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Will RB Leipzig noch weiter nach vorne bringen: Julian Nagelsmann.

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Gestiegene Ansprüche bei RB Leipzig

  • Frank Hellmann
    vonFrank Hellmann
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Mit dem Einzug ins Halbfinale der Champions League hat RB Leipzig die Messlatte ganz weit nach oben verlegt – das passt gut zum Trainer Julian Nagelsmann.

Ein Klub hat Blut geleckt. Mit der ersten Halbfinalteilnahme in der Champions League hat RB Leipzig eine neue Stufe erklommen. Nacheinander erst die Tottenham Hotspurs (vor Corona) und dann Atletico Madrid beim Endturnier in Lissabon (während Corona) ausgeschaltet zu haben, sorgte vor allem im Ausland für Bewunderung, wo fremdfinanzierte Gebilde auf weit weniger Ablehnung stoßen als hierzulande. Die Erfolge der vergangenen Spielzeit, zu der auch ein dritter Platz in der Fußball-Bundesliga und die Herbstmeisterschaft zählen, zeigen, dass die langfristig eingefädelte Verpflichtung von Trainer Julian Nagelsmann richtig war. Nebenbei haben Sportdirektor Markus Krösche und Vorstandschef Oliver Mintzlaff die Zügel abseits des Platzes so fest in der Hand, dass die Vertragsauflösung mit Baumeister, Ideengeber und Projektleiter Ralf Rangnick beinahe unterging.

Wie ist die Stimmung?

Immer dann war die Laune prächtig, wenn Erfolge gefeiert werden können. Nach dem Weiterkommen im Achtelfinale gegen die Tottenham Hotspur in einer ausverkauften Leipziger Arena war in den Gesichtern vieler Menschen immenser Stolz abzulesen, es so schnell so weit gebracht zu haben. Bei Nagelsmann schlug die Stimmung immer dann ins Gegenteil um, wenn unnötige Niederlagen zu beklagen waren wie im DFB-Pokal bei Eintracht Frankfurt. Dann wird der Coach zynisch, ja sogar ungenießbar und drischt gerne auch verbal auf seine Spieler ein. Den Trubel um unnötige Friseurbesuche einiger Profis im Winter bei einem Gastspiel in Frankfurt hätte sich der Verein auch lieber erspart.

Wie stark ist der Kader?

Mit der am Mittwoch vollzogenen Leihe des spanischen Linksverteidigers Angelino, der per Kaufoption bis 2025 gebunden werden kann, ist ein weiterer Baustein für einen international konkurrenzfähigen Kader gelegt. Im Angriff muss Leipzig aber noch nachlegen, weil Patrick Schick zu Bayer Leverkusen wechselt. Ein Ersatz für den mit fester Kaufoption zum FC Chelsea gewechselten Timo Werner fehlt noch. Der Bremer Milot Rashica war lange Kandidat bei den Leipzigern, die aber letztlich nicht bereit waren, die geforderte Ablöse von mehr als 20 Millionen Euro an den SV Werder zu zahlen. Hee-chan Hwang, Neuzugang vom Schwesterverein aus Salzburg und früher beim Hamburger SV, ist kein klassischer Torjäger. Vorne verkörpert das Team bislang keine internationale Klasse. In dieser (Sturm-)Besetzung sind in der Königsklasse keine höheren Ziele drin.

Worauf steht der Trainer?

Die Zeit des Umschaltspiels als alleiniges Stilmittel ist vorbei, seit Nagelsmann das Steuer übernahm. Die blitzartigen Gegenstöße nach Ballgewinn hatte Rangnick zum Credo des Brauseklubs gemacht – und darüber sogar Vorträge gehalten. Nachteil: Irgendwann hatten sich, ob in der Bundesliga oder im Europapokal, auch die Gegner darauf eingestellt. Unter Nagelsmann zählt auch geduldiger Ballbesitzfußball zum Repertoire. Überdies lässt der rhetorisch geschulte Trainer sehr variabel spielen. In der Champions League war erst das Starensemble von Paris St. Germain zu stark – und damit konnte auch der ehrgeizige Trainer leben.

