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Generalversammlung der DFL an einem geschichtsträchtigen Ort

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Von: Jan Christian Müller

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Damals in Dortmund: Der DFB-Bundestag beschließt am 28. Juli 1962 im Goldsaal die Einführung der Fußball-Bundesliga.
Damals in Dortmund: Der DFB-Bundestag beschließt am 28. Juli 1962 im Goldsaal die Einführung der Fußball-Bundesliga. © imago/Horstmüller

Die 36 Klubs der Fußball Bundesligen arbeiten im Goldsaal der Dortmunder Westfalenhallen Zukunftsthemen ab. Digitalisierung, Nachhaltigkeit und die Zukunft von 50+1 bestimmen die Debatte.

Generalversammlungen der 36 deutschen Lizenzklubs der beiden Fußball-Bundesligen haben zuletzt stets in Berlin stattgefunden. 2022 ist das anders: Man trifft sich in den Dortmunder Westfalenhallen, genauer: in jenem Goldsaal, in dem vor 60 Jahren die Delegierten dafür stimmten, die Bundesliga zu gründen. Der seit Jahresbeginn amtierende Aufsichtsratsvorsitzende Hans-Joachim Watzke von Borussia Dortmund hat also ein Heimspiel. Unbedeutend ist das nicht. Die Machtzentrale des deutschen Profifußballs sitzt nicht mehr allein bei der Deutschen Fußball-Liga (DFL) im vornehmen Frankfurter Westend, sondern inzwischen auch im Dortmunder Rheinlanddamm. Liefen zuvor anderthalb Jahrzehnte alle Fäden bei dem ehemaligen DFL-Boss Christian Seifert zusammen, so tun sie das nun sowohl beim bestens vernetzten Watzke als auch bei Seiferts Nachfolgerin Donata Hopfen.

Es gibt zudem in Frankfurt inzwischen einen hochgeachteten Außenposten, der am Mittwoch erstmals ins einflussreiche Präsidium der Deutschen Fußball-Liga einzieht. Der 51 Jahre alte Axel Hellmann löst dort den Stuttgarter Alexander Wehrle ab. Wehrle ist jüngst zum Aufsichtsratschef des Deutschen Fußball-Bundes (DFB) erkoren worden. Für den 47-Jährigen war schnell klar, dass er als neuer Vorstandschef des VfB Stuttgart nicht sowohl neuer Aufsichtsratsvorsitzender der DFB GmbH als auch Präsidiumsmitglied der DFL sein kann: „Das hätte nicht funktioniert.“ Ergo räumt er bei der DFL seinen Stuhl für den Eintracht-Vorstandsprecher Hellmann. Wehrle: „Ich habe mit ihm einen guten Austausch.“

Derweil kämpft Donata Hopfen („Ich liebe Fußball seit Kindertagen“) noch um Anerkennung. Das ist schwierig, weil die 46-jährige Medienmanagerin sich mit Alphatieren konfrontiert sieht und ins hochkomplexe Fußballbusiness erst reinfuchsen muss. Das musste Seifert anno 2005 auch und war sich dabei nicht zu schade, in Hinterhofcafés Gesprächspartner zu treffen, um bei Kaffee und Kuchen seine Visionen moderner medialer Vermarktung zu präsentieren. Die Klubmanager sind sich weitgehend einig: Seifert hat weit überperformt - und er hat erkannt, wann ein guter Zeitpunkt ist, zu gehen.

Hopfen sagt: „Wir müssen schon eine gewisse Offenheit haben, neu zu denken.“. Die 46-Jährige setzt vor allem auf Digitalisierung, um neue Geldquellen anzuzapfen. Christian Heidel, Sportvorstand von Mainz 05, rät da lieber zu Zurückhaltung: „Wir müssen aber aufpassen, dass wir das Rad nicht überdrehen und das typische Fußballgefühl nicht verloren geht. Ich habe ein bisschen Angst davor, dass der Fußballfan am Ende nur noch mit dem Handy im Stadion steht und das, was unten auf dem Platz passiert, nicht mehr die elementare Rolle spielt.“

