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Geld für die Götter

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Von: Jan Christian Müller

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Einstmals Lichtgestalt: Franz Beckenbauer.
Einstmals Lichtgestalt: Franz Beckenbauer: Foto: AFP © AFP

Flossen die Millionen, um die WM 2006 zu kaufen? War das nicht gar ein preiswerter Einkauf für den schönsten Sommer, den Deutschland je erlebt hat? Ein Kommentar.

Der ehemalige Fifa-Pressechef Guido Tognoni hat es seinerzeit auf den Punkt gebracht: „Die Regeln der Fifa besagen: Bei einzelnen Herrschaften gibt es ohne Bezahlung keine Stimme.“ Und er fügte hinzu: „Die Exekutivmitglieder fühlen sich wie Masters of the Universe.“ Wie leibhaftige Götter sozusagen.

Das war das Umfeld, in dem das deutsche WM-Bewerbungskomitee unter Anführerschaft von Franz Beckenbauer im Juli 2000 mit 12:11 Stimmen gegen Südafrika gewann und die Fußball-Weltmeisterschaft nach Deutschland holte. Und das war auch noch die vergleichbare Situation, als Russland und Katar sich zehn Jahre später die Weltmeisterschaften 2018 und 2022 erwarben.

Der unter dem öffentlichen Druck eingesetzte Fifa-Chefermittler Michael Garcia konnte viele Indizien, aber nach Ansicht der Fifa-Ethikkommission unter Vorsitz des deutschen Richters Hans-Joachim Eckert keine ausreichend konkreten Beweise vortragen, um Katar, Russland und den Fußball-Weltverband der Korruption zu überführen (was im Grund ein Treppenwitz ist und Garcia entsprechend erzürnte).

Auch eine vom Deutschen Fußball-Bund für fast zehn Millionen Euro eingekaufte Anwaltskanzlei zur Aufklärung der als „Sommermärchenaffäre“ berühmt gewordenen ominöse Zahlung von umgerechnet 6,7 Millionen Euro von einem Konto Beckenbauers an den längst lebenslang gesperrten katarischen Ex-Funktionär und begnadeten Strippenzieher Mohamed bin Hammam brachte keine endgültige Aufklärung. Floss das Geld, um die WM zu kaufen? War das nicht gar ein preiswerter Einkauf für den schönsten Sommer, den Deutschland je erlebt hat?

Sicher ist, dass der DFB dem wohl korruptesten aus der Fifa-Riege, dem längst ebenfalls lebenslang aus dem Verkehr gezogenen Stimmenbeschaffer Jack Warner aus Trinidad und Tobago, in der Woche vor der WM-Vergabe an Deutschland Eintrittskarten und weitere Leistungen im Gegenwert von zehn Millionen Mark zusagten. Der Vertragsentwurf, von Beckenbauer gegengezeichnet, wurde indes nie erfüllt. Zählt das als Kauf der WM oder nicht? Als Versuch sollte man es zumindest interpretieren.

Wie dem auch sei. Weil die 6,7 Millionen von Beckenbauer an Bin Hamman seinerzeit vom Kaiser zuvor beim längst verstorbenen ehemaligen Adidas-Boss Robert Louis-Dreyfus geliehen worden waren und Louis-Dreyfus das Geld irgendwann zurückhaben wollte, wozu Beckenbauer persönlich nicht bereit gewesen sein soll, verlief, so vermuteten die Ermittler, die Rückzahlung via DFB über die Fifa an Louis-Dreyfus.

Der DFB verbuchte den Betrag als Betriebsausgabe für eine WM-Gala. Diese Gala fand aber nie statt, weshalb die Steuerbehörde in Frankfurt dem Verband im Oktober 2017 fürs Jahr 2006 die Gemeinnützigkeit entzog. Das bedeutete eine Steuerforderung von 19,2 Millionen Euro plus aufgelaufene Zinsen, der DFB überwies 2018 satte 22,57 Millionen Euro ans Finanzamt und legte umgehend Revision ein. Dadurch, dass das Landgericht Frankfurt/Main nun einen Schlussstrich unter das Steuerstrafverfahren gegen die ehemaligen DFB-Präsidenten Wolfgang Niersbach und Theo Zwanziger sowie den langjährigen DFB-Generalsekretär Horst R. Schmidt gezogen hat, dürften die Chancen nicht schlechter geworden sein, das viele Geld zurückzubekommen. Plus Zinsen.

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