+
Ein bisschen verrückt ist Mario Gomez schon geworden mit dem „bescheuerten Videobeweis“, diesem totalen „Bullshit“.

KOMMENTAR

Gerechtigkeit in Zentimetern

  • schließen

Der Stuttgarter Stürmer Mario Gomez verzweifelt an den Abseitsentscheidungen der Schiedsrichter. Es ist ein bisschen wie bei der Steuererklärung. Sie soll gerecht sein, ist deshalb kompliziert und nervt. Ein Kommentar.

Es ist inzwischen zum Running Gag geworden: Mario Gomez jubelt über ein Tor, aber er jubelt zu früh. Ein knappes halbes Dutzend Mal ist dem Ex-Nationalspieler das zuletzt passiert, gleich dreimal neulich beim Stuttgarter 1:2 in Sandhausen, daheim gegen Nürnberg und jetzt beim 1:1 in Darmstadt. Es ist zum Verrücktwerden, und ein bisschen verrückt ist Mario Gomez schon geworden mit dem „bescheuerten Videobeweis“, diesem totalen „Bullshit“.

Gomez steht nicht allein mit diesem Gefühl. Hört man sich um, mehren sich die Stimmen derjenigen, die den Überprüfungen nichts Gutes mehr abgewinnen können. Das Grundrauschen des Genörgels ist unüberhörbar geworden, hinzu kommen einzelne Ausbrüche wie jetzt den von Gomez.

Das Dumme an der Sache: Die Menschen haben nicht mehr das Gefühl, dass der Video Assistant Referee für mehr Gerechtigkeit sorgt. Es ist ein bisschen wie bei der Steuererklärung. Sie soll gerecht sein, ist deshalb kompliziert und nervt.

Beim Handspiel kapiert ehrlicherweise niemand mehr, was Sache ist, selbst torwartähnliche Einlagen von Feldspielern werden stellenweise durchgewinkt. Weitgehend akzeptiert war bislang jedoch die sogenannte kalibrierte Linie samt Anlegens eines Lots, um dann, wenn es eng wird, zentimetergenaue Ergebnisse herbeizuführen. Gomez hat Zweifel, ob die vorhandene Technik solch knappe Entscheidungen überhaupt zulässt. „Solange es die Technik nicht gibt, dass der Ball sagt ‚jetzt habe ich den Fuß verlassen‘, und solange es die Kamera nicht gibt, die immer auf der Höhe des letzten Mannes ist, sage ich, es ist eine Katastrophe. Sobald es die Technik irgendwann gibt, dann akzeptiere ich’s. Aber da werde ich nicht mehr spielen.“

DFB-Oberschiedsrichter Jochen Drees sagt, die moderne Kameratechnik erlaube „faktisch richtig getroffenen Entscheidungen“, das betreffe sowohl „die Identifizierung des relevanten Moments des Ballabspiels als auch die Positionierung der kalibrierten Abseitslinien“. Es handele sich um „klassische Schwarz-Weiß-Entscheidungen“. Und er führt aus: „Beim Ballabspiel ist der erste Impuls des ballführenden Spielers beim Pass entscheidend, nicht der Moment, in dem der Ball den Fuß des Spielers beim Zuspiel verlässt.“ Man kann das als Normalsterblicher kapieren oder nicht. Man kann es auch so interpretieren wie Ex-Profi Jan-Aage Fjörtoft: „Am besten, man kauft sich keine Stürmer mit langer Nase mehr.“ Die Nase könnte schließlich Abseits stehen.

Berechnungen aus England zufolge, wo eine ähnliche Debatte geführt wird, ist die Ermittlung der Nasenlänge Abseits schier unmöglich. Denn die Technik erlaube es nicht, präziser als 19,428 Zentimeter genau zu urteilen. Es sind genau diese knapp 20 Zentimeter, die Gomez an der Gerechtigkeit zweifeln lassen. Man muss sagen: Da ist Menschen auf dieser Welt schon mehr Unrecht geschehen.

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare

Liebe Leserinnen und Leser,

wir bitten um Verständnis, dass es im Unterschied zu vielen anderen Artikeln auf unserem Portal unter diesem Artikel keine Kommentarfunktion gibt. Bei einzelnen Themen behält sich die Redaktion vor, die Kommentarmöglichkeiten einzuschränken.

Die Redaktion