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Abflug: Das DFB-Team auf der Heimreise.
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Abflug: Das DFB-Team auf der Heimreise.

WM-Aus für Deutschland

Die Geschichte eines Scheiterns

  • Jan Christian Müller
    VonJan Christian Müller
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Das DFB-Team ist zurück in Deutschland, der Bundestrainer lässt seine Zukunft offen. In Russland verhob sich Joachim Löw daran, die saturierteren Weltmeister und die unverbrauchten Confed-Cup-Sieger zu einer funktionierenden Gruppe zu fügen.

Es waren noch fünf Minuten regulär zu spielen, es sollten dann inklusive Nachspielzeit fast 15 Minuten werden, als Joachim Löw und sein erster Assistent Marcus Sorg in der Coaching-Zone zusammentrafen und entschieden, dass nun alles aufgegeben wird, wofür die deutsche Fußball-Nationalmannschaft zwölf Jahre lang unter dem Bundestrainer Löw gestanden hat. Im tiefsten Inneren hasst es der Fußball-Schöngeist aus tiefster Überzeugung, das auszupacken, was man im Fußballjargon „die Brechstange“ nennt. Aber jetzt, da es dem Ende, vielleicht gar dem Ende einer Ära zuging, war die Verzweiflung zu groß, um noch einen philosophischen Denkansatz zu verfolgen. Also beorderten Löw und Sorg dann Mats Hummels vor. Motto: Knüppel aus dem Sack, lang und dreckig nach vorn.

Der kräftige und großgewachsene Innenverteidiger sollte versuchen, irgendwie ein Tor zu machen. Hohe Flanken, lange Dinger, egal – nur rein sollte der Ball. Denn Deutschland brauchte dieses eine Tor, um sich als Fußballmeister der Welt nicht vor dieser Welt zu blamieren.

Hummels, der beste Spieler seiner Mannschaft, traf bald darauf eine Hereingabe von Mesut Özil statt mit dem Kopf nur mit der Schulter. Es hätte sonst das Tor sein können, das seine Mannschaft im Turnier gehalten hätte. Joachim Löw wäre für seinen taktischen Schachzug gefeiert worden, und sie hätten sich alle miteinander wieder in den Armen gelegen, wie vor ein paar Tagen in der letzten Minute der Nachspielzeit gegen Schweden.

Bald darauf lag Deutschland 0:1 zurück, Hummels war danach noch zweimal gefährlich, er war in diesen paar Minuten der unbeugsamste deutsche Stürmer der gesamten Spielzeit, was einiges aussagt über das, was seine Mannschaft, die ja schon lange keine funktionierende Einheit mehr war, zustande gebracht hatte in diesem Spiel: so gut wie nichts. Dann, als alle nur noch wie paralysiert auf dem Feld herumliefen und der Torwart Manuel Neuer plötzlich auf Linksaußen auftauchte, wo er „eine Flanke reinhaun“ wollte und  prompt den Ball verlor, konterte Südkorea den Weltmeister ein weiteres Mal aus. 0:2. Und dann war alles vorbei. Der totale Systemausfall hatte Deutschland zu Fall gebracht. Joachim Löw irrte etwas ziellos auf dem Feld herum. Ein Abbild seiner Mannschaft.

Der Bundestrainer hatte im Vorbereitungs-Trainingslager im schönen Südtirol inmitten von sanften Weinbergen seinen Job für die Titelverteidigung so dekliniert: „Meine Aufgabe ist es, alles im Flow zu halten.“ Das wurde als moderne Personalführung interpretiert; ein Chef, der seine Leute bei Laune hält, der sich auf die zweite Führungsebene unter ihm verlassen kann und diese machen lässt. Bis er plötzlich und unerwartet erkennen musste, dass die Direktoren in Stollenschuhen es sich mit ihm gemeinsam auf den weichen Sesseln in der Führungsetage allzu gemütlich eingerichtet hatten und die jungen, aufstrebenden Männer der dritten Ebene im  Fahrstuhl nach oben steckengeblieben waren. Löw ist ein guter Fahrstuhlführer, aber kein Mann für den Notdienst. Und dann fummelte er irgendwelche Drähte in aller Eile zusammen, die nicht zusammenpassten – und  sie stürzten alle miteinander ab.

