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Im Flow: Rudi Bommer (rechts) gegen den Mannheimer Haudegen Roland Dickgießer.

Rudi Bommer

„Geschlafen, gegessen, gespielt“

Ex-Eintrachtprofi Rudi Bommer erinnert sich, wie er 1986 mit Bayer Uerdingen in 41 Tagen 15 Spiele in Bundesliga und Europacup absolvieren musste und nur zwei verlor.

Eintracht Frankfurt startet am Samstag mit dem Heimspiel gegen Borussia Mönchengladbach das Endspurt-Programm mit zehn Bundesligaspielen und einer Pokalpartie bis zum 30. Juni. Es gab in der Bundesliga einen Verein, der hat ein noch wesentlich härteres Programm durchgestanden. Bayer Uerdingen hat in der Saison 1985/86 in 41 Tagen 15 Spiele bestreiten müssen, allein in den letzten elf Tagen sechs Partien! Mit dabei der damals 29-jährige Rudi Bommer, der noch mit 38 Jahren für Eintracht Frankfurt in der Bundesliga gespielt hat.

Herr Bommer, warum musste Bayer Uerdingen im Endspurt der Saison 1985/86 dieses brutale Programm, mit 15 Spielen zwischen 15. März und 26. April, abspulen?

Es gab einen krassen Winter, wir hatten keine Rasenheizung, im Februar fielen alle Spiele aus. Danach haben wir fast nur noch Dienstag, Donnerstag, Samstag gespielt. Bundesliga und Europapokal. Und die Saison musste wegen der WM schon im April beendet sein.

Hat damals niemand wegen Wettbewerbsverzerrung moniert?

Das waren andere Zeiten, da hat man alles hingenommen. Und ganz ehrlich: Uns Spielern war es lieber, alle drei Tage in einem Match zu kicken, als zu trainieren und sich acht Tage lang vorzubereiten. Englische Wochen sind doch das Schönste für Fußballer.

Das Mammutprogramm ging mit einem legendären Europapokalspiel los.

Rudi Bommer erinnert sich noch gut an wilde Tage im Frühjahr 1986.

Oh ja. Das Spiel bleibt unvergessen. Bayer Uerdingen gegen Dynamo Dresden. Wir hatten das Viertelfinal-Hinspiel 0:2 verloren, und lagen daheim zur Pause 1:3 zurück. Also eigentlich draußen. Aber in der zweiten Halbzeit ist etwas passiert, was uns dann auch durch den Rest der Saison getragen hat. Wir haben sechs Tore geschossen, 7:3 gewonnen und sind weitergekommen. Mit so einem Erlebnis kommt du in einen Flow, und alles läuft wie von allein. Deshalb hängt auch jetzt viel von dem ersten Spiel nach der langen Pause ab, mit welchem Gefühl du dann in den Endspurt gehst.

Zur Person

Rudi Bommer, 62, spielte bei Kickers Offenbach in der Jugend. Von 1976 bis 1997 absolvierte er 417 (54 Tore) Bundesligaspiele für Fortuna Düsseldorf, Bayer Uerdingen und Eintracht Frankfurt. 1984 bestritt er sechs A-Länderspiele und war EM-Teilnehmer. Bommer ist als einziger Trainer in Deutschland in die vier höchsten Ligen aufgestiegen. Bis 1. April 2019 war er Trainer beim SC Hessen Dreieich.

Wie verkraftet man als Spieler diese Belastung?

Das war ja für uns nicht komplett ungewohnt. Wir hatten davor auch schon englische Wochen, aber eben nicht so geballt. Unser Trainer Kalli Feldkamp hat das dann optimal gesteuert und Belastung und Erholung dosiert.

Die letzten sechs Spiele mussten in elf Tagen durchgezogen werden.

Ich habe in der Zeit nur geschlafen, gegessen, gespielt. Das war wirklich grenzwertig, danach weiß man, zu was ein Körper fähig ist.

Das Unfassbare an diesem Programm: Von den 15 Spielen haben Sie nur zwei, die Europapokal-Halbfinals gegen Atlético Madrid, verloren. Von den zwölf Bundesligaspielen haben Sie zehn gewonnen und zweimal unentschieden gespielt. Am Ende stand Bayer Uerdingen auf Platz drei.

Wenn das noch zwei Wochen so weiter gegangen wäre, wären wir noch Meister geworden (lacht). Wir hatten schon eine gute Mannschaft, mit Matthias Herget, den Funkel-Brüdern. Dazu hat sich durch die Siegesserie natürlich auch eine Euphorie entwickelt, die uns regelrecht getragen hat. Und ganz wichtig: Wir hatten eine gute, tolle Atmosphäre im Kader. Da gab es kein Gemotze, keine unzufriedenen Ersatzspieler, denn in dieser Phase wird jeder gebraucht und jeder bekommt seine Spielanteile.

Das ist für den Trainer eine angenehme Situation.

Genau. Er kann jederzeit einen rausnehmen, der wird sich dann nicht beschweren. Die Ersatzspieler meckern auch nicht, weil sie garantiert ihre Chance bekommen.

Aber damals durfte nur zweimal ausgewechselt werden.

Ja, und wenn dann so ehrgeizige Spieler wie ich mal raus mussten, waren wir trotzdem sauer (lacht).

Was halten Sie als Trainer von der Regelung, dass jetzt fünfmal ausgewechselt werden darf?

Davon halte ich nichts, das macht für mich keinen Sinn. Bis sich da jeder einfindet, das bringt mehr Unordnung auf den Platz als Hilfe. Ich glaube, da wird der Fußball etwas zu sehr von der Wissenschaft beeinflusst. Ich denke da auch an die Diskussion, ob mit Mundschutz gespielt werden sollte. Was für ein Unsinn. Man darf nicht vergessen, die Vereine haben alle Mammutkader von mindestens 25 Spielern, wahrscheinlich eher 30. Da kann man genug rotieren. Wir hatten damals maximal 20 Spieler im Kader. Und die optimale medizinische Betreuung nicht zu vergessen. Was da für ein Riesenstab an Physios und Betreuern heutzutage aufgeboten wird, ein Traum. Wir hatten damals für den ganzen Kader zwei Physios, und abends musste mir meine Frau dann die Waden massieren.

In einer Phase mit so vielen Spielen, könnte da die Vorbereitung auf den nächsten Gegner zu kurz kommen?

Sind wir mal ehrlich, wenn du drei, vier Jahre in der Bundesliga spielst, solltest du genug über den nächsten Gegner wissen, was der drauf hat und welche Stärken und Schwächen. Ob da noch eine Stunde Videoanalyse weiterhilft, bezweifle ich mal.

Eintracht Frankfurt kommt nun mit elf Spielen in 43 Tagen dem Uerdinger Programm am nächsten.

Die Eintracht ist das gewohnt. Die hatte ihre stärkste Phase letzte Saison, als sie im Europapokal und Bundesliga auch extrem gefordert und belastet war. Wenn du dich als Spieler die ganze Woche nur vorbereitest, macht dich das vielleicht nervöser als ein stressiges Programm. Und Adi Hütter kann das gut steuern, da hat er viel Erfahrung, und er hat das schon letzte Saison sehr gut gelöst.

Welche Rolle wird die Atmosphäre in leeren Stadien spielen?

Da bin ich auch gespannt, das ist völliges Neuland. Die Mannschaften werden unterschiedlich reagieren und etwas Zeit brauchen. Aber grundsätzlich bin ich froh, dass wieder gespielt wird. Das ist wichtig für die Gesellschaft und die Fans. Die Leute sind hungrig auf Abwechslung.

Interview: Jochen Koch

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