Alle Augen richten sich auf Max Kruse.
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Alle Augen richten sich auf Max Kruse.

FR-Bundesliga-Tipptabelle (8)

Union Berlin: Gerüstet für alle Fälle

  • Jakob Böllhoff
    vonJakob Böllhoff
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Die kampfstarken Köpenicker wollen neue Akzente setzen im zweiten Erstligajahr – das liegt auch an einem namhaften Neuzugang

Vor einem Jahr noch schrieb man dem 1. FC Union Berlin beste Chancen zu, seine erste Bundesliga-Saison mit dem sofortigen Wiederabstieg zu beenden. Es kam dann anders, der Weg zum Klassenerhalt verlief bemerkenswert unproblematisch. Auch fürs traditionell komplizierte zweite Jahr wähnen sich die „Eisernen“ grundsätzlich gerüstet – nicht zuletzt dank eines großen Transfers.

Wie ist die Stimmung?

Gar nicht mal so gut. „Es hat alles gefehlt. Ansätze habe ich auch nicht gesehen“, sagte Trainer Urs Fischer, nachdem sein Team im Trainingslager im Unterallgäu ein Testspiel mit 0:3 verloren hatte, gegen WSG Tirol. „Ich bin nicht zufrieden“, betonte Fischer: „Müdigkeit lasse ich nicht als Erklärung zu. Auch die andere Mannschaft ist in der Vorbereitung.“ Die sportlichen Anlaufschwierigkeiten in die Vorbereitung werden begleitet von den hartnäckigen Versuchen des 1. FC Union, in Zeiten einer Pandemie mit wieder steigenden Infektionszahlen Zuschauer ins Stadion zu bekommen. Vor ein paar Wochen fabulierte Vereinspräsident Dirk Zingler sogar noch davon, die Spielstätte „Alte Försterei“ mittels Präventivtests schon zu Saisonbeginn voll auszulasten (Kapazität 22 500). Das ist natürlich mehr denn je eine Illusion, aber Zingler lässt auf dem Gebiet weiter nichts unversucht und sieht sich und seinen Klub als Vorreiter Richtung Fan-Rückkehr.

Wie stark ist der Kader?

Die Verpflichtung Max Kruse war ein Coup. Eine Soforthilfe kann der 32-Jährige Angreifer aber alleine schon deshalb nicht sein, weil er noch mit den Nachwirkungen einer Sprunggelenksverletzung zu kämpfen hat, die er sich bei Fenerbahce Istanbul zugezogen hatte. Ist Kruse dann irgendwann mal gesund und fit, dürfte er das Offensivspiel der Berliner bereichern, aber damit ist frühestens im Herbst zu rechnen. Ansonsten sieht der Kader in etwa so stark aus wie in der Vorsaison, mit einer nicht unwesentlichen Ausnahme allerdings: Torwart Rafal Gikiewicz ist zum FC Augsburg gegangen. Der Pole mit den Husky-Augen war prägend bei den Köpenickern, als Persönlichkeit und starker Rückhalt. Dass Andreas Luthe, der ganz normale Augen hat und den umgekehrten Weg ging, von Augsburg nach Berlin, Gikiewicz angemessen ersetzen kann, ist nur schwer vorstellbar.

Worauf steht der Trainer?

Auf das, was man wohl „ehrlichen Fußball“ nennt. Trainer Urs Fischer ist Pragmatiker, der Schweizer weiß, dass Union mit Hurra-Fußball keine Chance hat in der Bundesliga. Stattdessen: Kompakt verteidigen, die Gegner in eine regelrechte Zweikampfschlacht verwickeln (mitunter im Grenzbereich zur Brutalität), schließlich schnörkellos nach vorne spielen, gerne mit langen Bällen (sieht manchmal aus wie Fußball-Golf). Das war der Schlüssel zum Klassenerhalt im ersten Erstligajahr. Das könnte er, ergänzt womöglich durch das eine oder andere spielerische Element, auch im zweiten sein.