In den letzten mehr als hundert brütenden Minuten in der imposanten Kasan-Arena floss das, was Löw als „Flow“ bezeichnet hatte, in der Gemächlichkeit der mächtigen Wolga, die sich hinter dem Stadion breit und träge um ein paar Kurven windet. Löw stand am Ende da und schaute auf die Szenerie, als sei es nur ein schlechter Traum, aus dem er gleich erwachen würde. Aber es war Wirklichkeit. Seine Mannschaft hatte den Dienst versagt, sie war nicht annähernd gut genug gewesen, es sah so aus, als sei der moderne Fußball über sie hinweggefegt wie ein Orkan. Und der in Wahrheit ja jugendliche Bundestrainer sah plötzlich mit seinen erstmals ergrauten Haaren fast schon aus wie ein älterer Mann.

Der 58-Jährige hatte geglaubt, es würde sich wieder fügen und sich und die von ihm angeleiteten Leute dabei überschätzt. In Lässigkeit und Tiefenentspannung mischte sich eine Prise zu viel Überheblichkeit. Nach dem vollkommenem Systemabsturz im Auftaktspiel gegen Mexiko  posierte er am Schwarzen Meer an einer Laterne wie ein Dressman auf dem Laufsteg. Eine Bilderstrecke kurz nach Sonnenaufgang, die auch intern Kopfschütteln bewirkte.

Aber danach pushte er sich und seine nicht ausbalancierte Truppe zu einem letzten Aufbäumen aus der Gruft. Der 2:1-Last-Minute-Sieg gegen Schweden war allerdings keinesfalls auch nur annähernd überzeugend. Aber es wurde von den schönen Bildern überlagert: Nie zuvor hatte man Löw so emotional coachen sehen, und niemals diese Spieler so erleichtert jubeln. Sie glaubten da, der Welt noch einmal die Zähne zeigen zu können. Aber die Welt sah da schon,  das es nur Prothesen waren.

Und Löw mochte sich auf seine vertrauten Kräfte nicht mehr in Nibelungentreue verlassen. Einen zentralen Teil seiner Achse hat er gegen die minderbemittelten, aber perfekt organisierten Schweden freiwillig zerbrochen. Sami Khedira und Mesut Özil mussten auf die Bank. Ob Löw das aus tiefer innerer Überzeugung getan hat oder aufgrund des öffentlichen Drucks, er möge eine Erneuerung vorantreiben, bleibt vorerst im Dunklen, wie so vieles in dem Camp von Watutinki, das so hermetisch abgeriegelt und hinter Birken versteckt war wie kein Zufluchtsort der Nationalspieler zuvor.

Thomas Müller ist ein Fachmann - aber dann kam die WM

Noch kurz vor dem gründlich missratenen Trip nach Russland hatte Thomas Müller, eine der großen Enttäuschungen, versichert, auf dieser zwar ein wenig in die Jahre gekommenen Generation sei „kein Staub drauf“, ganz im Gegenteil: Die große Erfahrung und die „einheitliche Philosophie, die der Bundestrainer immer wieder vorgibt und einschleift“, biete einen womöglich entscheidenden Wettbewerbsvorteil: „Wir haben ein Korsett, an dem sich jeder Spieler orientieren kann. An fehlenden Abläufen wird es bei uns auf keinen Fall scheitern.“ Müller ist ein Fachmann, aber dann kam die WM. Dann ging nichts mehr zusammen, dann rannten sie bisweilen auf dem Platz umher, als hätten sie sich gerade erst auf irgendeiner Bolzwiese am Stadtrand von Moskau getroffen.

Mittendrin stand der Weltmeistertrainer, machte Beautyfotos am Strand von Sotschi und verlor die Kontrolle über den Fußball. Seine Kollegen aus Mexiko und Südkorea coachten ihn kaltlächelnd aus und stellten ihn so vor einer Weltöffentlichkeit bloß, vor der er vier Jahre zuvor noch die Schlagzeilen mit Schleifchen drumherum übermittelt bekommen hatte. Löw, hieß es bald danach aus DFB-Kreisen, gebe jetzt der „New York Times“ Interviews, nicht mehr der Bäckerblume.  Ein Mann auf dem Höhepunkt seiner Schaffenskraft mit dem entsprechenden Selbstverständnis.

Eine Wahrnehmung, die beim Confederations Cup noch einmal dick unterstrichen wurde. Genau ein Jahr ist es jetzt her, als dieser auch für jahrelange Beobachter noch immer unergründliche Fußballlehrer auch sich selbst ein bisschen neu entdeckte, nachdem er mit einem unverbrauchten, abenteuerlustigen Haufen nach Russland aufgebrochen war und als ein Fußballkönig von Deutschland, ach was, gleich noch mal von der ganzen Welt zurückkehrte. Alles, was Jogi Löw, der Wundermann, anpackte, schien zu Gold zu werden.