Zu- und Abgänge

Zugänge : Angelino (Manchester City, Leihe), Lazar Samardzic (Hertha BSC), Benjamin Henrichs (AS Monaco, Leihe), Hee-chan Hwang (RB Salzburg), Josep Martinez (UD Las Palmas), Jean-Kevin Augustin (Leeds United, Leihe beendet), Dennis Borkowski (eigene U19), Tim Schreiber (eigene U19).

Abgänge : Yvon Mvogo (PSV Eindhoven, Leihe), Tom Krauß (1. FC Nürnberg, Leihe), Hannes Wolf (Borussia Mönchengladbach, Leihe), Timo Werner (FC Chelsea), Ethan Ampadu (FC Chelsea, Leihe beendet), Patrik Schick (AS Rom, Leihe beendet), Frederik Jäkel (KV Oostende, Leihe).

Wo hapert’s noch?

In der Liga an Konstanz. Punktverluste gegen die vermeintlich Kleineren brachten Nagelsmann im Alltag vor allem in der Rückrunde regelmäßig auf die Palme. Obwohl die Leipziger als Herbstmeister mit vielen, vielen Lobeshymnen in die Winterpause geschickt wurden, hatte man am Ende 16 Punkte Rückstand auf den Immer-Meister FC Bayern. Da braucht es mehr, um die Liga spannender zu machen.

Wer sticht heraus?

Die Mischung aus entwicklungsfähigen Spielern wie den französischen Abwehr-Assen Dayot Upamecano und Ibrahima Konaté (derzeit verletzt), dem umtriebigen Tyler Adams oder dem flinken Christopher Nkunku gepaart mit erfahrenen Akteuren wie dem zuverlässigen Rückhalt Peter Gulacsi, dem vielseitigen Antreiber Kevin Kampl, dem kernigen Allrounder Marcel Sabitzer oder dem seit 2013 in Leipzig stürmenden Yussuf Poulsen stimmt. Dennoch fehlt ein Star, zu dem sich Timo Werner entwickelt hatte. Der gebürtige Stuttgarter war in Leipzig außerordentlich beliebt, viele Fans trugen sein Trikot. Eine Identifikationsfigur mit Strahlkraft aufzubauen, sollte auf der Agenda stehen.

Wie geht’s dem Schatzmeister?

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Finanzielle Sorgen sind dem Red-Bull-Konstrukt naturgemäß seit der Gründung fremd. In der Saison 2018/19 betrug der Umsatz 274 Millionen Euro, an Gehältern zahlte Leipzig zu diesem Zeitpunkt 125 Millionen Euro, die fünftmeisten der Liga. Als die Sachsen bestätigten, dass sie durch einen Schuldenerlass von 100 Millionen Euro dank ihres Geldgebers das Eigenkapital stärkten, kam auch bei der Konkurrenz viel Argwohn auf. Axel Hellmann, Vorstand von Eintracht Frankfurt, stänkerte über ein hochdefizitäres Geschäftsmodell, der sportliche Erfolg sei „auf Pump“ errichtet worden: „Insofern unterscheidet sich das RB-Modell nicht von den bei anderen europäischen Klubs engagierten Staatsfonds.“ Die Replik von RB-Vorstandschef Oliver Mintzlaff folgte prompt. Auch für Leipzig würden die Regeln des Financial Fair Play gelten. Mit der Corona-Krise sind die Leipziger Leitplanken für diesen Sommer definitiv enger geworden. „Covid-19 macht mit uns auch, was es mit anderen Vereinen macht. Es reißt ein großes Loch in unsere Kasse und hat unsere Budgetplanung komplett über den Haufen geworfen“, betont Mintzlaff. Die Zurückhaltung auf dem Transfermarkt untermauert diese Aussage.

Was ist drin?

Das gewachsene Potenzial mit vielen entwickelten Spielern seit dem Zweitliga-Aufstieg, zu denen auch die deutschen Nationalspieler Lukas Klostermann und Marcle Halstenberg gehören, ist inzwischen so groß, dass RB Leipzig hinter dem FC Bayern und Borussia Dortmund als dritte Kraft angesehen werden muss. Das belegen die dritten Plätze der beiden vergangenen Spielzeiten. Wieder reicht es für einen Champions-League-Platz. Mit einem Titel muss sich Nagelmsann weiter gedulden. Aber mit 33 Jahren ist der Fußballlehrer ja noch jung.

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