheim spielende Mittelstürmer Munas Dabbur geriet zwischen die Mühlsteine, als er nach den schwere Ausschreitungen im vergangenen Jahr auf dem Tempelberg zwischen Juden und Muslimen, bei dem mehrere Araber verletzt wurden, ein Foto der Al-Aqsa-Moschee veröffentlichte, einer heiligen Stätte des Islam in Jerusalem, mit einem Zitat aus dem Koran auf Instagram veröffentlichte: „Denkt nicht, dass Gott die Taten der bösen Menschen ignorieren wird.“ Es folgte ein Shitstorm sondergleichen, denn diese Statement wurde ihm als Unterstützung der Hamas ausgelegt.

„Das war unglaublich, mich haben Personen aus dem ganzen Land angegriffen“, erzählte der in Nazareth geborene 29-Jährige im Vereinsmagazin der TSG Hoffenheim. „Ich wurde in den Heimspielen der Nationalelf ausgebuht.“ Dabbur dachte lange an Rücktritt – spielte aber weiter und traf seit dem Vorfall in fünf von sechs Länderspielen. Dass dieses Thema derzeit ruht, glaubt Psheatski, könnte auch damit zu tun haben, dass es mit Putins Krieg gerade ganz andere Probleme gibt. Davon ist Manor Solomon, einer der besten Fußballer des Landes, direkt betroffen. Der 22-jährige Jungstar stand beim ukrainischen Spitzenklub Schachtjor Donezk unter Vertrag, als er nach der russischen Invasion fluchtartig das Land verließ. Der bei fast 20 Millionen Euro Marktwert taxierte Mittelfeldspieler konnte sich zuletzt nur individuell fit halten, soll aber gegen Deutschland eine zentrale Rolle bekleiden, um auf andere Gedanken zu kommen.

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