Darauf hat er sich irgendwie auch diesmal verlassen. Er glaubte, der Sommer 2017,  ein Sommer im Ballon, getragen von Leichtigkeit und der frischen Seeluft von Sotschi,  würde sich wie von selbst reproduzieren lassen. Aber es fehlte Löw dabei an Inspiration, Gier und  Energie. Und so gelang es nicht, die Generation der etwas saturierteren Weltmeister mit jene der aufstrebenden Confed-Cup-Sieger so zu verzahnen, dass sich eine neue Dynamik entwickeln würde.

Die große Frage, die es zu beantworten gelte, bestätigte Julian Draxler nach dem WM-Aus, sei sicher diese: „Warum hat es mit den Weltmeistern und Confed-Cup-Siegern gemeinsam nicht geklappt?“ Vielleicht, weil der Atmosphäre mit der Rückkehr der Alten all das verlustig ging, was sie ein Jahr zuvor noch ausgemacht hatte? Alles Leichte und Beschwingte und Jugendliche? Dazu gesellte sich, wie bestellt, das Unglück mit dem Quartier in Watutinki, einer besseren Jugendherberge mit dem Wohlfühlfaktor einer Landverschickung.

Als Löw nach den ersten 90 WM-Minuten im Luschniki-Park zu Moskau spürte, dass er sich auf diese Mannschaft nicht mehr verlassen konnte, war es schon zu spät. Auch die heftige öffentliche Reaktion auf das Treffen der Spieler Mesut Özil und Ilkay Gündogan mit dem Despoten Erdogan ist vom Bundestrainer  unterschätzt worden. Er wollte das unangenehme Thema nur vom Tisch haben. Er hat weggedrückt, was sich nicht wegdrücken ließ. Der Präsident Reinhard Grindel sollte es irgendwie richten und ihm die unangenehme Sache vom Leib halten. Es hat alle Beteiligten zunehmend überfordert und ist zu einer nicht zu unterschätzenden Belastung geworden. 

Dass Grindel daraus nun ein Spitzengespräch mit der sportlichen Leitung zu grundsätzlichen Fragen des Umgangs von deutschen Nationalspielern mit hochsensiblen politischen Themen folgen lassen will, dürfte Löw alles andere als behagen. Grindel hörte sich im „FAZ“-Interview am Tag der brachialen  Niederlage gegen Südkorea so an, als wolle er die entsprechende Richtlinienkompetenz des Bundestrainers bei der Kadernominierung insoweit beschneiden, als ungebührliches Verhalten wie jenes von Özil und Gündogan künftig nicht mehr ohne Konsequenzen bleibt.

Erstes Gespräch in der Nacht zum Donnerstag

Schon in der Nacht zu Donnerstag hatten der Verbandschef und Löw darüber gesprochen, wie es weitergehen kann oder ob es aufhören sollte trotz Vertrags bis zur nächsten WM in Katar 2022. Sie hätten sich darauf geeinigt, dass vor allem  Löw einige Zeit in sich gehe, hieß es danach, um dann zu verkünden, ob er sich seinerseits eine Fortsetzung der Zusammenarbeit vorstellen könnte.

Zweifel sind auch deshalb angebracht, weil sein Verhältnis mit Grindel auch wegen der Özil-Gündogan-Angelegenheit belastet ist. Grindel hätte gern mehr Unterstützung von Löw erfahren, Der hätte es gern gesehen, wenn Grindel die Sache abgedimmt hätte, anstatt sie wiederholt öffentlich kritisch zu diskutieren. Der Fußballlehrer und der Politiker werden in solchen Fragen wohl kaum jemals zueinander finden. Mit Grindel-Vorgänger Wolfgang Niersbach, einem unpolitischen Menschen und glühenden Fan des Bundestrainers,  war das viel unkomplizierter.

Gündogan-Özil-Affäre nicht vordringlich schuld am Scheitern

Aber es sind Unannehmlichkeiten, mit denen Nationaltrainer in diesen unruhigen Zeiten klarkommen müssen, wenn sie sie auch als extrem störend empfinden. Löw steht damit gewiss nicht allein in einer komplizierter gewordenen Welt. Natürlich sind Gündogan und Özil nicht vordringlich Schuld am Scheitern. Das wäre viel zu kurz gesprungen. Denn auch fußballfachlich bleiben weitere Fragen, die über das Psychologische, die offenkundigen Probleme in einer offenbar inhomogenen Gruppe, hinausgehen.