Zu- und Abgänge

Zugänge: Max Kruse (Fenerbahce Istanbul), Robin Knoche (VfL Wolfsburg), Andreas Luthe (FC Augsburg), Cedric Teuchert (FC Schalke 04), Nico Schlotterbeck (Sport-Club Freiburg, Leihe), Keita Endo (Yokohama F. Marinos, Leihe), Niko Gießelmann (Fortuna Düsseldorf), Sebastian Griesbeck (1. FC Heidenheim 1846), Marius Bülter (Magdeburg, nach Leihe fest verpflichtet), Lars Dietz (Viktoria Köln, Leihe beendet), Tim Maciejewski (eigene U19), Lennart Moser (Cercle Brügge, Leihe beendet), Nicolai Rapp (SV Darmstadt 98, Leihe beendet), Berkan Taz (Energie Cottbus, Leihe beendet), Andreas Luthe (FC Augsburg), Robin Knoche (VfL Wolfsburg). Abgänge: Suleiman Abdullahi (Eintracht Braunschweig, Leihe), Moritz Nicolas (Borussia Mönchengladbach, Leihe vorzeitig beendet), Florian Flecker (FC Würzburger Kickers), Lennard Maloney (Borussia Dortmund U23, war zuvor an den Chemnitzer FC ausgeliehen), Julius Kade (SG Dynamo Dresden), Laurenz Dehl (Hallescher FC, Leihe), Rafal Gikiewicz (FC Augsburg), Maurice Opfermann (Vertragsende), Yunus Malli (VfL Wolfsburg, Leihe beendet), Michael Parensen (Karriereende), Sebastian Polter (Vertragsende), Ken Reichel (Vertragsende), Keven Schlotterbeck (SC Freiburg, Leihe beendet), Manuel Schmiedebach (Vertragsende).

Wo hapert’s noch?

0:3 gegen Tirol und 1:2 gegen Köln – die Testspiele unterstreichen, dass Union noch Baustellen in allen Bereichen hat. Grund zur Sorge gebe es allerdings nicht, sagte Kapitän Christopher Trimmel. Tests seien genau dafür da, dass man etwas ausprobiert, um es im Ernstfall besser zu machen. Was soll er auch sagen.

Wer sticht heraus?

Max Kruse bindet die Aufmerksamkeit. Dass der ehemalige Nationalspieler ausgerechnet dem kleinen Kiez-Klub aus Berlin den Zuschlag gab, nachdem er seinen Vertrag in Istanbul wegen ausbleibender Lohnzahlungen aufgelöst hatte (wobei sich ein Transferstreit anbahnt, Fenerbahce hat noch nicht alle Dokumente rausgerückt), ließ aufhorchen. Der Verdacht liegt nah, dass Genussmensch Kruse beim Wechsel nicht nur an die tolle Atmosphäre der „Alten Försterei“ gedacht (wenn mal wieder Fans rein dürfen), sondern auch an das pulsierende (Nacht-)Leben in der Hauptstadt. Zudem hat der glühende Poker-Spieler seine Social-Media-Aktivitäten auffällig verstärkt, einen eigenen Youtube-Kanal eröffnet. Werkelt Kruse bereits an der Karriere nach der Karriere?

Die Tipptabelle der FR.

Wie geht’s dem Schatzmeister?

Natürlich drängt Union auch deshalb so vehement auf die Rückkehr der Stadionzuschauer, weil es die Einnahmen dringend braucht. Der Geldbeutel war ja schon vor der Corona-Krise auf Kante genäht. Ende 2019 plante man noch bei einem Rekordumsatz von knapp 75 Millionen Euro mit einem schmalen Gewinn von 125000 Euro. Doch das ist, trotz vorübergehenden Gehaltsverzichts der Profis, nun wohl hinfällig. Wie sehr die Krise den Klub tatsächlich trifft, lässt sich aber noch nicht abschätzen.

Was ist drin?

Sie werden der Liga das Leben sicher wieder schwer und unangenehm machen, die tapferen Unioner. Max Kruse könnte neue spielerische Akzente hineinbringen und dem Klub ganz allgemein zu mehr Aufmerksamkeit verhelfen, was bei Kruse jedoch nicht per se etwas Gutes bedeutet. Aber wenn nichts Größeres schiefgeht, hat die Mannschaft von Trainer Fischer gute Chancen auf den erneuten Klassenerhalt.

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