Heidel nennt ein Beispiel: „Wir müssen genau abwägen. Die DFL setzt mit viel Druck auf eSports. Ich habe aber nicht das Gefühl, dass bislang der große Erfolg eingetreten ist, den man dem eSports seit Jahren prognostiziert. Trotzdem sagen viele Experten: Das ist die Zukunft. Natürlich müssen wir uns damit beschäftigen, aber wir müssen uns noch mehr auf das Geschehen im Stadion konzentrieren. Das ist mit Lichtjahren Abstand das, was die Massen bewegt.“ Donata Hopfen argumentiert: „Junge Menschen konsumieren den Fußball heute ganz anders als früher. Das heißt aber doch nicht, dass sich andere Fans verändern müssen.“

Weitere Diskussionsthemen der Großen Versammlung in Dortmund, von der die Medien am Mittwochmorgen ausgeschlossen sind: Wie geht es voran mit den Verhandlungen der Bundesliga mit dem DFB um den Grundlagenvertrag, der den Geldfluss von den Profis zu den Amateuren regelt? Der Kontrakt wird von vielen an der Basis als unausgewogen empfunden, weil nur sechs Millionen Euro pro anno nach unten gereicht werden. Alexander Wehrle findet: „Wir sollten über die Zukunft des deutschen Fußballs in Gänze sprechen. Es darf kein Gegeneinander mehr geben. Wir sind durch die Neuaufstellung in den Spitzen des DFB und der DFL gut gemeinsam unterwegs.“

Er selbst befindet sich im engen Austausch mit DFB-Präsident Bernd Neuendorf, den er als ehemaliger Geschäftsführer des 1. FC Köln in dessen Zeit als Präsident des Westdeutschen Fußball-Verbandes kennengelernt hat. „Neuendorf wirkt ruhig, gelassen und doch bestimmt, er kann moderieren und Leute mitnehmen. Und er scheut sich nicht vor klaren Botschaften – auch Richtung Katar und Fifa-Präsident Gianni Infantino.“ Aki Watzke stimmt zu: Neuendorf sei „genau der richtige Mann mit seiner Geduld, Kompromiss- und Konsensorientierung“.

Debattiert wird derzeit auch über einen möglichen Verkauf von Anteilen der TV-Rechte an Investoren, um bis zu vier Milliarden Euro einzunehmen. „Ich halte nichts davon, nur noch mehr Geld in den Kreislauf zu pumpen und eins-zu-eins auszugeben“, sagt Wehrle. Das mögliche frische Kapital sollte besser in Streaming-Plattformen, die Internationalisierung und für Nachhaltigkeitsprojekte genutzt werden: „Wir wollen die nachhaltigste Liga Europas werden.“

Komplexester aktueller Streitpunkt ist die in dieser Form vom Kartellamt gerügte 50+1-Regel zum Schutz der Mitglieder-Stimmmajorität gegenüber Investoren. Sollte 50+1 fallen, fürchtet Heidel, „dass ein kleiner Zweitligaklub von einem Milliardär gekauft wird und auf einmal um die Meisterschaft mitspielt“. Wehrles klare Meinung: „50+1 ist aus meine Sicht alternativlos. Wir sollten alles daransetzen, 50+1 zu behalten. Aber natürlich müssen wir die vom Bundeskartellamt gerügten Ergebnisabführungsverträge kritisch hinterfragen.“

Denn dank diesen, besonders von St. Paulis Präsident Oke Göttlich schon seit Jahren fundiert kritisierten, Arrangements können die Fußball-Töchter VfL Wolfsburg und Bayer Leverkusen Verluste direkt an die Konzernmütter weiterreichen, derweil die Konkurrenz während Corona ihr Eigenkapital schmelzen sah wie Schnee in der Wüste.

Für Watzke muss die 50+1-Regel im Grundsatz bleiben. Im „Kicker“ sagte er: „Demokratische Mitbestimmung, wie sie in Vereinen seit Hunderten von Jahren“ praktiziert werde, „ist so tief in unserer Gesellschaft verwurzelt, dass eine Abschaffung tiefe Verwerfungen auslösen würde.“ Sollte jemand erfolgreich gegen 50+1 klagen, „dann sage ich Adios“.

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