Die vielzählige Combo an Fitnesstrainern, teils eigens teuer aus den USA eingeflogen, hat es jedenfalls in Zusammenarbeit mit dem Trainerteam nicht geschafft, die Spieler auf den Punkt hin in einen Zustand zu bringen, der der Welt gezeigt hätte: Diese Deutschen sind auch physisch eine führende Fußballnation. Sie wirkten platt, ausgebrannt, sie waren nicht in der Lage, in der drückenden Schwüle von Kasan Tempo aufzunehmen. „Altherrenfußball“, höhnte Altmeister Paul Breitner. Man kann dem guten Mann in diesem Fall wohl kaum widersprechen. Besser hätte dagegen Lothar Matthäus seine Zunge gezügelt: Ein „Typ mit Ecken und Kanten wie Sandro Wagner“ habe gefehlt, richtete der Rekordmann aller Adlerträger über seine Kanäle aus. Seien wir gnädig, verbuchen den Satz in die Kategorie Unsinn und vergessen ihn wieder.

Vergessen sollte jedoch niemand zwei Sätze, die der Kapitän Manuel Neuer im Kunstlicht der Mixed Zone sprach, nachdem er als Erster die Kabine verlassen hatte. Es sind Sätze, die davon zeugen, dass nichts gestimmt hat in dieser Truppe. Neuer sagte, erstens: „Selbst wenn wir jetzt weitergekommen wären, hätte doch jeder gerne gegen uns gespielt.“ Und der Torwart fügte, zweitens, hinzu: „Man hat nicht bemerkt, dass wir hier eine Weltmeisterschaft spielen.“ Es sind Worte wie Fallbeile. Worte, die tiefe Enttäuschung, aber auch Realismus ausdrücken und die schwerwiegende Probleme in dieser Gruppe zumindest indirekt benennen. Neuer hatte neun Monate lang alle seine Kraft darauf verwendet, nach drei Mittelfußbrüchen zeitig zurückzukommen. Und dann das.

Es war am Donnerstag kurz nach halb zwölf, als Joachim Löw und Reinhard Grindel gemeinsam den Trauermarsch der DFB-Gemeinde zum Fluggaststieg 29 des Flughafens Moskau-Vnukovo anführten, wo die eilig herbeigeschaffte  Lufthansa-Sondermaschine LH 343 bereits wartete.  War das ein sichtbares Zeichen der Allianz zwischen Bundestrainer und Präsident? Löw grüßte die am Gate wartenden Reporter freundlich. Niemand im Verband weiß, ob er die Kraft, vor allem die Widerstandkraft, aufbringt zum Weitermachen, das kein Weiter so sein darf.

Als bald darauf die ersten Spieler angetrottet kamen, schafften es nur wenige, sich zu einem Gruß aufzuraffen. Und auch die Medienvertreter blieben zumeist stumm. Urs Siegenthaler, der Chefscout aus Basel, Löws enger Vertrauter, der sicher etwas zu sagen gehabt hätte, bat freundlich, aber  bestimmt um Verständnis, dass er das in dieser Situation lieber nicht tun wollte. Das sei keine Anweisung von oben, vergaß der Schweizer Charakterkopf nicht hinzuzufügen.

Später dann, als der Flieger schon einiges an Verspätung angehäuft hatte, weil das Schwergepäck – all die Pulsuhren und Pulswärmer, Püderchen und Pads – des gewaltigen, 111 Personen umfassenden DFB-Trosses noch mühsam verladen werden musste, steckten Löw in seiner Reihe 2 und Grindel in der ersten Reihe die Köpfe zusammen. Ein zweites und drittes verbales Abtasten, wie es weitergehen könnte? Eine Debatte über das mögliche Ende einer Ende einer goldenen Generation, die, bis auf Sami Khedira und Mario Gomez, noch entschieden zu jung ist, um einem kompletten Umbruch zu weichen? Oder nur ein Smalltalk über die Bordverpflegung und die dem  Anlass der verfrühten Rückkehr angemessen kaputten Toiletten vorn? So mussten die gefallenen Helden einer nach dem anderen nach hinten, durch die Reihen der feixenden Reporter, um einem menschlichen Bedürfnis nachzugehen. Es sah so aus, als empfände mancher das als zusätzliche Demütigung. 

Als der Airbus schließlich seine die avisierte Flughöhe erreicht hatte, kam Sebastian Rudy mit seiner Frau und dem kleinen Baby im Arm durch die Reihen in Richtung des Waschraums. Nationalspieler Rudy hatte eine frische Windel in der Hand. Er wusste, worauf es jetzt ankommt. Auf das Wichtige im Leben. 

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